• „Ich habe mich nie als Potsdammaler betrachtet“

Kultur : „Ich habe mich nie als Potsdammaler betrachtet“

Peter Rohn über die Gleichzeitigkeit von Gut und Böse, über Pieter Bruegel und warum Potsdam für einen Stadtmaler weniger interessant ist

Makaberer Zeitvertreib. „Spiele im Neubauviertel“ hat Peter Rohn sein Gemälde aus dem Jahr 1974 genannt.
Makaberer Zeitvertreib. „Spiele im Neubauviertel“ hat Peter Rohn sein Gemälde aus dem Jahr 1974 genannt.Foto: Andreas Klaer

In der Ausstellung „Stadt-Bild/Kunst-Raum“ zeigt das Potsdam Museum anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls erstmalig Werke aus der hauseigenen Sammlung mit Kunst aus der Zeit der DDR, darunter auch zahlreiche Arbeiten von Potsdamer Künstlern zum Thema Stadt. Die PNN befragen in den kommenden Wochen einige dieser Potsdamer Künstlerinnen und Künstler zu ihren Werken, ihrem Verhältnis zu dieser Stadt und ihrem Dasein als Künstler in der DDR. Nach Barbara Raetsch kommt nun der Maler Peter Rohn zu Wort.

Herr Rohn, „Spiele im Neubauviertel“ ist der Titel eines Ihrer Bilder in der Ausstellung. Es ist ein sehr makaberes Spiel, das die Kinder auf diesem Bild spielen.

Wenn ich mich mit bestimmten Problemen oder interessanten Dingen beschäftige, finde ich irgendwann das entsprechende Motiv. Aber ich denke mir das nicht aus. Als ich dieses Bild malte, war mein Sohn zehn Jahre alt, und da spielen Jungs einfach gerne Krieg. Als Eltern wissen wir oft nicht: Sollen wir das nun verbieten oder uns nicht weiter darum kümmern? Aber egal wie wir uns entscheiden, wir sind mittendrin in dieser Problematik. Bei einem meiner Spaziergänge durch Potsdam bin ich an diesem Neubauviertel vorbeigekommen. Die Grünanlagen waren noch nicht fertig und überall lagen diese großen Sandhaufen. Dann sah ich, wie ein paar Kinder diese Schießgruppe bildeten und andere, wofür ich sehr viel Verständnis habe, sich als Erschossene den Sandberg herunterrollen ließen.

Das war der eigentliche Spaß.

Ja, aber letztendlich haben die einen das Erschießungskommando und die anderen die Delinquenten gespielt. Das hat mich sofort gepackt. Bis dahin hatte ich noch kein Bild mit Neubauten gemalt. Und als ich die Kinder sah, dachte ich mir: „Das ist doch die geeignete Erzählung zu diesen Neubauten.“

Was meinen Sie mit geeigneter Erzählung?

Bei der Arbeit an diesem Bild fiel mir „Die Kinderspiele“ von Pieter Bruegel dem Älteren ein. Ein ganz bekanntes Gemälde, auf dem Bruegel Dutzende von Kinderspielen auf einem Dorfplatz dargestellt hat. Und dann habe ich hier unten rechts eine Szene zitiert, um zu signalisieren, dass ich ein Liebhaber von Bruegel bin, der seine Bilder ja ziemlich weit gefasst hat. Und dann gibt es noch ein anderes Bild von ihm, das sehr gut zu dieser Reflexion über die Kinderspiele im Neubauviertel passt. Ein Winterbild von einem Dorf, die Häuser stehen vereinzelt, ein kleiner Bach ist zu sehen; dort wird ein Feuer gemacht, an anderer Stelle tritt jemand aus der Tür. Und nach längerem Betrachten entdeckt man weit hinten im Dorf, zwischen zwei Häusern, eine Gruppe gepanzerter Reiter. In voller Rüstung und mit Lanze auf ihren Pferden. Die wollen wahrscheinlich in das Dorf einmarschieren. Das wird nicht erzählt, wir sehen sie nur. Aber Bruegel zeigt uns so ganz deutlich, dass die friedliche Idylle im Vordergrund nur trügerisch ist.

