• Hans Fallada: Buchveröffentlichung in Potsdam: Wegen Graulichkeit abgelehnt

Hans Fallada : Buchveröffentlichung in Potsdam: Wegen Graulichkeit abgelehnt

„Junge Liebe zwischen Trümmern“ vereint erstmals die unveröffentlichten Erzählungen Falladas. Zusammengestellt hat sie Peter Walther vom Brandenburgischen Literaturbüro

Grit Weirauch
Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Sie ist schon ein seltsamer Glücksfund – die Geschichte einer liebestollen Leichenwäscherin, erzählt von Hans Fallada. Der Ich-Erzähler begegnet darin einer buckligen Frau, die in ihrem neu eröffneten Bestattungsladen ein totes Kind aufbahrt und aus deren Klauen er sich nur schwer befreien kann. 1946 schrieb Fallada „Die Bucklige“, aber die „Tägliche Rundschau“, die Zeitung der sowjetischen Besatzungszone, lehnte eine Publikation ab. „Wegen Graulichkeit“, so schrieb Fallada. Wohl aus selbigem Grund vermied auch noch in den 1980er Jahren der Aufbau-Verlag den Abdruck der Erzählung. Nun erscheint sie endlich, 70 Jahre nach dem Tod des Autors, und ist eine der stärksten Geschichten in dem Band „Junge Liebe zwischen Trümmern“. Er vereint erstmals die unveröffentlichten Erzählungen Falladas.

Zusammengestellt hat sie Peter Walther, Literaturwissenschaftler am Brandenburgischen Literaturbüro. Im vergangenem Jahr erschien von ihm bereits Falladas Biografie, in der er das Leben des Schriftstellers zwischen Morphiumsucht und literarischem Ruhm, rasantem Aufstieg und tiefen Abstürzen eindrücklich und mit großer Genauigkeit ausbreitet.

Falladas literarischer Weg wird nachgezeichnet

Sozusagen als Folge und Abschluss dieser Arbeit nun also die unveröffentlichten Erzählungen. Ausgangspunkt des Projekts war eine Liste des Erika-Becker-Archivs in Falladas Landsitz Carwitz mit Texten, die bislang lediglich einmalig in Zeitschriften oder gar nicht erschienen sind. Es ist Walthers feinsinnig abgestimmter Anordnung der Erzählungen und seinem klugen und kenntnisreichen Nachwort zu verdanken, dass der Band mehr ist als nur Zusammengekehrtes vom Werk eines Autors, von dem ein Verlag glaubt, dass er wieder en vogue ist.

Stattdessen ist das Buch literarisches Dokument und Lesegenuss zugleich. Die Texte darin zeichnen Falladas literarischen Weg nach, bei dem sich Leben und Werk, so Peter Walther, „gegenseitig bezeugen“. Wie in einem Spiegelkabinett verweisen die Texte, etwa „Junge Liebe“ oder „Aufzeichnungen des jungen Rudolf Ditzen nach dem Scheinduell mit seinem Schulfreund“ auf die tatsächlichen Begebenheiten, sind sozusagen in Literatur geflossenes Leben. Andere wirken wie erste Fingerübungen eines werdenden Schriftstellers, wiederum andere sind aus literaturwissenschaftlichem Interesse überraschend, so die Geschichte „Ich, der Findling“, die Walther als Anfangsfragment eines Romans deutet.

Zwischen großer Kunst und Trivialität

Bildstark und atmosphärisch geschrieben lassen die Erzählungen einen eintauchen in die Atmosphäre der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den falladatypischen Gestalten, die vertraut und doch auch befremdlich anmuten. Nicht alle Texte, und auch das zu zeigen ist die Stärke des Bandes, sind von gleicher Qualität. Falladas Schreiben schwankt zwischen großer Hingabe, Kunst zu schaffen – mit all dem Genuss selbst für den heutigen Leser – und schlichtweg Trivialität. Viele dieser Texte waren meist Auftragsschreiberei – wenn die Einnahmen aus den Romanen nicht ausreichten, um seine Morphiumsucht zu finanzieren. Manche von diesen unveröffentlichten hat der Herausgeber auch nicht mit in den Band aufgenommen, rein aus Belanglosigkeit.

Immerhin, erzählt Walther, wenn Fallada schrieb, so nie unter Drogen. Schreiben war ihm selbst Sucht genug, "die höchste Sucht". Da konnte er seine autistische Begabung ausleben, sich ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren. Sicher zeigt sich Falladas Stärke, Handlungsfäden über weite Strecken miteinander zu verweben, vor allem in den episch breit angelegten Romanen. Die Erzählungen aber zeigen genauso seine gesamte thematische Bandbreite und sein Können. Da sind die abseitigen und finsteren Gestalten und da ist seine Meisterschaft, in das Tiefdunkle und Schlichte der menschlichen Seele zu blicken, ohne sich jemals darüber zu erheben. Immer wieder scheint auch seine Vorliebe für Ländliches durch – und auch für Biblisches, wie im „Märchen vom Unkraut“, das fein und volkstümlich das Jesaja-Lied vom Weinberg und das Gleichnis vom vierfachen Acker miteinander verwebt, in einem Stil, der an seine „Geschichten aus der Murkelei“ erinnert.

Ein genauer, sensibler Betrachter

Zwischendurch streut Walther auch die Reflexionen eines über Nacht berühmt gewordenen Autors ein, der sich zu seinem eigenen Anspruch befragt: „Ich habe gewissermaßen aus Versehen und wider Erwarten einen Bucherfolg gehabt“, schreibt Fallada, „ich bin das geworden, was man einen Volksschriftsteller, einen populären Mann nennt. Aber nun sitze ich da und grübele: leicht oder schwierig?“

Manche Erzählungen sind einfach nur anmutig. Die Titelgeschichte „Junge Liebe zwischen Trümmern“ ist so eine. Ein junges Paar in Berlin nach dem Krieg. Sie fahren mit der U-Bahn durch die Stadt und begegnen nur missmutigen, ihnen ihr Verliebtsein verübelnden Leuten. Das macht sie zwar traurig, tut ihrer Liebe aber keinen Abbruch. Ganz nebenbei entwirft Fallada in Erzählungen wie dieser ein fast dokumentarisches Bild seiner Zeit. Und bleibt sich treu als sensibler und genauer Betrachter, der noch heute in den Bann zieht. 

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