• Industriekultur in Brandenburg: Land mit viel Dampf

Industriekultur in Brandenburg : Land mit viel Dampf

Brandenburg zeigt seine reiche Industriekultur. Mit über 40 Projekten zu den Orten der Produktion. Start ins „Themenjahr 2021“ ist am 4. Juni im „preußischen Wuppertal“: Eberswalde.

Schutzhelme im Industriemuseum Brandenburg an der Havel. Das Kulturland Brandenburg widmet sich 2021 dem Thema Industriekultur.
Schutzhelme im Industriemuseum Brandenburg an der Havel. Das Kulturland Brandenburg widmet sich 2021 dem Thema Industriekultur.Foto: Frank Gaudlitz © Kulturland Brandenburg

Potsdam - Neuschwanstein liegt in Brandenburg. Nicht das Original natürlich, sondern eine in doppeltem Sinne märkische Variante. Kein Schloss, sondern eine Halle. Keine Zinnen und Türmchen, sondern rostiges Metall. Was sie gemeinsam haben: Beide sind Wunderwerke der Architektur. 

So zumindest sieht das Friedhelm Boginski, der Bürgermeister von Eberswalde. Zwischen 1847 bis 1849 entstand dort, auf dem Areal der damaligen Eisenspalterei, die Borsighalle. Sie gilt als Prototyp einer stützenfreien, variablen Konstruktionsweise. In Eberswalde erfunden, oft nachgebaut. Eine Ikone der Industriearchitektur.

Zukunft der Vergangenheit

Am 4. Juni wird in jener Borsighalle das Kulturland Brandenburg sein Themenjahr 2021 eröffnen. Das Motto: „Zukunft der Vergangenheit - Industriekultur in Bewegung“. Seit 1998 streckt die Initiative Jahr für Jahr die Fühler ins Land Brandenburg aus, um anhand von Ausstellungen und Veranstaltungen verborgene kulturelle Schätze der Mark hervorzuheben. Thematisch reichte das bislang von Fontane über Preußen hin zu den Spuren von 1945 - nun also die Industriekultur. 

Es soll in die Geschichte geschaut werden, aber auch ins Heute und in die Zukunft. Mit dem in Grünheide entstehenden Tesla-Werk und dem Rolls-Royce-Standort in Dahlewitz ist längst klar, dass Brandenburg als Industriestandort wachsen wird. Aber „keine Zukunft ohne Herkunft“, so formulierte es Kulturministerin Manja Schüle bei der Pressekonferenz.

In der Borsighalle in Eberswalde wird am 4. Juni das Themenjahr 2021 unter dem Motto "Zukunft der Vergangenheit - Industriekultur in Bewegung" eröffnet.
In der Borsighalle in Eberswalde wird am 4. Juni das Themenjahr 2021 unter dem Motto "Zukunft der Vergangenheit - Industriekultur...Foto: Stadt Eberswalde

Die märkische Wiege der Industrie

Nicht nur Neuschwanstein liegt in Brandenburg, sondern auch das „Wuppertal Preußens“. So nennt Bürgermeister Boginski Eberswalde. Die Stadt gilt als „Wiege der Industrie“ in der Mark. Schon Anfang des 17. Jahrhunderts war hier ein industriegewerbliches Zentrum entstanden. Die Infrastruktur am Finowtal zog zahlreiche Firmen an, Erfindungen revolutionierten die Produktion von Kränen, Hufnägeln, Landmaschinen, Dachpappen, Chemikalien. 

Noch heute finde man in Vietnam Kräne made in Eberswalde, sagt Boginski. In einigen ehemals hochproduktiven Werken, dem Walzwerk etwa, arbeitet aber heute niemand mehr. Auch das gehört zur Brandenburger Industriegeschichte. In Brandenburg an der Havel arbeiteten einst 10 000 Menschen im Stahl- und Walzwerk. Im Elektrostahlwerk sind es heute 800.

Zeithistorische Zusammenhänge und die „kleinen Dinge“

Über vierzig Projekte im ganzen Land versammelt Kulturland Brandenburg zum Thema Industriekultur: von Bad Liebenwerda über Kyritz, Prenzlau und Wittenberge bis Zehdenick. Vieles davon soll im Freien zu erleben sein - und manches ist schon jetzt startklar. Das Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau etwa hatte seine Ausstellung „(K)ein Kinderspiel - Kindheit und Industrialisierung“ bereits im März begonnen und kann aufgrund niedriger Inzidenzen schon wieder öffnen. 

Die Ausstellung will die großen zeithistorischen Zusammenhänge anhand der „kleinen Dinge“ greifbar machen: Sie untersucht, wie das Spielzeug der Kaiserzeit technische Innovationen wie Elektrifizierung und Motorisierung in den Blick nahm - aber auch die Rolle von Kinderarbeit im Industriezeitalter. Bis 5. Dezember ist sie zu besuchen.

Industriekultur in historischen Stadtkernen, corona-konform

Eine corona-konform dezentrale Ausstellung an der frischen Luft ist „Vergangenheit mit Zukunft - Industriekultur in historischen Stadtkernen“ von der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg. Zu erleben ab Juni in den Städten Brandenburg an der Havel, Kyritz, Peitz, Wittstock/Dosse und Wusterhausen/Dosse - vor Ort und digital. Gezeigt werden sollen die Übergänge von der Entwicklung der Handwerksbetriebe hin zu Fabriken. Und auch die rasante Veränderung der Infrastruktur: durch Eisenbahnen, Dampfmaschinen und Elektrizität.

Weiteres Highlight dürfte die Ausstellung „Дружба - die Kulturkampagne zum Bau der Erdgasleitungen“ werden. „Druschba“ (Freundschaft), so hieß ein Teil des als „Jahrhundertprojekt“ beschriebenen Ausbaus einer Erdgastrasse der UdSSR, fast 3000 Kilometer lang. 550 Kilometer wurden von der DDR gebaut, begleitet von einer großen Kulturkampagne. Im Kunstarchiv Beeskow liegt ein Teil davon: eine größere Anzahl von Gemälden, Grafiken, Fotografien und Zeichnungen. Eine Ausstellung will diese nun vom 8. Juni bis 3. Oktober zeigen.

3000 Jahre Industriekultur in der Lausitz

Nicht weniger als 3000 Jahre Lausitzer Industriekultur will das Stadtmuseum Cottbus unter die Lupe nehmen. Vom 1. Juli bis 7. November geht es dort um Industrie von der Bronzezeit bis zur Entstehung des Hüttenwerks in Peitz und dem Eisenhammer in Lauchhammer. Die These der Schau: Ohne Holz und Holzkohle hätte es keinen Bronze- und Eisenguss gegeben, ohne Braunkohle und Braunkohlebriketts kein Textil- und Glasgewerbe. 

Und heute? Brandenburg, das noch immer gegen den Ruf der deindustrialisierten Einöde kämpft, „stinkt und dampft nicht mehr“, sagt Ministerin Schüle. Auch über dieses „neue“ Brandenburg wird in dem Themenjahr viel zu lernen sein.

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