• Intendantensuche am Potsdamer Hans Otto Theater: Rückschritt in Richtung Provinzialität?

Intendantensuche am Potsdamer Hans Otto Theater : Rückschritt in Richtung Provinzialität?

80 Kandidaten haben sich für die Intendanz des Hans Otto Theaters beworben. Doch die Findungskommission ist potsdamlastig, externe Experten sind rar. Über die Chancen und verschenkte Möglichkeiten.

Intendant Tobias Wellemeyer verlässt das Hans Otto Theater im Sommer 2018 – ein Gremium soll jetzt über den Nachfolger bestimmen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Andreas Klaer
01.03.2017 20:50Intendant Tobias Wellemeyer verlässt das Hans Otto Theater im Sommer 2018 – ein Gremium soll jetzt über den Nachfolger bestimmen.

Potsdam - Es sind aufregende Zeiten für die Potsdamer Kulturpolitik. Eine Zeit, in der vieles möglich scheint. Nicht nur wurde gestern die im Potsdamer Kontext als historisch zu bezeichnende Summe von gut 240 000 Euro zusätzlich für die Kultur von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Am Dienstag dieser Woche war auch der Bewerbungsschluss für die Nachfolge von Intendant Tobias Wellemeyer, der im Sommer 2018 das Hans Otto Theater verlassen wird. Ende Dezember 2016 wurde bekannt, dass dessen Vertrag nicht verlängert wird. Die Stadt hatte daraufhin die Stelle offiziell ausgeschrieben – nur vier Wochen lagen zwischen Ausschreibung und Deadline. Trotzdem sind jetzt 82 Bewerbungen eingetroffen, wie die Stadt gestern mitteilte. Darunter 25 Frauen.

Nun liegt also der Ball bei einer von Oberbürgermeister Jann Jakobs einberufenen Findungskommission, die unter seinem Vorsitz über die Nachfolge von Tobias Wellemeyer beraten soll. In zwei Sitzungen soll sie bis Ende April zu einem Ergebnis kommen. Jakobs pries sein Gremium mit den Worten, hier sehe er „regionale Expertise mit externem Sachverstand vereint“. Nur: Ist das so?

HOT-Ensemble soll mit einbezogen werden

Die „regionale Expertise“ ist unter den 10 Mitgliedern tatsächlich gut vertreten: Sechs von ihnen stammen aus der Potsdamer Stadtverwaltung. Dazu kommen mit Volkmar Raback, dem Geschäftsführenden Direktor des Theaters, und der Schauspielerin Rita Feldmeier zwei Mitarbeiter des Hans Otto Theaters: Anders als vor acht Jahren sind diesmal zwei dabei, die die Funktionsweise des Potsdamer Theaters gut kennen. Eine ungewöhnliche Entscheidung, die zeigt: Man will das Ensemble mit einbeziehen. Während Volkmar Raback eher schauen dürfte, dass hier jemand herkommt, der auch rechnen kann, sitzt mit Rita Feldmeier zudem eine Künstlerin mit im Boot. Sie ist die einzige im Gremium. Sie kennt das Haus seit 1976, Wellemeyers Nachfolger wäre ihr siebter Chef, was ihren Platz im Gremium durchaus rechtfertigt. Außerdem auch dabei: die Journalistin Lea Rosh, Vorstandsvorsitzende des HOT-Förderkreises.

Aber der gelobte „externe Sachverstand“? Für diesen soll Hans Heinrich Bethge sorgen, der in Hamburg Senatsdirektor der Kulturbehörde ist und, wie gestern bekannt wurde, jüngst zum neuen Vizepräsidenten des Deutschen Bühnenvereins gewählt wurde. Bethge ist Jurist und hat zu Beginn seiner Laufbahn als Journalist im Theaterbereich gearbeitet. Seit 1992 ist er in der Hamburger Kulturbehörde und seit 2006 im Präsidium des Deutschen Bühnenvereins als Vorsitzender der Staatstheatergruppe. Das macht ihn in der Tat zum überregionalen Kenner der Stadt- und Staatstheaterlandschaft. Dennoch: Die Besetzung der Findungskommission legt nahe, dass Potsdam lieber vorrangig auf regionale Expertise setzt.

