• Im „Stallgeruch“ der DEFA zu Hause

Kultur : Im „Stallgeruch“ der DEFA zu Hause

Der Regisseur Günter Reisch wird heute 80 Jahre alt / Ab Mittwoch stellt er im Foyer des Filmmuseums seine Sammlung vor

Es ist wie bei einem Familienalbum. Keine wichtige Erinnerung soll beim Kleben verloren gehen. Bei einem 80-jährigen Leben ein schier unmögliches Unterfangen, zumal, wenn man ein leidenschaftlicher Sammler ist wie Günter Reisch. Der DEFA-Mann der ersten Stunde, der heute seinen Geburtstag begeht, steckt deshalb in einer Zwickmühle. Ab kommenden Mittwoch kann er im Filmmuseum seine Rückschau in einer Foyerausstellung offerieren. Aber was sortiert man aus, wenn doch alles so wichtig erscheint. Dabei dreht der Regisseur sich gar nicht zuvorderst um die eigene Achse: Er möchte seine „Weggenossen“ präsentieren, mit denen er gemeinsam 18 Filme drehte. Und auch der Nachwuchs, den er seit den 80er Jahren als Mentor und Lehrer begleitete, soll nicht zu kurz kommen.

Bei dieser Qual der Wahl steht ihm der Mitarbeiter des Filmmuseum-Archivs, Peter Warnecke, hilfreich zur Seite. Mit bewundernswerter Ruhe führt er die ständigen Veränderungswünsche des Regisseurs ohne Murren aus. „Ich denke, ich werde noch um 19.29 Uhr, also eine Minute vor der Festveranstaltung, Fotos austauschen“, sagt er verständnisvoll lächelnd.

Die vor ihm auf langen Tischen des Archivs in einer „Rohfassung“ ausgebreitete Ausstellung zeigt das Dilemma. Man muss schon sehr genau hinschauen, um auf all“ den vielen Fotos die interessanten Gesichter auszumachen. Wie beispielsweise die blutjunge Eva-Maria Hagen, die Reisch entdeckte und die mit Tochter Nina ganz klein zwischen anderen Fotos steckt. „Die Schätze gehen vielleicht unter“, befürchtet Peter Warnecke. „Aber Günter Reisch hat sich nun mal für das Prinzip Vollständigkeit entschieden. Und man kann keinem 80-Jährigen diktieren, wie er sein Leben sehen soll. Er muss mit seinen Wahrheiten und Halbwahrheiten leben. Unangenehm sind nur die, die meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.“ Und dazu zähle Günter Reisch nicht. „Was diesen sympathischen und bescheidenen Mann auszeichnet, ist vor allem seine Toleranz. Und genau die schätzen auch seine Schüler“, zu denen unter anderen Andreas Dresen gehört.

Es seien vor allem zwei Dinge gewesen, die der Berliner Bäckerssohn, der siebenjährig in die Potsdamer Gutenbergstraße zog, als Regisseur verfolgte: Er habe versucht, das Heitere im Film zu bedienen und holte sich dazu namhafte Schauspieler wie Armin Mueller-Stahl („Nelken in Aspik“), Hilmar Thate („Anton der Zauberer“) und immer wieder Erwin Geschonneck, mit dem er 1987 seinen letzten Film „Wie die Alten sungen“ drehte. Zudem griff er gern Themen der Geschichte auf, wie in den beiden Liebknecht-Filmen, dem fünfteiligen Fernsehfilm „Gewissen in Aufruhr“ oder „Die Verlobte“. „Er bemühte sich, daraus mehr als Historienschinken zu machen: Er interessierte sich für die individuellen Dimensionen im historischen Handeln“ , so Warnecke. Auch bei der „Verlobten“, den Günther Rücker 1979 nach einer schweren Erkrankung von Günter Reisch zu Ende drehen musste und der zur Nominierung des Oscars vorgeschlagen war. Jutta Wachowiak verkörperte darin nicht nur die strahlende kommunistische Heldin, sondern auch die sich in Liebe verzehrende Frau, die im Gefängnis an ihre Grenzen kommt. „Ohne Frage war und ist Günter Reisch ein Linker, und als Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden ein viel herumgereichter Repräsentant der DDR. Hier sah er sein Zuhause, sicher mit kritischer Distanz.“ Und so verwunderte es nicht, dass er mit Zorn auf eine Äußerung von Volker Schlöndorff reagierte, der als neuer Babelsberger Studio-Chef bei der Abwicklung sagte: „Die DEFA stinkt“ – was er später „als dusselig“ zurück nahm. Reisch entgegnete ihm 1992 in einem offenen Brief: „Sollen wir den Stallgeruch des Ostens eintauschen gegen einen oberflächlichen, parfürmierten Hauch?“

