• Interview mit Grit Lemke: „Wir wollten mit ihm durch die Zeit gehen“

Interview mit Grit Lemke : „Wir wollten mit ihm durch die Zeit gehen“

Jetzt im Handel: Die DVD mit dem Dokumentarfilm "Gundermann Revier". Die Regisseurin hat Mitte März mit den PNN über die Dreharbeiten gesprochen, über Rückschläge und Bilder des Ostens.

In ihrem Dokumentarfilm „Gundermann Revier“ beleuchtet Grit Lemke auch die heutigen Konflikte der Bergarbeiter von Hoyerswerda.
In ihrem Dokumentarfilm „Gundermann Revier“ beleuchtet Grit Lemke auch die heutigen Konflikte der Bergarbeiter von Hoyerswerda.Foto: promo/Filmstill

Frau Lemke, Ihr Dokumentarfilm zu Gerhard Gundermann wurde schon einmal im Filmmuseum gezeigt. Es war so proppenvoll, dass Leute weggeschickt werden mussten. Warum ist der „singende Baggerfahrer“ gerade so beliebt?
 

Durch den Spielfilm von Andreas Dresen ist die Popularität sprunghaft angestiegen. Einerseits ist der Film in eine Lücke vorgedrungen, weil man einmal anders über den Osten erzählt. Andererseits ist es die Person Gundermann, die zieht. Dieser Held mit seinen biografischen Brüchen steht sehr typisch für den Osten, ebenso die Utopie, die dahintersteht. Ich glaube, das ist etwas, was den Leuten in der gesamten medialen Darstellung komplett gefehlt hat. Das ist eine große Leerstelle in der Darstellung des Ostens. Darüber hinaus sind Gundermanns Lieder einfach zeitlos. Er hat viele Dinge gesagt und gesungen, deren Bedeutung man erst heute richtig erfasst.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, einen Film über Gundermann zu machen? Gab es einen Auslöser?

Ich habe mich eigentlich gar nicht richtig entschlossen. Den Plan, einen Film zu machen, gab es schon sehr lange. Ich hatte mich schon vor Jahren mit dem Produzenten darüber unterhalten. Ursprünglich war ich nur als Beraterin an Board. Dann bin ich immer mehr in die Rolle der Regisseurin geschlüpft, weil es sich gezeigt hat, dass es auch meine persönliche Geschichte ist. Also den Plan gab es schon lange, aber es gab keine Förderung.

Grit Lemke
Grit LemkeFoto: promo/Börres Weiffenbach

Warum nicht?

Die Leute haben immer gesagt: Gundermann, irgend so ein ostdeutscher Baggerfahrer und Liedermacher – den kennt keiner, das interessiert niemanden. Selbst als man wusste, dass der Spielfilm bald rauskommt, haben sie uns gesagt: Den Spielfilm wird auch keiner sehen wollen. Kurz: Es gab kein Interesse seitens der Förderer. Als der Spielfilm dann aber wider Erwarten erfolgreich war, hat man gesehen, dass ein öffentliches Interesse existiert. Beim MDR gab es sowieso Redakteure, die wollten, dass die Geschichte erzählt wird.

Haben Sie sich zwischendurch auch darüber geärgert, dass der Spielfilm einiges vorwegnehmen könnte?

Ohne den Spielfilm hätten wir unseren Film gar nicht machen können. Das muss man ganz klar so sagen. Auch weil Spielfilme immer noch ein anderes Ansehen genießen – jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung. Obwohl das natürlich Quatsch ist: Film ist Film. Dass Andreas Dresen den Spielfilm macht, wusste man ja auch schon lange. Zwölf Jahre lang wurde an dem Drehbuch gearbeitet. Man kann eine Sache sowieso mehrmals erzählen, weil natürlich jeder Regisseur seinen eigenen Blick hat. Als ich Dresens Film dann gesehen habe, wurde mir plötzlich klar, dass er sich auf nur eine Lebensphase von Gundermann konzentriert hat, was auch völlig legitim ist. Wir haben dann umdisponiert. Ursprünglich hatten wir uns gedacht, dass wir die Gundermann-Biografie nicht noch einmal beleuchten müssen. Wir wollten eine Antwort auf die Frage finden, wer heute Gundermann-Lieder singt? Dann war aber klar, dass noch so viel offen ist, dass jenseits der Stasi-Geschichte vieles noch nicht gesagt wurde. Wir mussten wirklich noch einmal in die Vergangenheit.

