• Interview mit Literaturübersetzer Bernhard Hartmann: „Man braucht ein Gefühl für Rhythmus“

Interview mit Literaturübersetzer Bernhard Hartmann : „Man braucht ein Gefühl für Rhythmus“

Literaturübersetzer Bernhard Hartmann ist am Dienstag in der Villa Quandt zu Gast. Im Interview spricht er über seine Arbeit und die Rolle des Übersetzers.

Andrea Lütkewitz
Übersetzer Bernhard Hartmann.
Übersetzer Bernhard Hartmann.Foto: Jan Zappner/promo

Herr Hartmann, Sie sind als Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche zu Gast bei der Veranstaltung „Die (Un-)Sichtbaren“ in der Villa Quandt. Fühlen Sie sich unsichtbar?
 

Jein, würde ich sagen. Es gibt immer Kontexte, in denen man sich wünschen würde, dass zumindest der Name des Übersetzers genannt würde, in Rezensionen in Zeitungen beispielsweise. Oder wenn es heißt, der Autor schreibt so oder so, das heißt, wenn es um den Stil geht. Ansonsten gibt es inzwischen natürlich eine Menge Institutionen und Veranstaltungen, bei denen die Übersetzer vorgestellt werden – da kann man eigentlich nicht klagen. Aber es kann auch ein Vorteil sein, wenn man nicht so sichtbar ist, seine Arbeit macht und ansonsten seine Ruhe hat. Das geht den Autoren anders.

Zur Person

Bernhard Hartmann, 1972 in Gerolstein geboren, hat Slawistik/Polonistik und Germanistik studiert. Nun übersetzt er literarische sowie kulturwissenschaftliche Texte aus dem Polnischen.

Ist ein Übersetzer auch ein Erklärer von Sachverhalten und damit auch ein Vermittler?

Auf jeden Fall und vielleicht sogar vor allem ist er ein Vermittler und Erklärer. Und das war ich auch schon vor Ausübung dieses Berufs. Ich komme aus der westdeutschen Provinz, da war Ende der 1980er, Anfang der 1990er Polen weit weg. Da musste ich Freunden und Verwandten ständig erklären, was es denn mit diesem Land eigentlich auf sich hat. Und auch aktuell ist es wieder so mit der jüngst wiedergewählten Regierung, da gibt es viele Fragen. Und als Literaturvermittler ist man natürlich mit dafür verantwortlich, welche Autoren übersetzt werden. Wenn ich also etwas entdecke, dann bemühe ich mich darum, es auch in deutscher Sprache zugänglich zu machen.

Wie sichtbar ist denn die übersetzte polnische Literatur in Deutschland?

Lange Zeit waren nur einzelne große Namen bekannt. Einen Wendepunkt markierte die Frankfurter Buchmesse 2000, bei der Polen Gastland war. Hier wurden Autoren, die inzwischen etabliert sind und mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, zum ersten Mal von einem breiteren Publikum wahrgenommen: Andrzej Stasiuk, Olga Tokarczuk und weitere.

Sie übersetzen auch Lyrik. Wie sehr müssen Sie selbst Dichter sein?

Ich würde mich nicht als Dichter bezeichnen. Aber man braucht natürlich ein gewisses Gespür, auch dafür, wie man gewisse Bilder in der eigenen Sprache am besten ausdrücken kann. Ab und zu muss man reimen, man braucht ein Rhythmusgefühl, somit ist es also die handwerkliche Seite des Dichtens, die man beherrschen muss. Für die Ideen und Bilder sind die Dichter zuständig. Ich komme von den Literaturwissenschaften und würde mich eher als Philologen bezeichnen. Ich hänge sehr an der Originalsprache, ein Dichter, der nachdichtet, geht das vielleicht etwas kühner an als ich. Das macht es auch spannend, wenn man unterschiedliche Übersetzungen nebeneinander legt.

2013 haben Sie den Karl-Dedecius-Preis für polnische und deutsche Übersetzer erhalten. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Dass ich öfter über das Übersetzen spreche oder zu wissenschaftlichen Tagungen und Vorträgen eingeladen werde. Ein Freund von mir, der den Preis auch bekommen hat, hat mir erzählt, dass er zwei Jahre danach kaum Aufträge erhalten hat, und so etwas Ähnliches habe ich auch erlebt. Weil die Leute vielleicht denken, wenn der so einen Preis bekommen hat, dann macht der bestimmte Sachen vielleicht gar nicht mehr, weil es zu banal ist. Was natürlich nicht stimmt!

Welches polnische Werk muss unbedingt noch ins Deutsche übersetzt werden?

Es gibt kein Buch, von dem ich sagen würde, das muss jetzt unbedingt übersetzt werden, weil schon sehr viel übersetzt wurde. Aber es gibt immer wieder Autoren, von denen ich denke, dass sie zu wenig bekannt sind. Zum Beispiel meine absolute Lieblingsautorin, eine Zeitzeugin fast des gesamten 20. Jahrhunderts, die Dichterin Julia Hartwig. Von ihr habe ich im Studium gar nichts gehört, sie ist aber vom literarischen Rang genauso hoch einzustufen wie Wislawa Szymborska oder Tadeusz Rozewicz.

>>„Die ‚(Un-)Sichtbaren‘“, Lesung und Gespräch in der Villa Quandt, Dienstag, 29. Oktober, 19 Uhr