Günter Reisch war gerade mal 20, als er 1948 zur DEFA kam. Seine ersten Erfahrungen sammelte er an der Seite der Regisseure Gerhard Lamprecht und Kurt Maetzig, dem er auch bei seinen Thälmann-Filmen assistierte. 1956 drehte er schließlich seinen ersten eigenen Film: „Junges Gemüse“, eine Satire auf Opportunismus und Phrasendrescherei. „Wenn er filmte, fotografierte er zugleich jeden Schritt. Nachts entwickelte er dann seine Fotos und klebte sie sorgfältig ins Drehbuch. So war ein sicherer Anschluss der Szenen garantiert; das freundliche Gesicht von gestern musste der Schauspieler auch am nächsten Morgen wieder aufsetzen“, so Warnecke. Ein Blick in die prallgefüllten Drehbücher sind auch in der Ausstellung möglich.

Überhaupt dürfte es bald eng werden im Archiv der Pappelallee. Wenn der Stress der Ausstellung vorbei ist, will Günter Reisch seine Sammlung komplett zusammen packen und dem Filmmuseum übergeben. „Eine LKW-Ladung voll“, wie er prophezeit.Drehbücher, Szenenbildentwürfe, Plakate, Presseartikel, Internas... Die Forscherseele freut“s, schließlich eine wahre Fundgrube beim Heben des DEFA-Erbes. „Wir werden es schützen und in alle Welt schicken“, so Warnecke, der gerade eine Anfrage vom Marine-Museum Wilhelmshaven erhielt, das das Material zu dem Film „Das Lied der Matrosen“ (1958 von Maetzig und Reisch gedreht ) haben will.

Vor „Die Verlobte“, die mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde und über 1,1 Millionen Besucher hatte, erweckte er 1974 mit „Wolz – Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten“ internationale Aufmerksamkeit. Er erhielt auch eine Einladung in den Westen. Doch die wurde wieder zurück genommen, da es dort gerade mit der RAF losging, und man keinen sympathisch gezeichneten Anarcho-Typ wie Wolz – der an den Anarchisten Holz in der Weimarer Republik angelehnt war, wollte.

Günter Reisch war indes keineswegs ein Umstürzler. „Er schmückte eher die Unstimmigkeiten des Alltags mit kleinen Spitzen“, so Warnecke. Aber er war auch kein blinder Parteisoldat. Als ihn Andreas Dresen um Rat fragte, ob es wirklich nötig sei, in die SED einzutreten, um an der Filmhochschule studieren zu können, sagte Reisch zu ihm: Wenn Du nicht in die Partei eintreten willst, dann tue es auch nicht.

Im Kreise seiner Studenten fühlte sich Reisch offensichtlich wohl, wie auch die Fotos bekunden. Eine andere Bildtafel ist den Promis gewidmet, denen er begegnete. Darunter Tom Hanks, der bei ihm zu Hause in der Küche den Apfelkuchen von Frau Beate aß.

In erster Linie war der Hollywood-Star allerdings nach Berlin gekommen, um mehr über Dean Reed zu erfahren, dessen Leben er verfilmen wollte. Und da Günter Reisch gemeinsam mit Reed an einem Indianerfilm arbeitete, bevor sich dieser das Leben nahm, war der DEFA-Mann sicher ein aufschlussreicher Gesprächspartner. „Wie Reisch überhaupt zu allen Bildern hunderte Geschichten zu erzählen weiß“, meint sein Ausstellungs-„Handlanger“ Peter Warnecke.

So wird sicher auch die „Familienfeier“ am Mittwoch eine muntere Plauderstunde – zumal kaum jemand enttäuscht sein dürfte, dass er in dem „Album“ fehlt.

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