• Igor Levit zur Klassik in der Krise: „Diese Hauskonzerte waren die Rettung für mich“

Igor Levit zur Klassik in der Krise : „Diese Hauskonzerte waren die Rettung für mich“

Pianist Igor Levit spielte während der Pandemie Twitterkonzerte. Ein Gespräch über die Verantwortung für die Stars von morgen und die Musikwelt nach der Krise.

Christiane Peitz
Der Pianist Igor Levit, 33, lebt in Berlin.
Der Pianist Igor Levit, 33, lebt in Berlin.Foto: Peter Meisel/Sony Classical

Herr Levit, Sie haben seit Mitte März täglich ein Hauskonzert über Twitter gestreamt, 52 in Folge, erst mal bis zum 3. Mai. Was hat Sie zu dem Marathon bewegt?
Die Idee kam mir nach dem Einkaufen, auf der Straße, in der ich wohne. Mir wurde bewusst, dass es wohl sehr lange so bleiben wird: das Nicht-mehr-Vorhandensein von Räumen, die man mit Menschen teilt, von Umarmungen, Berührungen, Gesprächen, die ich nicht nur über den Bildschirm führen kann. Ich hatte und habe das dringende Bedürfnis, weiter teilen zu können. Also dachte ich, ich könnte Konzerte streamen, vollwertige Programme, und habe die Idee auch gleich getwittert.

Dem „New Yorker“ erzählten Sie, dass Sie im Elektronikmarkt dann Equipment für 24 Euro kauften.
Ich schrieb einer Freundin in Kalifornien, „I know shit about streaming“, so fing das an. Diese Hauskonzerte waren die Rettung für mich und haben mich vor der ersten Panik bewahrt.

Es hat ganz schön gescheppert. Die billige Technik, das war egal?
Die Akustik war mir seit jeher egal, jetzt ist sie mir noch egaler. Musik ist da, Geräusch ist da, Töne, Gesten, Miteinander, darum geht es. Wie klingt das Stück aus Reihe 19, die Frage hat mich schon nicht interessiert, als wir noch in Sälen spielten.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter "Fragen des Tages". Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier.]

Zigtausende aus der ganzen Welt hörten zu. Wie haben Sie diese „Igor Family“ wahrgenommen?
Nicht während des Spiels, aber danach. Beim ersten Mal waren es über 340 000, nach einigen Wochen pendelten sich die Views auf 25.000 bis 30.000 ein. Ich habe Beethoven und Bach gespielt, aber auch Morton Feldman, Ronald Stevens Monsterwerk „Passacaglia on DSCH“ oder Billy Joel. Mein Traum von einer Musik ohne Hierarchie ist wahr geworden. Die ungeheure Offenheit dafür hat mich sehr bewegt. Wenn du Menschen ernst nimmst, vertrauen sie dir und hören dir zu. Mit die emotionalsten Reaktionen kamen ausgerechnet auf Morton Feldmans „Palais de Mari“!

Im Klassikbetrieb heißt es, so etwas mag nur eine Minderheit. Neue Musik müsse man mit Bach, Mozart, Beethoven mischen.
Ich kenne kommerzielle Konzertveranstalter, die so etwas eben nicht leben und voller Neugier sowohl ungewöhnliche Programme möglich machen als auch jungen, noch unbekannten Musikerinnen und Musikern eine Bühne geben. Und dann gibt es Veranstalter, die ein Denken vertreten, das ich für verantwortungslos halte, um es freundlich zu sagen.

