Kultur : Hauptsache glücklich!

Eröffnung des 10. Festivals der Frauen mit Lesung über heutige Lebensformen

Astrid Priebs-Tröger

Gudrun Hirche ist jetzt 81. Vor fünfzehn Jahren hatte die pensionierte Lehrerin eine Vision. Sie wollte mit Gleichgesinnten nicht nur ihre Freizeit aktiv gestalten, sondern mit ihnen auch in einem Haus zusammen leben. Sie gründete in einem Plattenbauviertel in Berlin-Lichtenberg den Verein „Miteinander wohnen“ und lebt seit sechs Jahren mit 50 weiteren Senioren in einer altengerechten „Wohnblock-WG“.

„Anti-Aging ohne Botox“ hieß der Text über die sehr lebendige Altenwohngemeinschaft, den die freie Journalistin und Autorin Simone Schmollack während der Lesung zur Eröffnung des 10. Festivals der Frauen am Dienstagabend im Potsdamer Frauenzentrum vorstellte. Schmollack, die sich seit Jahren besonders für die Schnittstelle von Politik, Privatheit und Alltag interessiert, ist Mitautorin des im kommenden Frühjahr erscheinenden Buches „Alles, was Familie ist – Patchwork-, Wahl- und Regenbogenfamilien“.

Das Buch beschäftigt sich mit den Lebenswirklichkeiten von in Deutschland lebenden Menschen, wo seit Jahrzehnten immer weniger die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie als Lebensform wählen. Stattdessen gibt es eine große Vielzahl von Modellen des Zusammenlebens von Erwachsenen, Kindern und Senioren, die sich immer stärker an eigenen Interessen und Vorlieben sowie den vorgefundenen Lebenswirklichkeiten ausrichten, als traditionellen Normen zu folgen.

„Unsere Welt hat sich verändert“ war dann auch Konsens im vollbesetzten Café des Potsdamer Frauenzentrums und das diesjährige Jubiläumsfestival, das unter der Schirmherrschaft von Dagmar Ziegler steht, geht vor allem der Frage nach, wie Frauen heutzutage ihren Platz in der Gesellschaft und der Familie einnehmen und behaupten können. Denn nach wie vor gibt es geschlechtliche Rollenerwartungen und –zuschreibungen, die sich mit den Erfordernissen moderner Arbeits- und Lebenswelten kaum vereinbaren lassen und nicht nur Frauen mit ungeahnten Schwierigkeiten konfrontieren.

So war in der sich anschließenden angeregten Diskussion schnell klar, dass es auch hier ein Nebeneinander von der langjährigen Ehe, über temporäre Patchworkkonstruktionen bis hin zur selbstgewählten Mutter-Kind-Gemeinschaft gibt. Die Beteiligten – Ina Lenke, familienpolitische Sprecherin der FDP im Bundestag, Birgit Uhlworm vom SHIA e.V., dem Landesverband von Selbshilfegruppen Alleinerziehender in Brandenburg und Silke Klug vom WohnGut e.V., einem Babelsberger Mehrgenerationen-Wohnprojekt – versuchten zu definieren, was Familie heutzutage ausmacht. Dabei wurden auch so weitreichende Fragen wie das überholte Ehegattensplitting, der unbedingte Rechtsanspruch auf Kita-Betreuung für 0- bis 3-Jährige oder das Thema Elterngeld berührt. Birgit Uhlworm forderte ein grundsätzliches Umdenken der politisch Verantwortlichen, um von den „schönen Reden“ über Kinder zu wirklichen Privilegien für diese zu kommen. Dann sei auch nicht mehr entscheidend, in welchen Lebensformen Kinder aufwachsen, sondern der Wunsch nach individueller Glückserfüllung wieder ein Stück mehr Wirklichkeit geworden. „Wie wollen wir leben“ könnte also der Maßstab sein, nach dem Männer, Frauen und Kinder ihr Leben gestalten, und das mit größtmöglicher rechtlicher und finanzieller Gleichstellung.

Eine schöne Vision, die auch in Potsdam immer mehr aktive Anhängerinnen findet. Astrid Priebs-Tröger

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