• Impressionismus digital: Museum Barberini in der Pandemie: Italien sehen wie Monet

Impressionismus digital: Museum Barberini in der Pandemie : Italien sehen wie Monet

Auch das Museum Barberini ist infolge des Kultur-Lockdowns seit Wochen geschlossen. Es hat die Pandemie genutzt, um digital weiter aufzurüsten: unter anderem mit einer Live-Tour.

Lena Schneider
Claude Monet: "Villen in Bordighera" (1884) gehört zur Sammlung Hasso Plattner.
Claude Monet: "Villen in Bordighera" (1884) gehört zur Sammlung Hasso Plattner.Foto: Museum Barberini

Nie ist es leichter gewesen, in den sonnigen Süden zu reisen. Natürlich muss man die eine oder andere Brücke überwinden, kommt um die Seine nicht herum, streift kurz die Dächer von Paris. Muss auch noch den Winter hinter sich lassen, der einen, weil er endlich mal wieder Schnee bringt, kurz fast vom eigentlichen Ziel ablenkt. Dann aber endlich:  Die Palmen im Badeort Bordighera. Der Strand von Saint-Clair. Abendsonne. Wellen, Pinien, Sand.

In Saint-Clair wohnte der französische Neo-Impressionist Henri-Edmond Cross, in Bordighera sah Claude Monet das erste Mal Italien. Wir waren keine fünfzig Minuten unterwegs, um hier zu landen. Wir: ein zufällig zusammengewürfeltes Grüppchen Reisesehnsüchtiger. Wir kennen uns nicht, und wir werden uns nicht wiedersehen. Einige von uns sind während der Reise unsichtbar geblieben. Jeder blieb für sich, fast alle blieben stumm. Wir haben die laue Brise am Strand von Saint-Clair gespürt, aber wir haben unsere Wohnzimmer nicht verlassen.

Gustave Caillebotte: "Rue Halévy, Blick aus der sechsten Etage" (1878) zeigt das Paris des 19. Jahrhunderts.
Gustave Caillebotte: "Rue Halévy, Blick aus der sechsten Etage" (1878) zeigt das Paris des 19. Jahrhunderts.Foto: Museum Barberini

Die Schätze sollen trotz Corona sichtbar bleiben

Reiseleiter war Andreas Knüppel, Guide am Museum Barberini. Die Reise: eine digitale Live Tour durch die Landschaften des Impressionismus, die seit September dieses Jahres am Potsdamer Alten Markt zuhause sind. Damit die Schätze, darunter allein 34 Werke von Claude Monet, trotz Kultur-Lockdown sichtbar bleiben, hat das Museum seine ohnehin schon umfangreiche Online-Präsenz noch einmal erweitert.

Jetzt kann man sich also nicht nur von Kurator Daniel Zamani und Museumspädagogin Andrea Schmidt filmisch durch die Schau führen lassen, sondern auch für drei Euro täglich um 17 Uhr virtuell durch die Räume gehen. Live, in Begleitung eines Tour Guides. Die Idee: Kunst auch in Zeiten der Schließung zeigen, ja. "Aber wir wollten auch unseren tollen Guides die Möglichkeit geben, im Kultur-Lockdown tätig zu sein", sagt Museumssprecher Achim Klapp. Die Guides sind Solo-Selbstständige. Sie sind auf Aufträge angewiesen. 

Paris sehen, parallel den Hund füttern

Während es für virtuelle Besucher angenehm sein kann, anonym zu bleiben und parallel den Hund zu füttern (bitte das nächste Mal ohne Mikro), wandern die Guides größtenteils im Nebel. "Sagen Sie bitte kurz Hallo", sagt Andreas Knüppel einmal, als wir gerade mit Camille Pissarro durch die Pariser Abenddämmerung von 1897 geschlendert sind. "Sind Sie noch da?" Ja, wir träumten uns nur gerade in die Rue Halévy. 

Das gleiche Tour-Angebot gibt es einmal wöchentlich für die ganze Familie: Sonntags um 17 Uhr führen Museumspädagogen durch die Dauerausstellung. Geeignet für Kinder ab fünf. "Dieses Alter ist ein guter Einstieg", sagt Barberini-Pädagogin Dorothee Entrup. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass Familien mit Kindern in diesem Alter die Familien-Live Tour gerne wahrnehmen und begeistert sind." 

