• „Ich habe gemeinet, du häst mihr lieb“

Kultur : „Ich habe gemeinet, du häst mihr lieb“

Friedrichs enge Beziehungen zu seinem Kammerdiener Fredersdorf

Auf 6000 Quadratmetern im Neuen Palais, verteilt auf 72, zum Teil erstmals zugänglichen Räumen, präsentiert sich derzeit die große Jubiläumsausstellung „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag von Friedrich II. Knapp 1500 Exponate sind noch bis zum 28. Oktober zu sehen, 1000 davon gehören zur Ausstattung des Neuen Palais. Die PNN stellen einzelne Ausstellungsstücke vor, die viel auch über Friedrich II. erzählen und erklären können.

Voltaire, der berühmte Schriftsteller und Philosoph sowie der von Friedrich dem Großen leidenschaftlich umworbene Freund, hat dazu beigetragen, dass der Ruf von des Königs angeblicher Homosexualität reiche Früchte trägt. Der Franzose hat sich in seinen „Denkwürdigkeiten“ einem „interessantem Literaturklatsch“ (Kurt Tucholsky), die er nach dem Bruch mit Friedrich ab 1752/53 schrieb, wohl den Ärger von der Seele geschrieben. So gab Voltaire über die Morgenaufwartung beim König folgendes preis: „Er ließ zwei oder drei Günstlinge kommen, Leutnants seines Regiments, Pagen, Heiducken oder junge Kadetten, und nahm mit ihnen den Kaffee. Derjenige, dem er ein Taschentuch zuwarf, blieb ein kleines Viertelstündchen mit ihm allein. In Anbetracht dessen, dass der Fürst zu Lebzeiten seines Vaters bei seinen flüchtigen Liebesabenteuern sehr schlecht gefahren war und nicht weniger schlecht geheilt wurde, kam es dabei nicht zum Alleräußersten.“

Man hat auch immer wieder behauptet, dass Friedrich homoerotische Neigungen zu seinem Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf pflegte. In der Tat, zu diesem einfachen und attraktiven Mann aus dem Volke hatte der König ein besonders inniges Verhältnis. Es scheint so, dass er zu keinem anderen Menschen solch Vertrauen hatte wie zu Fredersorf, denn niemandem sonst schrieb er Briefe voll Zärtlichkeit wie an ihn. Berührend sind vor allem jene Schreiben, in denen sich Friedrich über des Kammerdieners Krankheiten sorgt. „Ich habe gemeinet, du häst mihr lieb und wirst mihr nicht den chagrin (Kummer, Ärger) machen, Dir umbs leben zu bringen, nun weis ich nicht, was ich davon halten sol! glaube daß ich es recht guht mit Dihr meine …“, heißt es in einem Schreiben an Fredersdorf. In einem anderen: „… wohr (wenn) heute Mittag die Sone Scheint, so werde ich ausreiten. Kome doch am fenster, ich wollte Dihr gerne sehen!“ Er verfasste die Briefe in einem entsetzlich falschen Deutsch, da ihm das Französische viel näher lag als die eigene Muttersprache.

In der Friederisiko-Ausstellung ist eine Reproduktion eines Aquarells auf Elfenbein mit dem Porträt des Kammerdieners zu sehen. Das Bild wurde eingefügt in den Deckel einer Elfenbeindose. Das Original ist leider nicht mehr erhalten. Diese Wiedergabe Fredersdorfs war eine große Auszeichnung für einen Nicht-Adligen und für einen Bediensteten. Auch dies hat so manche Spekulationen heraufbeschworen. Beide schlossen bereits in der Küstriner Haftzeit des Kronprinzen Bekanntschaft. Michael Gabriel Fredersdorf wurde nach der Hinrichtung Kattes Friedrich „zugeführt“, als Gesprächs- und Musizierpartner. Denn dieser blies wie Friedrich die Flöte.

Fredersdorf, der Stadtmusikanten-Sohn aus dem pommerschen Gartz, wurde während der Rheinsberger Kronprinzenjahre Kammerdiener. Nach der Thronbesteigung Friedrichs 1740 stieg er sogar zum Geheimen Kämmerer und Verwalter der privaten Schatulle des Königs auf. Fredersdorf wurde für einige Jahre der eigentliche Strippenzieher am königlichen Hof von Preußen. Nichts ging am Schreibtisch des Kämmerers vorbei, ohne dass er ein Auge darauf warf.

Die Historikerin Eva Ziebura meint, dass Friedrich und Kammerdiener zu Beginn ihres Kennenlernens auch Sex miteinander hatten. „Das 18. Jahrhundert kannte ein kategorisches Entweder-oder von Homo- und Heterosexualität nicht. Ich glaube, im Grunde hatten alle Adligen zu dieser Zeit gleichgeschlechtliche Erfahrungen. Das brachte die Erziehung in den Kadettenanstalten mit sich. Man wurde unter Männern groß. Frauen stellten eine andere, oft fremde Welt dar, und dann waren sie natürlich auch gefährlich: Die Angst vor Syphilis war immens.” Beweise für Friedrichs Homosexualität hat die Historikerin aber nicht geliefert. Dies bleibt wohl ein Geheimnis.

Doch im Hinblick auf den Bruder des Königs, Prinz Heinrich, der in Rheinsberg residierte, konnten die Historiker mehr in Erfahrung bringen. Denn er machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Er unterhielt mehrere, über Jahre andauernde Liebschaften. Es hieß, das Regiment des Prinzen sei von „Päderasten“ durchsetzt. Eine Reihe von Männern sind als Liebhaber des Prinzen Heinrich bekannt geworden: der Lakai Brederic, Major Kaphengst, der sogenannte schöne Knyphausen oder der Cellist Mara, der Ehemann der Sängerin Gertrud Elisabeth Mara. Klaus Büstrin

Informationen zur Ausstellung unter www.friederisiko.de

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