• Helge Schneider in der MBS-Arena: Überraschung lauert überall

Helge Schneider in der MBS-Arena : Überraschung lauert überall

Zwei Stunden virtuoser Klamauk: Helge Schneider war zu Gast in Potsdam, ließ sich von seinem Sohn die Show stehlen und blieb bestens gelaunt.

Oliver Dietrich
Helge Schneider & The Snyders in der MBS-Arena Potsdam.
Helge Schneider & The Snyders in der MBS-Arena Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Wird er bis zum Ende spielen, oder wird er grummelnd die Bühne nach angebrochenem Abend verlassen? So geschehen war das im Juli, als Helge Schneider wegen mangelndem Kontakt zum Publikum ein Strandkorb-Konzert in Augsburg abbrach und von der Bühne ging. Am gestrigen Donnerstag war Helge Schneider zu Gast in der Nikolaisaal-Reihe „Stars im Porträt“, die coronatauglich in die riesige MBS-Halle verlegt wurde. 

Und er kam, grinste sich gut gelaunt durch zwei Stunden Programm und warf sogar noch zwei Zugaben hinterher. Mangelnder Kontakt zum Publikum? Nö, davon war hier nichts zu merken. Soundtechnisch kann natürlich eine Turnhalle gegen den Nikolaisaal nur abstinken, ganz klar. Spaß hat es trotzdem gemacht.

Ein Jazzpianist als Singende Herrentorte

Helge Schneider war schon Kult, bevor er überhaupt richtig bekannt wurde. Anfang der 1990er Jahre wurde aus dem Ruhrpott-Sonderling Schneider, der vorher eher einem regionalen Publikum durch Nischenfilme bekannt war, schlagartig ein als Singende Herrentorte bekannter schrulliger Jazzpianist, der einer ganzen Nation einen Ohrwurm verpasste: Das unabsichtlich falsch geschriebene „Katzeklo“ katapultierte sich bis in die deutschen Charts. 

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Viel geändert hat sich seitdem nicht: Helge Schneider füllt mit seinen Klamaukhybriden aus schrägen Erzählungen und perfektioniertem Jazz die Säle der Republik und vereinigt zahllose Fans, die in einem eigenen sprachlichen Code miteinander kommunizieren.

In braunem Cordanzug und Strohhut stakst er schief grinsend auf die Potsdamer Bühne, begleitet durch Assistent Bodo, der ihm Pfefferminztee reicht und wie einst Schlagzeuger Peter Thoms in schöner Regelmäßigkeit gedemütigt wird – allein das schon treibt einigen Fans die Lachtränen ins Auge. 

Der Sohn klaut ihm die Show

Gitarrist Sandro Gitampietro ist ebenfalls ein solider Bekannter, eine Überraschung sitzt jedoch am Schlagzeug: Helge Schneiders elfjähriger Sohn Charlie. Schon jetzt besitzt er diese steif-abgebrühte Körperhaltung gestandener Jazz-Schlagzeuger – und er wird mit einer professionellen Gelassenheit im Laufe des Abends zum eigentlichen Star der Veranstaltung, deren Höhepunkt er mit einem unglaublichen Drumsolo markiert. Chapeau!

Chapeau aber auch für den Meister. Da mag ihm sein eigener Sohn noch so sehr die Show stehlen, Helge Schneider kurvt durch infantile Absurditäten und ausgereiften Jazz – inklusive eigener Versionen von Stücken von Duke Ellington oder Benny Goodman. Es gibt ja das Gerücht, dass ihm dieser zelebrierte Schwachsinn nur erlaubt, Jazz vor einem größeren Publikum zu spielen – entkräftet hat er das nicht. Sein Sujet ist die Improvisation: Ausgeschlossen, dass ein Auftritt genau so noch einmal woanders stattfinden könnte.

Virtuose am Flügel, aber keine Hitmaschine

Überraschung lauert hier überall: Schneider ist am Flügel ein Virtuose, am Vibraphon genauso wie am Saxophon, und als er grinsend und staksend einen Kontrabass auf die Bühne schleppt, ist man auf alles gefasst – aber darauf sägt er nur ein wenig und steht flugs wieder hinterm Vibraphon. 

Eine Hitmaschine wird er dennoch nicht: „Bitte keine Hörerwünsche!“, kanzelt er einen Zuruf aus dem Publikum ab. „Das kann ich nicht leiden. Wir sind ja schließlich nicht im Altersheim.“ Nach „Katzenklo“ und dem „Meisenmann“ kann er eine Bitte aber nicht abschlagen: Der Abend endet mit einer leicht verstimmten Gitarre und dem Titelsong aus dem 1983er Film „Johnny Flash“, in dem er die Titelrolle spielte: „Wenn ich dich nicht halten kann“ ist die Mega-Verballhornung erfolgloser Schlagerstars. Und das passt dann auch am besten zu einem Abend wie diesen: irgendwie schräg, oft mit Lachtränen, aber auch erfüllend.


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