Meinen Sie jemanden wie Jutta Adler, die im Tagesspiegel sagte, Konzertveranstalter müssten jetzt sehr kommerziell denken, wenn sie Corona überleben wollen?
Ich halte diese Ansicht für problematisch, weil sie ihre eigene wirtschaftliche Kalkulation, die sie jahrelang erfolgreich praktiziert hat, nun zur allgemeinen Maxime aller privaten Konzertveranstalter macht. Das ist nicht nur wirtschaftlich zu kurz gedacht, weil die unbekannten Talente von heute die Stars von morgen sind. Es muss doch im ureigensten Interesse von Veranstaltern liegen, interessante junge Künstlerinnen und Künstler so früh wie möglich zu entdecken und zu fördern! Menschlich und gesellschaftlich halte ich diese Ansicht für noch problematischer, weil sie einer ganzen Generation die Existenzberechtigung nimmt und dies mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise begründet.

Sie will, dass die Konzertagentur Adler nicht insolvent geht, ist das nicht ein berechtigtes Interesse?
Selbstverständlich. Das ist ihr berechtigtes Interesse. Das größere Interesse ist aber ein anderes. Wie überlebt die Kunst diese Krise, nicht nur finanziell, sondern substanziell? Kunst lebt von der Auseinandersetzung mit der Gegenwart, von Verschiedenheit, Vielstimmigkeit. Sie stirbt, wenn sie sich von der Gegenwart abspaltet und reinen Repräsentationscharakter annimmt. Wenn jetzt die junge Generation nicht mehr Teil dieser Zukunft sein darf, dann retten wir gar nichts. Dann brauchen wir uns lange Zeit nicht mehr über Relevanz zu unterhalten. Was mich an Musik interessiert, sind Menschen. Das sage ich nicht nur als Solist, der auf der Bühne steht, sondern auch als Hochschullehrer, als künstlerischer Leiter einer Akademie, als Förderer.

"Ich kann Musik nicht machen, ohne zu teilen." Der Pianist Igor Levit hat zuletzt sämtliche Beethoven-Sonaten eingespielt, das Album erschien bei Sony.
"Ich kann Musik nicht machen, ohne zu teilen." Der Pianist Igor Levit hat zuletzt sämtliche Beethoven-Sonaten eingespielt, das...Foto: Felix Broede/Sony Classical

Wie geht es den Studierenden gerade an der Hochschule?
Es ist für mich sehr schwer, meine Studierenden zu motivieren, ohne Angst ihre eigene Stimme zu finden und nach Größe zu streben, wenn sie in der Gegenwart kleingemacht werden und sie sich hinten anstellen müssen. Jetzt kommen erst mal die Großen dran, dann vielleicht ihr? Junge Künstlerinnen und Künstler müssen sagen: Ich will! Gerade in einer Zeit, in der Fridays for Future die einzige Bewegung zu sein scheint, die den richtigen Ton für das Drama unserer Zeit findet, zeigt sich doch, dass wir auf diese Stimmen nicht verzichten können.

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Sie sagten eben, es gibt Konzertveranstalter, die anders mit den Jüngeren umgehen.
Es gibt viele Beispiele, lassen Sie mich zwei nennen: Burkhard Glashoff, Geschäftsführer der Konzertdirektion Goette, ist ein kommerzieller Veranstalter, der dennoch gesellschaftlich übergreifend denkt. Oder der Heidelberger Frühling unter Thorsten Schmidt, ein durch Sponsoringmittel und relativ geringe staatliche Zuschüsse finanziertes Festival, das sich ständig verändert, weiterentwickelt. Jahr für Jahr erfindet sich das Festival neu. Diese beiden und viele, viele andere leben Tag für Tag die Schönheit des Entdeckens.

Die gerade mit dem höchsten Musikpreis ausgezeichnete Bratscherin Tabea Zimmermann sagte der „FAZ“, sie habe Veranstalter erlebt, die sie aufforderten, die GEMA-Gebühren selber zu bezahlen, wenn sie Bartók spielen wolle. Sie hat eine „Stinkwut“. Haben Sie ähnliches erlebt?
Ich hatte zum Glück immer Partner, die so einen Unsinn nie fordern würden. Weil Bartók nicht Kasse bringt, können wir ihn nicht spielen? Das ist doch Publikums-Entmündigung.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.