Kultur : In der Vielfalt

Patricia Vester las beim 16. Festival der Frauen

Astrid Priebs-Tröger

Jüngere und ältere, schmale und burschikose, lebhafte und stille Frauen kamen am Mittwochabend ins Frauenkulturzentrum „PrimaDonna“ in der Schiffbauergasse, um bei der Eröffnung des 16. Festivals der Frauen „Heldinnen und Rebellinnen“ dabei zu sein, das diesmal mit einer Buchpräsentation eröffnet wurde. Patricia Vester, die in Potsdam bisher mit diversen Wortkunstaktionen und originellen Metallgrafiken hervorgetreten ist, hat jetzt zum ersten Mal ihre „Verbalart“ zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen. Sie stellte ihr druckfrisches Werk charmant und unprätentiös selbst vor.

Bevor sie dazu kam, war Gelegenheit, zahlreiche der schwarz-weiß-grünen Zeichnungen aus „nackte frauen. wahrheit & lüge“ (Periplaneta Verlag Berlin, 19 Euro) an den umliegenden Wänden zu bewundern. Drei Großformate auf braunem Packpapier fielen dabei sofort ins Auge. Da reckte auf dem mit „wünschend“ betitelten Blatt eine nackte Schöne ihren blanken Hintern herausfordernd in den Himmel, die spitzen Brüste berührten ihre Knie und die Hände eine wundersame Blume in der Erde.

So zwischen Himmel und Erde, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Wahrheit und Fiktion lassen sich auch die über 50 Kurztexte des originell gestalteten Bandes, die sich nicht eindeutig zwischen Prosa und Lyrik verorten lassen und stark von der Lesebühnenerfahrung ihrer 42-jährigen Autorin geprägt sind, einordnen. Patricia Vester hat thematisch sowohl eigene biografische Erfahrungen und Prägungen als Afrodeutsche in Ostdeutschland als auch die von Freundinnen und sehr unterschiedlichen Frauen zwischen 13 und 103 Jahren zeichnerisch und literarisch verarbeitet.

Sie liest die von den Tränen einer Mutter, die spätestens in der Pubertät des Kindes daran zweifelt, eine gute Mutter zu sein und auch die von der überwiegend süßen Beziehung eines Paares oder die von den hochbetagten Frauen, die sich Inseln wünschen, auf denen sie der herrschenden Altersdiskriminierung entkommen und schwesterlich füreinander sorgen können. Der Tonfall dieser Episoden ist zumeist ironisch und doch immer empathisch. Zudem strahlen sie wie die Bilder im Buch, die augenscheinlich vom Kubismus beeinflusst sind, eine luftige Leichtigkeit aus, die dem Thema Frauen sehr gut zu Gesicht steht.

Da wird nicht geklagt und vordergründig politisiert, sondern Alltagsbegebenheiten werden lakonisch verdichtet, wie die von der Frau, die immer nur für andere sorgen muss und sich danach sehnt, endlich selbst mal krank zu sein, um von anderen liebevoll umsorgt zu werden. In zwei Zeilen erfährt man, dass auch Schläge zu ihrem Leben gehören. „Politisch korrekt“ wäre, so etwas anzuprangern, doch Patricia Vester schildert die stille Resignation dieser Frau und kommt damit der Realität berührend und bedrückend nahe.

Obwohl die Texte, die, wie die Autorin im Gespräch sagt, ein Kaleidoskop der 1000 Frauen in ihr abbilden, viel von Einsamkeit, Langeweile und Überforderung heutiger Frauen erzählen, haben die Zuhörerinnen am Mittwochabend oft gelacht. Und das liegt an der Balance zwischen Wahrheit und Fiktion, die der Potsdamerin gelungen und die so wohltuend ist. Patricia Vester sagte, „nackte frauen“ ist im vergangenen Jahr aus einer persönlichen Krise entstanden, die sie mit vielen anderen Frauen in Gesprächen zusammengeführt hat. Das literarische Produkt dieses schwesterlichen Austausches ist ein stiller und doch kraftvoller Mutmacher und die Autorin hatte keine Mühe, die mitgebrachten Exemplare an die Frau zu bringen. Astrid Priebs-Tröger

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