Der Bürgerchor Hoyerswerda singt in Ihrem Film Gundermanns Lieder. Wie war es denn überhaupt, Gundermann in die Gegenwart zu holen?

Man muss ja sagen: Es singen massenweise Leute Gundermann. In der Berliner Zeitung stand einmal, dass es im Osten mehr Gundermann-Coverbands als von irgendeinem anderen gibt, mehr als solche von Neil Young oder Bob Dylan. Es finden auch ununterbrochen irgendwelche Konzerte statt. Der Bürgerchor war mir aber extrem wichtig, weil es mir eben gar nicht so sehr um die Künstler ging, die die Lieder heute singen. Ich wollte zeigen, dass die Lieder bei den Leuten selbst angekommen sind. Die Leute, die im Bürgerchor singen, sind ja die Bergarbeiter von heute, die von diesem Strukturwandel betroffen sind, ihn quasi direkt durchleben. Dem Gundi war es ja auch immer wichtig, nicht Berufskünstler zu sein. Er ist immer im Revier geblieben. Wenn jetzt also die Leute im Revier seine Lieder singen, dann ist es wohl das, was er wollte. Der Bürgerchor, den es ja schon länger gibt, hatte mit einem Gundermann-Programm begonnen, ich folge ihm sei seinem ersten Konzert. Und mein Film heißt „Gundermann Revier“. Gundermann füllt 50 Prozent aus, die andere Hälfte bestimmt das Revier, der Aufbruch, mit dem Hoyerswerda aufgebaut wurde, die ganzen Rückschläge. Man wollte eine andere Gesellschaft aufbauen und ist immer wieder gescheitert.

Sie mussten somit auch die Protagonisten in die Vergangenheit holen. War das schwierig?

Nein, bei den Leuten null. Die Türen waren wirklich überall offen, auch bei den Musikern von Silly und der Seilschaft. Anders wäre es auch gar nicht gegangen, wir hatten nur wenig Zeit. Wir haben den gesamten Film inklusive Dreharbeiten und Schnitt in weniger als einem halben Jahr gemacht. Sonst würde man an so einem Film wahrscheinlich bis zu drei Jahren sitzen. Ich kenne die Leute alle, ich komme ja selbst daher. Da Sie mich nach Problemen gefragt haben: Das größte Problem hatten wir damit, ein spezielles Bild zu bekommen.

Welches Bild genau?

Es sind viele Landschaftsbilder aus dem Revier zu sehen, die metaphorisch für etwas stehen. Und mir war es wichtig, den Mauerfall auch nicht mit den üblichen Bildern zu illustrieren, auf denen man beispielsweise Menschen sieht, die auf der Mauer stehen und jubeln. Bei uns sollte ein Bild von einer Kippe, die wegbricht, für den Mauerfall stehen. Wir dachten an spezielle Bilder von einer Kippe, die weggesprengt wurde. Das sind Wahnsinns-Bilder! Die Böschung bricht weg und alles kippt in einen See. Dadurch kommt dann eine Welle, eine Art Tsunami, auf das andere Ufer zu. Wir haben versucht, die Rechte an den Bildern zu bekommen, die eine Gesellschaft besitzt, die die Bergbaufolgelandschaften verwaltet. Unser Producer hat täglich bei denen angerufen – das ging über Wochen. Im Endeffekt haben sie uns das Bild nicht gegeben, weil sie nicht wollten, dass man sieht, dass auch Kippen wegbrechen. Das ist natürlich Quatsch: Das wissen wir doch alle. Unser Aufwand für die Passage im Film, die vielleicht 20 Sekunden dauert, war riesig. Wir haben schließlich einen Bauern gefunden, der die Sprengung mit einem Handy gefilmt hatte. Dem haben wir die Bilder abgekauft und sie aufwendig bearbeitet.

Die Figur Gundermann steht für Ambivalenz. Er war eben auch Stasi-Spitzel. Inwiefern kommt das in Ihrem Film vor?

