Kultur : Hand aufs Herz

Theaterschauspieler auf der Couch: Die Talkshow-Reihe „Chambre privée“

Oliver Dietrich
Zu Gast bei Chambre privée. HOT-Schauspielerin Marianna Linden.
Zu Gast bei Chambre privée. HOT-Schauspielerin Marianna Linden.Foto: HL Böhme

Welches Theater kann schon behaupten, ein eigenes Talkshow-Format zu haben? Im Hans Otto Theater in Potsdam gibt es das – und zwar weit entfernt vom Polittalk à la Maischberger & Co.: „Chambre privée“ heißt die Reihe, in der bei Michael Schrodt und Meike Finck zwei Gäste des Ensembles auf der Couch Platz nehmen und in herzlichem Rahmen aus ihrem Leben plaudern. Am Samstagabend waren das Marianna Linden und „Hamlet“-Darsteller Alexander Finkenwirth: Beide zusammen stehen derzeit etwa in „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ und „Das schwarze Wasser“ auf der Bühne.

Schrodt und Finck führen durch den Abend in bewährtem Format, ein bisschen beschwipst und aufgedonnert, schließlich will man ja den Gästen auch etwas entlocken: „Es soll ein schöner Abend werden“, verspricht Schrodt, „mit geistreichen Gästen und Getränken.“ Das wurde er schließlich auch: Es wurde gesungen, getanzt und gelacht.

Das Schöne an Abenden wie diesem ist, dass die Barriere zwischen Publikum und Bühne annulliert wird: Schauspieler sind auch nur Menschen, heißt die Botschaft – und die beiden Gäste sind dazu auch noch besonders herzliche Exemplare. Und für die wurde reichlich eingeschenkt: Crémant für Linden, Caipirinha für Finkenwirth, auf dass sich die Zunge lockern möge. Und dann kam der „Wer-hätte-das-gedacht-Effekt“: „In der Grundschule war ich ein ziemliches Problemkind und habe mich geprügelt“, erzählt Finkenwirth etwa. Hand aufs Herz: Das hätte man dem Traumschwiegersohn kaum zugetraut. Auch nicht, dass der Sohn einer Brasilianerin Messdiener in der russisch-orthodoxen Gemeinde in Wiesbaden war und bei den russischen Pfadfindern als Deutscher gemobbt wurde. Russisch spricht er übrigens immer noch fließend.

Das dürfte die 1975 im ostdeutschen Halle an der Saale – „die Diva in Grau“ - geborene Marianna Linden auch noch hinbekommen, sozialisiert in einer Jugend zwischen FDJ und Montagsdemonstrationen. Das merkt man schon an den Kinderfotos: Die sind im Gegensatz zu denen von Finkenwirth ausnahmslos schwarzweiß, Farbfilme schienen im Osten eben nicht Standard zu sein – dafür angstvolle Blicke im Rotkäppchen-Kostüm oder mit Wattebart als Weihnachtsmann. Großes Gelächter schließlich, als beide eine Knutschszene aus der Schmonzette „Dirty Dancing“ synchronisieren sollen: Finkenwirth babbelt Hessisch, Linden Sächsisch – da machte es gar nichts aus, dass Jungspund Finkenwirth den Film noch nie gesehen haben will. Marianna Linden ist dagegen in ihrem Element: „Ich glaube, ich könnte gute Kitschromane schreiben“, gibt sie zu. Die möchte man doch gern lesen.

So plätschern zwei Stunden dahin, in denen gesungen und gespielt wird. Schrodt und Finck gurgeln mit Sekt Lieder aus dem Repertoire des Ensembles, Finkenwirth scheitert in der Karaoke-Version von Michael Jacksons „Man in the Mirror“, während Linden sich mit dem Bangles-Hit „Eternal Flame“ besser schlägt – und Komplimente einheimst: „Ihre gespielte Unsicherheit macht mich ganz rollig“, grinst Florian Schmidtke in die Kamera. Überhaupt ist es wieder Tausendsassa Schmidtke, der den Abend ganz am Ende mit einem Freestyle-Rap zusammenfasst. Auf so ein wunderbares Ensemble wie am Hans Otto Theater kann man schon neidisch werden.

Oliver Dietrich