• „Ihr hättet Nein sagen müssen.“ Filmmuseum

Kultur : „Ihr hättet Nein sagen müssen.“ Filmmuseum

würdigte Fritz Bauer

Lene Zade

Am Anfang steht der Tod. Ein unaufgeklärter, mysteriöser Tod. Ob Unfall, Selbstmord, Mord oder natürlicher Tod – es lässt sich nicht mehr klären, woran Fritz Bauer am 1. Juli 1968 starb. Der Dokumentarfilm „Tod auf Raten“, der im Rahmen der Reihe „ueberMut“ am Sonntag im Filmmuseum gezeigt wurde, geht von der Irritation über die nicht stattgefundene staatsanwaltschaftliche Untersuchung aus. Das Desinteresse an der Klärung der genauen Todesursache des hessischen Generalstaatsanwaltes steht im größtmöglichen Kontrast zu dem, was Fritz Bauer als seine Lebensaufgabe ansah, die juristische Aufarbeitung der Naziverbrechen. Er wollte, so der Untersuchungsrichter Heinz Düx im Film, dass Deutschlands Schuld öffentlich bekannt würde, schon aus Gründen der Prävention. Denn, so insistierte Fritz Bauer, „nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

Bauer wusste, wovon er sprach. 1903 als Sohn jüdischer Eltern geboren, kam er 1933 wegen seiner Aktivitäten gegen Hitler für acht Monate in KZ-Haft. Er konnte danach emigrieren und kehrte 1949 zurück. In der Bundesrepublik wurde er zum Generalstaatsanwalt ernannt. Dass er gegen Hans Globke ermittelte, der im Nationalsozialismus den offiziellen Kommentar zu den „Nürnberger Rassegesetzen“ verfasst hatte und damit juristisch ausformulierte, wie Juden verfolgt und beraubt werden sollten, hat in seiner Zunft eher Unbehagen ausgelöst. War doch eben jener Globke inzwischen zum Staatssekretär unter Adenauer avanciert. Es herrschte die Ansicht vor, dass Beamte nichts Böses tun können, sind sie doch nur Angestellte des Staates. Bauer argumentierte dagegen, dass auch ein Staat zum Verbrecher werden könne. „Ihr hättet Nein sagen müssen“, hielt er denjenigen vor, die sich hinter ihre vermeintliche Pflicht zum Gehorsam verschanzten.

Im anschließenden Filmgespräch markierte Regisseurin Ilona Ziok den 1952 von Bauer initiierten Remer-Prozess als Wendepunkt in dessen beruflicher Laufbahn. Ernst Remer, der im Auftrag von Hitler die Attentäter des 20. Juli verhaftete, verleumdete diese auch noch nach 1945 als Landesverräter. Bauer klagte ihn wegen „übler Nachrede“ an, aber eigentlich, so Ziok, ging es ihm darum, den NS-Staat als Unrechtsstaat zu verurteilen. Als ein Staat, gegen den zu handeln, mehr als legitim war. Um eine Wiederholung des staatlichen Unrechts zu verhindern, wies Bauer immer wieder auf die „Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ hin. Eine von ihm verfasste gleichnamige Broschüre sollte einmal mehr zu einem Eklat führen. Sie wurde in Rheinland-Pfalz als Schullektüre mit der Begründung der „Vaterlandslosigkeit“ verboten. Auf dem Höhepunkt der Eskalation wurden Bauer und der damalige Kultusminister Eduard Orth zu einem Streitgespräch geladen. Bauer kam, Orth schickte einen Vertreter, den CDU-Abgeordneten Helmut Kohl. Der hielt Bauer vor, dass „der zeitliche Abstand noch viel zu kurz sei, als dass ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus gefällt werden könne.“ So lässt sich die Verweigerung der Auseinandersetzung natürlich auch begründen.

Fritz Bauer hörte aber nicht auf, die Öffentlichkeit dazu zu zwingen, die faschistischen Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen. Als Initiator des Auschwitzprozesses (1963-1965), indem erstmals die Opfer zu Wort kamen, schrieb er Justizgeschichte. Der Film zeigt eindrücklich, gegen welche Widerstände Bauer ankämpfen musste und erzählt darin eine Heldengeschichte. Diese Stilisierung zum Märtyrer übersieht jedoch die nachhaltige Wirkung Bauers, die sich nicht nur im Namen eines renommierten Forschungsinstituts niederschlägt. Der eigensinnige Jurist hat auch eine Tradition der politisch reflektierten und kritischen Haltung innerhalb der deutschen Justiz begründet. Das ist nicht wenig. Lene Zade