Es kommt natürlich vor, wir bewegen uns durch die Biografie. Wir hatten uns irgendwann dafür entschieden, dass man immer Material sieht, welches auch aus der jeweiligen Zeit stammt. Und es gibt unheimlich viel Material von Gundermann aus Talkshows. Es hätte auch Szenen gegeben, in denen er mit der Weisheit von ein paar Jahren später sein eigenes Handeln kommentiert. Aber wir wollten mit ihm durch die Zeit gehen, mit seinen Irrtümern, seinem Lernen. Somit kommt auch die Stasi vor, aber nur in einem Abschnitt.

Welches Bild steht im Film dafür?

Dieser Abschnitt wird mit der Demontage eines Hauses eingeleitet. Zuvor hat man gesehen, wie die Stadt aufgebaut wird, also die Utopie. Doch dann geht es um die Stasi und man sieht die eben montierten Platten, wie sie demontiert werden. Da bricht ganz viel zusammen. Gundermanns Frau, Conny, spricht im Film darüber, auch die Musiker von Silly. Gundermann selbst ist in einer Talkshow zu sehen, während der er tribunalmäßig von Anne Will und einem ihrer Kollegen in die Zange genommen wird. Sie fragt, ob es ihm nicht leidtue. Man erlebt seine Hilflosigkeit und sein Leiden. Wir haben diese Szene ungeschnitten hineingenommen, damit man die Situation sehr pur erleben kann. Natürlich muss man das erzählen, er war Inoffizieller Mitarbeiter. Aber von den Leuten, mit denen wir gesprochen haben, gab es keinen, der ihm das nicht verziehen hätte. Alle haben gesagt: Na klar war das blöd, aber wir kannten ihn ja. Und es war auch jedem klar, warum er das gemacht hat. Er dachte, dass er mit diesen Taten seinen Überzeugungen am besten dienen kann. Irgendwann ist er rausgeflogen, dann wurde er überwacht.

Sie haben also nicht mit den Stasiakten gearbeitet.

Nein, das hat ja der Dresen-Film sehr ausführlich und gut bearbeitet. Generell ist die Erzählung über den Osten in den letzten zwanzig Jahren immer auf Stasi verkürzt worden. Damit geht ganz viel kritisches Potenzial verloren. Dadurch kommt man gar nicht an den Punkt, unsere heutige Gesellschaft aufgrund der Erfahrungen zu hinterfragen. Da steckt ja auch Kalkül dahinter: Gesellschaftliche Alternativen müssen in den Schmutz gezogen werden, egal wie. Es darf über DDR nicht anders geredet werden als über Stasi. Und die Stasi bekommt dadurch eine Bedeutung, die sie in der realen DDR nicht hatte.

Was wollten Sie stattdessen unbedingt in dem Film zeigen?

Für mich war es wichtig, Gundermann in seinen Brüchen zu zeigen und auch als Künstler. Es gibt ja massenhaft Bücher über Gundermann und in einem der letzten Bücher von Andreas Leusink gibt es einen sehr guten Aufsatz über die Stasiakten – das kann man alles nachlesen. Ich kenne den natürlich auch. In meinen Augen ist Gundermanns Hauptgebiet aber dieses „Ich sitze auf dem Bagger und baggere auf mein eigenes Haus zu.“ Selbst Bergmann zu sein und auch tief in der Bergmannskultur verwurzelt, mit proletarischem Bewusstsein, und dabei gleichzeitig zu wissen, dass es falsch ist – das ist der Hauptkonflikt. Gundermann bewegt sich in dieser Schizophrenie. Und das ist auch der Konflikt, um den es geht, der uns beschäftigen muss. Wir haben ein Zitat von Gundi in den Film eingebaut: „Wir sind alle Opfer und Täter zugleich. Ich verpeste mit meinem Auto die Luft, die ich selber atme.“ Das ist für mich das Wichtigste, das will ich zeigen.


Grit Lemke, 1965 in Spremberg geboren, wuchs in Hoyerswerda auf. Seit 1998 arbeitet sie auch für das FilmFestival Cottbus und leitet dort die deutsch-sorbische Sektion.


Die Filmvorführung am 18. März, um 19 Uhr, im Rahmen der Ökofilmtour im Filmmuseum, mit einem Filmgespräch mit Grit Lemke, Protagonistin Conny Gundermann und dem Produzenten Gregor Streiber musste abgesagt werden.


Die DVD ist ab dem 3. April bei BuschFunk erhältlich: https://konsum.buschfunk.com/dvd/dokumentationen/gundermann-revier.html

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