Kultur : Innenwelten, Außenwelten

Puppentheaterpoesie, „kraut_produktions“-Chaos sowie „Schuld und Sühne“ bei „Unidram“

Gerold Paul

Am Donnerstag war bei „Unidram“ zu erleben, wie viel oder wie wenig die Kunst zum Theater-Spiel braucht. Ganz intensiv und minimalistisch ging es bei der Uraufführung der ersten beiden Teile des Figurenspiels „Mathilde“ im T-Werk zu. Das Stuffed Puppet Theatre aus Amsterdam zeigte Szenen aus einem Altenheim der nicht gehobenen Kategorie in leicht verständlichem Englisch. Während die Protagonistin noch stumm an einem Garderobenständer hing, präsentierte der begnadete Spieler Neville Tranter zwei Uralte, die sich über die schlechte Behandlung im Heim beschweren wollen. Liebe ist zwischen den bejammernswerten Greisen schon da, aber auch Verfall, Debilität. Als Lucie dann aber unter sich macht, wackelt der Schnauzbart-Opa mit einem „My God!“ traurig davon. Mathilde nun ist über hundert. Sie darf aber nicht sterben, weil sie ja auf ihren Schatz warten muss. Er hat ihr versprochen, eines Tages zurückzukommen. Weil sie so hinfällig ist, wird er sie nur an einem Püppchen ihrer Jugend erkennen. Er kommt aber nicht, und so übernimmt der Führer dieser ausdrucksstarken Klappmaulpuppen auf berührende Weise den stummen Part von Jean-Michel. Wirklich stark, mit wie viel Einfühlung und Weisheit der Australier die Innenwelten dieser Greise wiederzugeben versteht: Erste Sahne, um es mal in leicht verständlichem Deutsch zu sagen.

Bei der kraut_produktion „Von der Kürze des Lebens“ aber ging es zu wie auf der Müllhalde. Ein Chaos aus Brettern, Autoreifen und sonstigem Gerümpel auf der großen Bühne der Waschhaus-Arena, Abbild des Lebens draußen, Abbild dessen, was man so unter „Kultur“ versteht. Trash eben, Müll, Schund! An diesem Thema arbeiteten sich die fünf Züricher Darsteller nun über fast zwei Stunden schweißtreibend ab. Fragmente aus den Medien werden nachgesprochen oder per Video projiziert, man bemüht das Philosophische Quartett aus dem TV, die berühmte Talkszene mit Klaus Kinski, singt Rocker-Lieder in vollster Lautstärke, kriecht und kopuliert durch das Chaos. Knallharte Breaks, kantige Szenen, ein Wechselbad an Extremen. Plötzlich tragen alle Masken, die aussehen, als würde ihnen das Gehirn über den Scheitel gelaufen sein. Alle Außenwelt samt ihrer Repräsentanzen ist hier nur Sprachmüll, Wortmüll, Gedankenmüll. Man kann nicht mehr miteinander reden beim sprachlosen Denken, es gibt auch nichts mehr zu sagen, wo die grauen Zellen verblödet veröden. Stammeln und Schreien – ja, mehr geht nicht! Dies ist dann auch der Stoff, welcher die Figuren auf ihrer Bühne so hilflos, so trotzig, so ziellos handeln lässt. kraut_produktion zeigt dieses Stammeln, Stöhnen und Zappeln zwar mit etlichen Längen, dafür aber mit einer selten gesehenen Radikalität. Kaum einer im Publikum floh. Nachdem sich auch der x-te Neuansatz einer Szene als sinnlos erwies, das sarkastische Finale: Wer kann, findet nackt in einer Badewanne Platz! Ist ja auch „Kultur“, und so kuschelig, so gemütlich! Gerold Paul

Dunkelheit, flüsternde Sprechgesänge und ein Tänzer nur mit Unterhose bekleidet: „Was hat das mit Dostojewski zu tun?“, rief jemand wütend aus dem Publikum und verließ Türen schlagend den Saal. Dieser Zuschauer hatte recht und unrecht zugleich, denn die Tanztheater-Aufführung „Schuld und Sühne“ von Nanohach und Jan Komárek aus Prag bediente sich ungewöhnlicher Mittel und verfolgte nicht das Ziel, den Roman Dostojewskis nachzuerzählen. Diese exzeptionelle Inszenierung (Tanz: Honza Malík) mit Livemusik von Ondrej Kabrna und Jan Komárek und den eindringlichen Sprechgesängen dreier Frauen zeichnete atmosphärisch dicht das Psychogramm eines Mörders. In mehreren Stationen nahm das Drama seinen Lauf und endete nach einem surrealen Einschub – der öffentlichen Reinwaschung und einer neuen Identität für den Haupthelden – mit dessen unerwartetem Schuldbekenntnis: Wie in Trance tanzte er, jetzt im weißen Anzug, das Wort „Mord“ in den Staub. Doch der Abend lebte noch stärker als durch das expressive Spiel durch den Gesang und das, obwohl der tschechische Text für die meisten unverständlich war. Denn der flüsternde, bohrende und schreiende Background von Dominika Divišová, Lenka Suchánková und Tereza Hálová berührte im Innersten, er ließ die widersprüchlichen Seelenlagen des zerrissenen Schuldigen klar hervortreten. Gut, dass bei Unidram solche Formate – eine Verschmelzung aus Tanzperformance, Oratorium, Minioper – eine Chance haben und man als Zuschauer mit experimentellen Kunstformen überrascht wird.Astrid Priebs-Tröger

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