Sie trauen keiner Idylle?

Das ist es, was mich beschäftigt, denn als Kind hab ich im Frühjahr bei schönstem Sonnenschein einen Tieffliegerangriff erleben müssen. Und nachdem das Geknatter der Maschinengewehre und das Dröhnen der Explosionen wieder aus den Ohren waren, hörte ich die Vögel pfeifen und tirilieren. So, als wenn gar nichts geschehen wäre. Da habe ich mir gesagt: So ist das mit dem Krieg: Die Bomben fallen und die Sonne scheint. Das ist es, was ich bei Pieter Bruegel so bewundere, diese Welthaltigkeit in seinen Bildern. Er sagt, alles kann zur gleichen Zeit passieren, Schlechtes und Gutes.

So, wie sich auf „Spiele im Neubauviertel“ das Schlechte in dem arglosen Spiel der Kinder zeigt?

So lässt sich das verstehen. Übrigens, als ich da stand, das beobachtete und in meinem kleinen Skizzenblock zeichnete, wurde ich von zwei Männern angesprochen, was ich da eigentlich mache. Ich musste mit in die Neubauschule und wurde befragt. Als sich dann herausstellte, dass ich zum Verband Bildender Künstler gehöre, war alles gut und ich wurde wieder entlassen.

Das werden wohl kaum besorgte Bürger gewesen sein. Waren das vielleicht Herren von der Staatssicherheit?

Der eine war der Direktor der Schule, und der andere, nun ja.

Haben Sie das Bild in der DDR ausgestellt?

Nein, so habe ich es mit mehreren Bildern gehalten. Auch mit „Vor der Maifeier“, das hier in der Ausstellung gleich neben „Spiele im Neubauviertel“ hängt. Die habe ich nur wenigen gezeigt. Und dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass die geschwiegen haben. Die haben weder gesagt, ob das Bild gut ist oder schlecht, auch nicht, dass ich von diesem Thema lieber die Finger lassen sollte. Die haben sich mehr so herumgedrückt. Da habe ich mir gesagt: „Wenn die schon so reagieren, wäre es nicht sehr klug, das Bild auf einer Ausstellung zu zeigen.“

Sind diese Bilder auch eine Art Protest Ihrerseits gewesen?

Nein, ich wollte kein Widerstandskämpfer sein. Ich finde, ein Künstler ist nicht dazu da, als Widerstandskämpfer zu agieren, sondern er soll mit seiner Kunst einen Beitrag leisten. Also seinen Beitrag zur Zeit. Die Leute können dann ihre Schlüsse ziehen, wenn der Maler es gut macht. Für mich ist oberstes Gesetz: Mach das erst einmal für dich. Da muss eine Spannung da sein, damit man es überhaupt malen will.

Wie haben Sie als Maler Potsdam in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren erlebt?

Ich habe mich nie als Potsdammaler betrachtet. Ich habe mich hier nur umgesehen und zu Bildern gemacht, was mir interessant erschien. Und ich muss hinzufügen, dass Potsdam für einen Stadtmaler so interessant nun auch wieder nicht ist.

Das müssen Sie genauer erklären?

