Kultur : Im Dauerbewerbungsmodus

„die spielwütigen“ mit „Eingeloggt, ausgeloggt, ausgeknockt!“

Wahre oder virtuelle Freundschaft? Die „spielwütigen“ in Aktion.
Wahre oder virtuelle Freundschaft? Die „spielwütigen“ in Aktion.Foto: promo

„Hallo Welt. Heute abhängen mit den Mädels in der angesagtesten Location der Stadt.“ Solche oder ähnliche Statusmeldungen liest man stündlich in den sozialen Netzwerken dieser Welt. Sei es auf Twitter, Facebook, studiVZ oder sogar auf dem eigenen Blog: Das Leben muss mitgeteilt werden. Es ist schließlich nicht irgendein Leben, sondern das beste, schnellste, coolste, engagierteste, alternativste und überhaupt das individuellste Leben aller Zeiten. Dafür gibt es auch Beweise. Ein Foto von der aktuellsten Eroberung hier, ein Schnappschuss von der neuen trendigen Frisur da. Nicht zu vergessen die Videocollage zur momentanen Diät im Zeitraffer. Alles wird festgehalten. Alles wird mitgeteilt. Alles ist wichtig.

Ein Zustand, der – so absurd er auch klingen mag – die derzeitige Medienrealität widerspiegelt und im Grunde danach schreit, einmal gründlich durchleuchtet zu werden. Das dachte sich auch das Jugendtheater „die spielwütigen“ und hat sich dem Thema mit der 25-minütigen Collage „Eingeloggt, ausgeloggt, ausgeknockt!“ angenommen, die sie am Mittwochabend im Barocken Treppenhaus im Großen Waisenhaus vorstellten.

Unter der Leitung von Yasmina Quakidi präsentieren die Darstellerinnen Emma Charlott Ulrich, Lisa Richter, Dominique Bergemann und Magdalena Weber eine unglaublich witzige und pointierte Mischung aus Choreographien und Dialogen, die sich alle rund um das Thema „Zwischen Einzigartigkeit und Gefallsucht“ drehen. In einem rasanten Tempo setzen die Jugendlichen dabei ihren Alltag mit den sozialen Netzwerken selbstironisch in Szene.

Durch das gesamte Stück zieht sich ein Credo: „Wir sind im Bewerbungsmodus, rund um die Uhr.“ Das Internet als Selbstdarstellungsplattform. Nichts scheint echt zu sein in dieser Welt. Vom aufgemotzten Profilbild mit „Duckfaceschnute“ bis hin zu den 700 Freunden, alles dient nur dazu, den Nutzer in einem guten Licht dastehen zu lassen. Aber was passiert, wenn er offline ist? Ist dann die angebliche Busenfreundin wirklich immer noch der wichtigste Mensch im Leben? Oder ist es vielleicht doch das Mädchen von nebenan, mit dem man wirkliche Gespräche führt und dem man auch mal die Wahrheit sagen kann, ohne dass es gleich die Freundschaft kündigt?

„Eingeloggt, ausgeloggt, ausgeknockt!“ schafft es, diese Fragen zu stellen, ohne sie wirklich auszusprechen. Mit nur wenigen Requisiten bringt das Stück in der knappen halben Stunde alle Probleme der modernen Medienwelt auf den Punkt. Die überzeugende Inszenierung wird dabei vor allem von dem exzellenten Spiel der vier Darstellerinnen getragen, die trotz der ironischen Darbietung erfrischend natürlich bleiben und vor allem sich selbst nicht zu ernst nehmen. Sie verkörpern echte Menschen mit individuellen Fehlern und Schwächen, die versuchen zum künstlichen Einheitsideal aufzusteigen. In all die schnellen, witzigen Szenen stecken sie gleichzeitig so viel tiefgründigen Ernst, dass einem das Lachen manchmal auch im Hals stecken bleibt. Am Ende entlassen sie das Publikum mit der Überzeugung, dass es viel erfüllender ist, auf persönlicher Ebene miteinander zu kommunizieren, dem Gegenüber in das echte Gesicht schauen zu können und der realen Welt „Hallo“ zu sagen. Sarah Kugler

Wieder am heutigen Freitag um 19 Uhr im barocken Treppenhaus im Großen Waisenhaus in der Lindenstraße 34a. Der Eintritt ist frei

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