Kultur : Im Wasser schwimmen

Das Medizintechnikunternehmen Miethke präsentiert die Gewinner eines Kunstwettbewerbs

Richard Rabensaat
Wo viele Fäden zusammenlaufen, droht das Chaos oder die Kreativität. Katrin Neuberts „Hirngespinste“.
Wo viele Fäden zusammenlaufen, droht das Chaos oder die Kreativität. Katrin Neuberts „Hirngespinste“.Foto: Andreas Klaer

Eine Frau taucht unter Wasser, schwimmt, taucht auf. Bildschnitt. Eine Tänzerin in beschaulicher Pose vor einer Säule. Zwei Bilder aus einem Video von Corinna Rosteck. Der Wechsel aus einer Situation, in der Wasser zu einem bedrohlichen Element werden kann, hin zu einer friedlichen Ruheposition kann symbolisch gesehen werden. Denn das Video hängt in der Aussstellung: „Art, Science, Industrie“, ausgelobt von dem Unternehmer Christoph Miethke.

Miethke ist Ingenieur und hat ein kleines Ventil erfunden. Es regelt den Druck, den das Hirnwasser, Liquor, im Schädel eines Menschen verursachen kann, wenn er unter einem Hydrocephalus, einem Wasserkopf, leidet. Das Ventil regelt den Druckausgleich bei der Flüssigkeit, in der das Hirn schwimmt. Dieses Ventil findet weltweit vielfache Verwendung. Es sorgt dafür, dass die Behandelten ein normales Leben führen und nicht unter Schwindelanfällen, Übelkeit oder anderen Beschwerden leiden. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Christoph Miethke auf der Grundlage seiner Erfindung ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut, in dem heute mehr als fünfzig Mitarbeiter an Drehbänken und in klinisch reinen Räumen arbeiten. „Ich wollte ein wenig von dem, was ich an Unterstützung erfahren habe, wieder zurückgeben“, beschreibt er den Anlass für die Auslobung eines Kunstwettbewerbes anlässlich des 20-jährigen Bestehens seines Unternehmens. Nur aufgrund öffentlicher Förderung und erheblicher anderer Unterstützung sei es ihm gelungen, in klassischer Weise „aus dem Nichts“ ein heute stabiles Unternehmen aufzubauen.

52 Bewerbungen aus ganz Deutschland erhielt Miethke auf die Ausschreibung zu dem Kunstpreis. „Wir waren selber überrascht, wie hoch die Wellen schlugen.“ Bevor die Künstler ihren Beitrag abgaben, haben sich die meisten Bewerber vor Ort umgesehen. Videos, Zeichnungen, Skulpturen, alle Spielarten bildender Kunst finden sich in der Ausstellung, die in einem gesonderten Raum, nicht im Unternehmen, stattfindet . Eine Einschränkung gab es: „Happening wäre schwierig geworden, wir wollten schon etwas Bleibendes“, so Miethke.

Am besten hat den Juroren Christoph Miethke, Michael Zeidler und Hubertus von der Goltz ein Foto von Menno Aden gefallen. Von einem hohen Stativ aus hat der Künstler mehrere Fotos in einem Arbeitsraum des Unternehmens geschossen. Die Bilder hat er zu einer Fotocollage verdichtet, der die Komprimierung allerdings nicht mehr anzusehen ist. „Es sieht aus wie eine Bühne. Gleich geht es los“, beschreibt Miethke den leeren Arbeitsraum auf dem Foto. Nun soll eine Serie von Fotos entstehen, die in jeweils unterschiedliche Räume des Unternehmens gehängt werden.

Die hoch ästhetischen Bilder der sauberen Arbeitsräume konterkariert in der Ausstellung eine Installation von Wiebke Bartsch. Ein kleiner Körper mit offenem Kopf liegt in einem Kinderbett. Das Laken ist mit Grafiken von Hirnschnitten überzogen, in einem Schränkchen unter dem Bett lagern nachgebildete anatomische Exponate. Einen Weg aus dem Elend der Krankheit zu finden und etwas Behaglichkeit im Leben aufscheinen zu lassen, das sei Ziel des Unternehmens und das sehe er auch in der Installation, erklärt Miethke. Dennoch räumt er ein, dass es sich wohl eher um ein Exponat handele, das im öffentlichen Raum Platz fände und nicht als Anschauungsmaterial im Wohnzimmer stehe.

Mit expressiven Zeichnungen nähert sich Christa Panzer dem Krankheitsbild des Hydrocephalus. „Phasen von Angst, Leid und deren Überwindung“ bebildert sie eindrucksvoll mit einer großformatigen und mehreren kleinen Hell-Dunkel-Zeichnungen. Die rauen Grafiken illustrieren eine Situation der Verzweiflung, die manches andere Werk der Ausstellung ausblendet, die aber sicherlich in die teilweise lebensbedrohliche Situation der Kranken eingeschrieben ist.

Ob der Wettbewerb nochmals stattfinden wird, weiß Miethke noch nicht. Die Ausschreibung solle nicht institutionalisiert werden, aber die positiven Reaktionen und der erfreuliche Prozess der Auswahl und Auszeichnung der Beiträge schließe eine Wiederholung nicht aus.

Art, Science, Industrie; Christoph Miethke GmbH & Co KG; Ulanenweg 2, Die Ausstellung ist bis 9. November zu sehen: Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 17 Uhr, (Eingang neben dem Kunsthaus); www.miethke.com