Die Vorstellung, was eine richtige Stadt sein soll, ist in Potsdam nur sehr begrenzt zu erleben. Potsdam ist ja mehr eine Gartenstadt, dadurch liegt der Akzent hier auch ganz woanders. Immer wieder wurde gesagt, ich sei ein Landschaftsmaler. Irgendwann war ich müde, dem andauernd zu widersprechen. Ich bin nie rumgezogen und habe gesagt: „Ach, wie schön Potsdam doch ist, nun male ich mal den Neuen Garten und dann die Segelboote auf dem Templiner See.“ Und obwohl ich das auch gemacht habe, ging es mir dabei nie um das Potsdamspezifische. Mich hat das Motiv interessiert und was dahinterstand. Nehmen wir das Bild mit dem einzelnen Trabant, der da in der Nacht steht. Wir wissen doch noch, dass man weit über zehn Jahre warten musste, bis man ein solches Auto bekommen konnte. Und wenn man es dann endlich hatte, dann weiß doch noch jeder, wie dieses Auto geliebt und gepflegt worden ist. Dann sah ich da diesen einsamen Trabant stehen, der Mond schien so hell und ich dachte: „Das ist ja wie eine dieser Idyllen aus dem 19. Jahrhundert.“ Damals hätten sie noch eine Fee in diese Idylle geholt. Unsere Fee aber war der Trabant. Um das zu malen, brauchte ich nicht Potsdam. Hätte ich in einer anderen Stadt gelebt und das dort so gesehen, hätte ich es gemalt.

Aber es gibt doch Bilder von Ihnen, die ganz spezifisch Potsdam zeigen.

Als ich nach Potsdam kam, habe ich einige Parkbilder gemalt, weil mich das damals am meisten interessiert hat. Immer das, was noch relativ neu und frisch ist.

Haben Sie Potsdam als Maler anders gesehen, anders betrachtet?

Ich hatte nie ein malerisches Programm oder Thema. Ich mag solche Programme nicht, weil ich ganz vom Sehen her komme und mich nicht schon vorher an etwas binden will. Vielleicht ist das mein geheimer Freiheitsbegriff. Wenn ich in dieser Stadt unterwegs war, habe ich immer dann etwas aufgegriffen, wenn ich es interessant fand. Nicht einfach nur schön. Das muss etwas erzählen, eine Tiefenwirkung wie ein Roman haben. Dann packt es mich und es entstehen neue Fragen.

Was für Fragen?

Wie ich das male. Nehmen wir das Bild mit den spielenden Kindern im Neubauviertel: Das kann ich nicht mit einem feuchten Pinsel, mit eleganten Strichen malen. Ein Sandhaufen ist ein Sandhaufen, deshalb habe ich die auch rau gemalt. Wahrscheinlich habe ich sogar etwas Sand in die Farbe gemischt. Ich habe die Neubauten zwar auch gemalt, aber gleich Papier draufgedrückt und abgezogen, sodass diese punktartige Rauigkeit entsteht, die typisch ist für diesen Rohbeton. Dadurch habe ich vermieden, dass das ein elegantes Bild wird, was mir immer wieder vorgeworfen wurde. Aber so ein Neubauviertel, in dem noch gebaut wird, das ist nicht schön im alten Sinn.

Wie sind Sie zum Malen gekommen?

Ich habe als Kind lange Zeit in der Sächsischen Schweiz auf dem Land gelebt. Nach der Schule bin ich dann immer rausgegangen auf eines der Felder, vom dem aus man sehr weit blicken konnte. Dort habe ich dann beobachtet, wie wundervoll doch die Herbstpflanzen sind. Wie sich das alles plötzlich verfärbt, das hat in mir die Liebe zur Farbe geweckt. Und mein erstes kleines Bild, das ich überhaupt gemalt habe, ist auch tatsächlich der herbstlich gefärbte Gemüsegarten meiner Großmutter. Die Malerei ist bei mir, wenn man das so sagen kann, in der Meditation über die Farben und Ereignisse in der Natur entstanden. Und als ich dann nicht wusste, was ich eigentlich machen wollte, fiel mir das wieder ein. Als mir meine Mutter dann auch noch erzählte, dass sie in der Zeitung eine Annonce gelesen hat, in der die Leipziger Hochschule noch für freie Plätze warb und mich aufforderte, es doch mal zu probieren, habe ich es gemacht. Und das hat dann geklappt.

Das Gespräch führte Dirk Becker

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