Nur ein überregionaler Experte - ein Rückschritt in Richtung Provinzialität

Das zeigt auch ein Blick zurück auf den letzten Wechsel vor acht Jahren. Bei der Findungskommission, die 2008 über die Nachfolge des damaligen Intendanten Uwe-Eric Laufenberg bestimmen sollte, waren noch drei Mitglieder in Sachen „externer Sachverstand“ berufen worden: Arnold Bischinger von der Messe- und Veranstaltungs GmbH in Frankfurt (Oder), Intendant Holk Freytag vom Staatsschauspiel Dresden und der renommierte Theaterkritiker Hartmut Krug. Auch Martin Linzer war mit von der Partie, ein inzwischen verstorbener Theaterkritiker und so etwas wie das Gedächtnis ostdeutschen Theaterlebens seit 1950 schlechthin. Demgegenüber ist die Kommission von 2017 mit nur einem überregionalen Kenner nichts weniger als ein Rückschritt in Richtung Provinzialität. „Kurios“, so nennen sie Kenner der Szene.

Bei der Besetzung von Findungskommissionen gibt es keine allgemeinen Vorgaben. Das macht die Zusammenstellung immer wieder aufs Neue spannend – und schwierig. Usus aber ist, in den Findungskommissionen für einen Intendantenposten mehr als einen überregionalen Experten dabei zu haben. Wo es, wie jüngst 2016 in Stuttgart, nur einen überregionalen Vertreter gab – dort war es der Intendant Ulrich Khuon –, gibt es in Theaterkreisen immer Kritik. Zum Vergleich: Als man in Düsseldorf 2013 einen neuen Intendanten suchte, wurden vier externe Experten dazugeholt.

Gesucht wird jemand, der dafür sorgt, dass das Theater auch in Berlin Beachtung findet

Potsdam ist nicht Düsseldorf. Aber Potsdam will – so steht es in der Ausschreibung für die Intendantenstelle – wie das größere Theater ein „zeitgemäßes Stadttheater“. Zudem soll hier jemand her, der – oder die – „das Hans Otto Theater in der Metropolregion Berlin-Brandenburg erfolgreich positionieren“ will. Gesucht wird jemand, der – oder in der Tat: die – dafür sorgt, dass Potsdam auch im nahen Berlin wieder mehr Beachtung findet. Wenn es einem mit der Zeitgenossenschaft und dem Auf-Augenhöhe-Sein mit Berlin ernst ist, dann braucht man genau dafür den Blick von außen.

Natürlich kann man das auch anders sehen. „Man sollte gar nicht immer nur so angestrengt über die Brücke nach Berlin schauen“, sagt Karin Schröter, die als Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadtverordnetenversammlung in der Findungskommission sitzt – wie übrigens schon 2008. Bis vor anderthalb Jahren saß sie im Kuratorium des Hans Otto Theaters und ging regelmäßig ins Theater, in jüngster Zeit weniger. Berliner Theater kennt sie kaum.

Neuer Intendant soll Mut und Heiterkeit mitbringen

Fragt man Karin Schröter nach dem, was ein Intendant mitbringen sollte, nennt sie zunächst „Empathie für die Stadt“. Und man sollte sich auch das potenzielle Theaterpublikum in den umliegenden Orten wie Gatow oder Teltow erschließen. Für Potsdam wäre jemand gut, der „in die Stadt hinein wirkt“ und für ein Ensembletheater steht. Der vielleicht auch bereit ist, Teile des über die Jahre gewachsenen Potsdamer Ensembles zu übernehmen. Am wichtigsten findet Schröter, dass der oder die Neue „auch den Mut hat, anzuecken“ – und dabei Heiterkeit, Lachen mitbringt. Da fällt einem einer ein, der in Senftenberg Volkstheater gemacht, sich 2008 in Potsdam beworben und inzwischen in Rostock gezeigt hat, wie man mit Haut und Haar für Theater kämpft: Sewan Latchinian. Oder doch eine Frau? An der Zeit wäre es. Die erste und bislang einzige Intendantin in Potsdam verließ den Posten vor 60 Jahren, 1957. Das ist das Schöne am jetzigen Moment: Es scheint trotz allem wieder vieles möglich.