Kultur : Hörner-Hörnchen

Das Hans Otto Theater zeigt „Isbart“ – das erste Stück von Christine Anlauff

Juliane Wedemeyer

Eigentlich war alles nur ein Versprecher. Ihre Tochter hatte aus Versehen „Elchhörnchen“ gesagt. Und da sah Christine Anlauff das Hörnchen vor sich. Ein Hörnchen mit Elchgeweih. „Das sah so krude aus“, sagt Christine Anlauff. „Zu dem passten schön zickige Züge.“ Und so wurde Isbart, das Elchhörnchen zum Menschenhasser. Christine Anlauff sitzt in der Waschbar, dem Café in Potsdam West. Eine junge Frau, dunkles Haar, helle Haut und auffallend grüne Augen. Sie trint erst einmal eine Cola. Und erzählt von ihrem ersten Theaterstück, ein Stück für Kinder ab sechs Jahren.

Die Ferien soll Emil bei seinen Großeltern verbringen. Doch im alten Kinderzimmer seines Vaters langweilt er sich furchtbar. In einem Buch entdeckt er eine Schatzkarte. Bei der Schatzsuche im Wald stößt Emil auf Isbart. Dass das Hörnchen ein Geweih hat, ist das eine. Aber das Isbart redet und schimpft wie ein Mensch, ist das andere. „Isbart ist das einzige Tier auf der ganzen Welt, das sprechen kann“, sagt Christine Anlauff. Und darauf sei er sehr stolz. Das Elchhörnchen ist so elitär, dass es mit dem Gehabe Friedrichs des Großen herum läuft und alle anderen mit „Er“ anspricht. Nein, Isbart ist kein imaginärer Freund von Emil, er ist real. Seine Erfinderin wünscht sich, dass die Kinder aus dem Theater gehen und denken: „Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir ihn vielleicht irgendwo.“

Anderthalb Jahre lang hat Christine Anlauff das Stück geschrieben. „Das ist ziemlich lang, aber ich hatte ja gar keine Ahnung, wie man fürs Theater schreibt.“ 1971 kam sie in Potsdam als Tochter einer Hebamme und eines Sargtischlers zur Welt: Sie hat Buchhändlerin gelernt, Archäologie und Geschichte studiert und als Stadtführerin gearbeitet. Und immer wieder schrieb sie Kurzgeschichten und Erzählungen. Bekannt geworden ist die Schriftstellerin 2005 mit ihrem Roman „Good morning Lehnitz“ über das Erwachsenwerden in der Wendezeit.

Beim ersten Theaterstück halfen ihre Kinder. Sie hat vier: vierzehn, zehn, acht und drei Jahre alt. „In Potsdam West ist das so. Da werden alle schwanger. Ich kenne ganz viele, die schon das vierte Kind bekommen“, sagt Christine Anlauff. Sie las das Stück erst ihren eigenen Kindern vor – „sie sind sehr kritisch, sie fragen nach“, dann den Nachbarskindern und dann der Schulklasse ihrer achtjährigen Tochter. „Ich wollte sehen, ob sie zappelig werden oder einschlafen.“ Sind sie nicht. Denn „Isbart“ thematisiert kein Problem, sondern ist einfach Abenteuer und Spaß. Die Kinder sollen ja gern ins Theater gehen.

Isbart, das Elchhörnchen, gibt es eigentlich schon viel länger. Kinder, die öffentlich rechtliches Radio hören, werden es von der Ohrbär-Sendung kennen. Für die hat die Potsdamer Schriftstellerin fünfminütige Isbart-Episoden geschrieben. Daraus ist nun eine Stunde Kindertheater geworden. Schuld daran ist auch der Dramaturg vom Hans Otto Theater (HOT), Sebastian Stolz, der bei Anlauff auf dem Kiez wohnt. Er habe sie angesprochen, weil es zwar Jugend- aber kaum Kindertheaterstücke gibt. Ob sie denn nicht mal eins schreiben wolle. Und sie wollte.

Was nun daraus geworden ist, weiß sie nicht. Ein wenig komisch findet sie es aber schon, dass Isbart, das Elchhorn, das eigentlich so alt ist, dass es einen langen weißen Bart hat, von einer Frau (Jenny Weichert) gespielt wird. Aber zum HOT-Jungen Theater-Ensemble gehören eben nur zwei Männer und eine Frau. Die beiden Männer, Peter Wagner und Alexander Weichbrodt, spielen Emil und dessen Cousin Robert. Das Elchhörnchen war da neutral genug, um von einer Frau gespielt zu werden. Und Anlauff glaubt fest daran, dass Jenny Weichert ein guter Isbart sein wird. Regisseur Michael Neuwirth habe sie keine Vorschriften gemacht. „Mal sehen, vielleicht gehe ich ja beim nächsten Stück hin und funke dazwischen.“ Und wenn sich die jungen Zuschauer bei der Premiere morgen doch langweilen? Dann muss das an der Inszenierung liegen, sagt Christine Anlauff und lacht. Denn die größten Kritiker habe das Stück schließlich überzeugt. Ihre Kinder finden Isbart toll.

Isbart, das Elchhörnchen hat morgen um 10 Uhr in der Reithalle A Premiere