Kultur : „Ich war doch dabei!“

„Alice im Wunderland“ mit dem „red dog theater“

Gerold Paul

Wer seinen Namen vergisst, muss noch lang nicht dement sein. Im Gegenteil, solch ein Ereignis kann denselben Geist sogar zu Höchstleistungen führen. Man sieht es doch bei Alice’s Abenteuern im Wunderland, der Protagonistin in Lewis Carolls gleichnamigem Roman von 1865. Diese Geschichte von einem Mädchen, das erst durch die verrückte Welt der Erwachsenen hindurch muss, um sich namentlich wiederzufinden, gehört wohl zu den meist kolportierten Vorlagen überhaupt. „Alice im Wunderland“ hat alle Genres angezogen, der erste Kinofilm entstand 1903. Und natürlich ist dieses wunderbare Buch trotz Game-Boy ein Liebling der Kinder geblieben.

In Potsdam stand es zur Adventszeit nun in einer Inszenierung des Berliner „red dog theaters“ zweimal auf dem Veranstaltungsplan vom „KunstWerk“. Auch am Sonntagnachmittag war die Bude in der Elflein-Straße wieder knackedickevoll. Viele Kleine waren dabei, „P4“ war ja versprochen. Vielleicht war das nicht immer ideal, denn die Knirpse forderten respektlos und lautstark ihr Recht ein, als die Spielerinnen Stefanie Rüffer und Rachel Pattison etwa das Kopf-Ab!-Werkzeug der Roten Königin „Beil“ nannten, während die Kinder darin völlig rechtens eine Axt erblickten. Aber da musste man durch, das 45-minütige Spiel war ja sowohl in der Adaption (Rachel Pattison) als auch in der erfrischend naiven Spielanlage zuerst einmal für Kinder ab vier Jahren gemacht. So las nicht das Schwesterherz die kleine Alice in den Schlaf, es gab auch kein weißes Kaninchen. Ihre Flucht ins bodenlose Loch wurde hier von der mäkelnden Mutter ausgelöst, das kennt jeder, auch jenseits von „P4“.

Eine offene Bühne, der Rückvorhang zeigt Wald. Davor lediglich ein hochkantiger Quader, eine Art Pult. Legt man sich bäuchlings darauf und rudert mit Armen und Beinen, so hat man die perfekte Simulation des freien Falls. Stefanie Rüffer spielt die Alice mit hinreißend naivem Charme, während ihre Kollegin alle anderen Parts mit wechselnd verstellter Stimme gibt: den grinsenden Kater als Impresario, den verrückten Hutmacher, einen nervösen Diener. Figuren wie Raupe, Vogel, Märzhase, die herrschsüchtige Rote Königin und die vom Pilz so märchenhaft verkleinerte Protagonistin stellen selbstgebaute Puppen dar, wobei der rotzfreche Hase an Chuzpe (ausbaufähig) alles übertrifft. So muss sich Alice immer wieder mit der absurden Welt der Erwachsenen beschäftigen, egal ob es sich um eine so saudämliche Teegesellschaft handelt oder um ein groteskes Fußballspiel, dessen Tore die Königin alle für sich beansprucht. Sogar das Strafgericht über sie mit der Drohung „Kopf ab!“ übersteht sie. Geharnischte, kaum getarnte Gesellschaftskritik, mein lieber Mann!

Rein theatertechnisch war das sehr spielerisch gedacht und szenisch leicht gelöst. Es gibt also noch das gute alte Theater, wo man mit einfachen Mitteln die besten Effekte erzielt, wo der menschliche Geist regiert, nicht technisches Raffinement. Je naiver, umso mehr Poesie ist möglich. Nachdem Alice nun alle Proben bestanden hat, fällt ihr nicht nur ihr Name ein, sie findet jetzt das Retour in die scheinbar reale Welt, zu ihrem Kater Max. Als sie ihm alles erzählen will, knurrt der nur leise: „Ich war doch dabei!“ Und das stimmte. Eine weitgehend überzeugende, ja fast hinreißende Inszenierung! Gerold Paul