• Interview mit Ingo Schulze: "Fontane hat Brandenburg eine Seele gegeben"

Interview mit Ingo Schulze : "Fontane hat Brandenburg eine Seele gegeben"

Was der Schriftsteller Ingo Schulze vom alten Fontane lernt und welche Bücher er jungen Lesern empfiehlt.

Heidi Jäger
Der Schriftsteller Ingo Schulze liest in der Heilandskirche Sacrow seinen Essay über Fontane.
Der Schriftsteller Ingo Schulze liest in der Heilandskirche Sacrow seinen Essay über Fontane.Foto: Gaby Gerster

Herr Schulze, Sie haben sich auf die Spuren von Fontane begeben und einen Essay über Ihre literarische Erkundung geschrieben. Sind Sie auch ein Wanderer?
 

Ich würde das eher eine Art Reisetagebuch nennen, was ich da versucht habe. Ein Wanderer war und bin ich, früher in der Hohen Tatra, in diesem Jahr wenigstens in der Sächsischen Schweiz, aber so eine Fontanesche Wanderung ist ja eher eine Exkursion, geografisch und vor allem auch historisch. Meine einzige längere Wanderung in den fünf Tagen ging von Caputh um den Schwielowsee, nach Paretz habe ich mir eine schnellere Anreise geleistet, Fontane ist ja mitunter auch Dampfschiff oder Eisenbahn gefahren.

Wie nah ist Ihnen der Dichter gekommen?

Wenn man sich einmal vorstellt, es gäbe diese Fontane-Wanderung nicht – das Land Brandenburg wäre ein anderes Land. Auch diejenigen, die nie eine Zeile Fontane gelesen haben, profitieren heute von ihm, weil er dem Land eine Seele gegeben hat, das Antlitz seiner Zeit festgehalten hat, er hat diese Kulturlandschaft gelesen und zur Sprache gebracht. Das lässt sich gar nicht überschätzen.

Welches Verhältnis hatten Sie zuvor zu dem in diesem Jahr so groß gefeierten Dichter?

Die großen Romane und Erzählungen sind mir schon mehr oder weniger vertraut. Und ich genieße sie als Leser oder auch vorgelesen auf CD. Für mich ist er ganz unmittelbar wichtig durch seine Dialoge. Es passiert ja meistens gar nicht so viel an tatsächlicher Handlung in seinen Büchern. Die Handlung findet eher in den Dialogen statt. Das ist etwas, woran ich bei meiner eigenen Arbeit anknüpfe. Für mich ist er da ganz gegenwärtig.

Kann der mit Preisen überhäufte Schriftsteller Schulze noch etwas von dem alten Herrn Fontane lernen?

Fontane ist ein Riese, er hat seine Zeit in die Literatur gezogen. Neben den Dialogen sind es diese Figurenzeichnungen, dieses unglaubliche Wissen, das sich in seinen Beschreibungen offenbart. Er kann auch Szenen ganz nebenbei entwerfen, das merkt man in den Wanderungen recht gut. Lexikonwissen wird bei ihm sofort zu einer Szene, es gibt Auftritte, Wendungen und manchmal einen Schlusspunkt, der regelrecht weh tun kann.

Welches seiner Bücher würden Sie jungen Lesern ans Herz legen?

Als Abwechslung zu Fontanes „Wanderungen“ las ich Erzählungen von ihm, darunter auch „Unterm Birnbaum“, eine sehr schöne, vergleichsweise frühe Kriminalgeschichte Fontanes, die man nach zwanzig Seiten nicht mehr aus der Hand legt, eine gute Story. Sie spielt im Oderbruch, aber Anregungen dafür kommen auch aus der Geschichte von Schloss Marquardt. Durch die sehr plastisch geschilderten Figuren tritt einem die damalige Gesellschaft vor Augen, und man staunt, wie vertraut diese einem doch erscheint.

Ingo Schulze liest am Freitag, dem 16. August, um 19.30 Uhr in der Heilandskirche Sacrow, Fährstraße. Er ist in diesem Sommer Wege Fontanes neu gegangen und schrieb darüber einen Essay.


Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie. Er lebt als freier Autor in Berlin. Für Werke wie„Simple Stories“ und „Neue Leben“ erhielt er zahlreiche Preise.