Kultur : Im Schatten der Mauer

Wanderausstellung über den Mauerbau und seine Folgen für die Brandenburger eröffnet

Astrid Priebs-Tröger
Zeitzeugen unter sich. Otto Schönemann, Uwe Scholz und Volker Schobeß (v.l.) bei der Ausstellungseröffnung.
Zeitzeugen unter sich. Otto Schönemann, Uwe Scholz und Volker Schobeß (v.l.) bei der Ausstellungseröffnung.Foto: Manfred Thomas

Die Titelseite der Brandenburger Neuesten Nachrichten trug am Tag nach dem Berliner Mauerbau, dem 13. August vor 50 Jahren, in großen Lettern die Überschrift „Sicherheit für uns alle“. „Volle Zustimmung zu den Schutzmaßnahmen unserer Regierung“, und „den Menschenhändlern wird endlich das Handwerk gelegt“ standen als Unterzeilen darunter. Was die Errichtung des sogenannten Antifaschistischen Schutzwalls jedoch im Leben und Alltag der Menschen wirklich bedeuteten, ist seit gestern in der Wanderausstellung „28 Jahre getrennt – Das Grenzregime und seine Folgen für die Brandenburger“ im Büro der Brandenburger Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, zu besichtigen.

Mitten in der Sommerferienzeit drängten sich viele Menschen in der ersten und zweiten Etage des Büros, um die erste Ausstellungseröffnung in den Diensträumen, bei der auch die Zeitzeugen Volker Schobeß, Uwe Scholz und Ernst-Otto Schönbrunn anwesend waren, zu erleben. Ulrike Poppe trat sichtlich bewegt vor das Publikum. Hatte sie doch selbst, 1953 in Rostock geboren und in Hohen Neuendorf im Schatten der Mauer aufgewachsen, einige persönliche Erlebnisse zu berichten. So jenes von einem Fahnenappell an ihrer Schule, wo ein Schüler, der einen Mann, der ihn im Bus nach dem Weg zur Grenze fragte, bei der Polizei gemeldet hatte, wegen seiner „revolutionären Wachsamkeit“ mit einer Urkunde und einem Federballspiel ausgezeichnet und den anderen als Vorbild hingestellt wurde. Poppe erinnerte sich, dass sie den Jungen zwar um das Spiel beneideten, seine Tat jedoch klar als Verrat empfanden.

Die mobile Ausstellung, die aus mehr als einem Dutzend übersichtlich-informativen Bannerdisplays und zwei „Erzählsäulen“, durch die Zeitzeugen direkt zu Wort kommen, besteht, erzählt neben den bekannten historischen Fakten vor allem die persönlichen Geschichten von Brandenburgern, denen die Errichtung der Berliner Mauer 1961 – die innerdeutsche Grenze wurde bereits 1952 befestigt – tief ins eigene Leben hineinwirkte. So kann man in der Ausstellung neben Zeitungsausschnitten und vielen Fotografien auch die Geschichte des ehemaligen Grenzgängers Volker Schobeß hören oder etwas über das Schicksal der Zwangsumgesiedelten Uwe Scholz und Ernst-Otto Schönbrunn erfahren.

Der Letztere war 1961 zwanzig Jahre alt, als er und seine Eltern ohne Ankündigung in einer gerade mal vierstündigen Aktion aus Lenzen an der Elbe zwangsumgesiedelt wurden. Sie landeten mit ihren privaten Habseligkeiten in einem Dorf bei Schwerin, in einem völlig heruntergekommenen Haus, das vorher als Getreidespeicher diente und jetzt von Ratten besiedelt war. Ernst-Otto Schönbrunn muss heute noch schlucken, als er davon erzählt, und seine Eltern, die damals schon 60 Jahre alt waren und ein mittelständisches Klempner-, Elektrotechnik- und Haushaltswarengeschäft in Lenzen besaßen, haben dieses Schicksal nur schwer verwunden. Schönbrunn selbst hat bis 1989 gebraucht, um zu begreifen, wie schwer er damals traumatisiert wurde. Am Tag der Maueröffnung erlitt er einen Herzanfall. Und er beschloss kurz darauf, nach Westberlin zu übersiedeln, denn er hatte Angst, dass die Maueröffnung nicht von Dauer sein und er seine ausgereisten Kinder nie wiedersehen könnte.

Rainer Potratz, der gemeinsam mit Lucia Halder die Ausstellung konzipiert hat, sagte, dass sie sich ganz bewusst mit diesen repräsentativen Alltagsbiografien befasst und das Schicksal eines „Grenzgängers“ dokumentiert haben, weil diese Fälle bisher aus der allgemeinen Aufarbeitungsgeschichte herausgefallen sind. Dabei handelte es sich bei den „Grenzgängern“ um Menschen, die im Westen arbeiteten und im Osten lebten. Nachdem die Berliner Mauer errichtet wurde, mussten sie sich registrieren lassen. Bei Weigerung drohten ihnen Arbeitslager zur Umerziehung. Einige von ihnen wurden noch bis in die 80er Jahre diskriminiert.

Ulrike Poppe berichtete in ihrer Eröffnungsansprache, dass sie bei ihren Besuchen in Brandenburger Schulen nicht nur einmal mit der Frage konfrontiert worden sei, weshalb Menschen ihr Leben riskiert haben, um in den anderen Teil Deutschlands zu gelangen. Das zeige, wie wenig Verständnis es bei heutigen Jugendlichen für ein Leben in Unfreiheit gebe. Sie mahnte an, dass die Erinnerung an diese Zeit nötig und die jetzige Freiheit der Meinung, der Reise und Politik zu wählen und abzuwählen nicht selbstverständlich seien.

Die Ausstellung, die als Wanderausstellung konzipiert ist und ab Mitte September kostenlos für Schulen und Einrichtungen ausgeliehen wird, will einen Beitrag zu dieser notwendigen Erinnerungsarbeit leisten und erzählt in bewegenden Bildern und Dokumenten auch die Geschichte eines 21-Jährigen, der 1974 in der Prignitz bei seiner Flucht über die Elbe von einem Grenztruppen-Patrouillenboot überfahren und getötet wurde.

„28 Jahre getrennt – Das Grenzregime und seine Folgen für die Brandenburger“ ist bis zum 8. September, montags bis donnerstags 10-17 Uhr und freitags 10-14 Uhr in der Hegelallee 3 zu sehen

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