Alfred Sisley: "Schnee in Louveciennes" (1874), entstanden in der sogenannten Kleinen Eiszeit, als es noch Schnee gab.
Alfred Sisley: "Schnee in Louveciennes" (1874), entstanden in der sogenannten Kleinen Eiszeit, als es noch Schnee gab.Foto: Museum Barberini

Eine digitale Weihnachtsfeier mit Monet?

Die Online-Führungen lassen sich auch als Firmen-Online-Veranstaltung buchen, schwärmt Pressesprecher Achim Klapp, "perfekt für die Weihnachtszeit und als Kultur-Highlight einer Online-Weihnachtsfeier". Ob Mitglieder einer Firma oder einer Familie: So könne man sich digital im Museum zusammenfinden. Egal, von wo. 

Für 5 Euro bietet das Museum der geneigten Hörerschaft immer Mittwochs um 18.30 Uhr im Rahmen der Reihe "Kunst Spezial" zudem virtuelle Vorträge an: Kuratoren, Restauratoren oder Guides beleuchten einen speziellen Aspekt der Sammlung. Am 16. Dezember spricht der Kunsthistoriker Lutz Stöppler mal nicht über Gemälde, sondern über deren Rahmung. Denn fast alle impressionistischen Gemälde der Sammlung Hasso Plattners sind mit prächtigen Goldrahmen versehen. Aber wer schuf sie? Wer wählte aus? Konnten die Künstler da mitreden? Fragen, die Lutz Stöppler beantworten will.

Ein Vortrag über Provenienzforschung

Ein kostenfreies Pendant zu "Kunst Spezial" im Barberini ist die im Rahmen der Reihe "Potsdamer Gespräche 2020" stattfindende Veranstaltung mit Linda Hacka, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, am 10. Dezember um 18 Uhr: Hacka spricht über Provenienzforschung. 

Die konkrete Geschichte einzelner Werke soll hier beleuchtet werden, vor allem vor dem Hintergrund der unrechtmäßigen Enteignung von Kunst in der Zeit zwischen 1933 und 1945. Was geschieht, wenn sich die Erwerbungsgeschichte, besonders für die Zeit des Nationalsozialismus, nicht mehr eindeutig anhand von Quellen nachweisen lässt? Hacka will Wege aufzeigen, die Museen und Erben in solchen Fällen gegangen sind. Wer den Vortrag am 10. Dezember verpasst, bekommt am 13. Januar noch eine Chance zum gleichen Thema.

Und wer sich nicht führen lassen will?

Und wer sich nicht führen lassen, aber dennoch das Museum nicht missen will? Dem bleibt immer noch die museumseigene App. Dort kann man sich von Günther Jauch akustisch an die Hand nehmen lassen und eine Tour auf den Spuren Italiens durch Potsdam herunterladen. Die Frischluftvariante. 

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Oder man streift mit der 360-Grad-Tour durch das Museum Barberini. Zwar kann man sich so nicht in die einzelnen Bilder vertiefen, nicht im Farbauftrag verlieren. Dafür aber kann man etwas tun, was in den online geführten Touren schmerzlich fehlt: sich frei bewegen, den Blick selbst lenken, die Räume des Museums im eigenen Rhythmus thematisch abschreiten. Von den Reflexionen am Fluss über Paris und die Peripherie, die Künstlergärten und das Meer bis zu den Schneelandschaften und den Europäischen Küsten. 

Die Freiheit des Blicks

So lässt sich beim Gang durch die eigene Wohnung auf die Brücke von Caillebotte sehen, auf die Seerosen von Monet oder den Schnee von Sisley. Sogar die Decke und der Parkettboden des Museums lassen sich betrachten: Auch Ablenkung gehört zur Freiheit des Blicks. Und manche der Bilder leuchten aus der erzwungenen Distanz, vor dem pflaumenfarbenen Grund der Museumswände, um so stärker. All das bleibt nur ein Notbehelf in kulturarmer Zeit, mag jetzt eingewendet werden. Sicher. Andererseits: Was heißt hier nur. 

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