Kultur : Häppchen zum Mitnehmen

Am Sonntag ist Tag des offenen Ateliers. Dann lassen in Potsdam mehr als 100 Künstler Besucher in ihr Allerheiligstes

Bitte benutzen. Bei Kathrin Ollrogge dürfen Besucher an die rosa Schreibmaschine.
Bitte benutzen. Bei Kathrin Ollrogge dürfen Besucher an die rosa Schreibmaschine.

Udo Böttcher wird am Sonntag zum Äußersten greifen. Er wird für seine Besucher ein Kunstwerk opfern. Ganz radikal: Sein Öl-auf-Leinwand Gemälde „Arlecchino“ wird er in 200 kleine Schnipsel zerschneiden. Die er anschließend seinen Besuchern anbietet: „Kunsthäppchen zum Mitnehmen“, sagt der Maler. Die italienische Theaterfigur Arlecchino, deren Motto stets das „Eccomi!“ ist, ein schwungvolles „Da bin ich!“, verabschiedet sich sozusagen stückchenweise, aber stilecht mit einem „Sono andato!“, zu Deutsch: „Ich war da“, erklärt der Maler seine Idee.

Seit einem halben Jahr gehört Böttcher, arbeitssuchender Jurist mit einem Faible fürs Malen, wie er sich selbst vorstellt, zu den neuen Mietern im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum an der Breiten Straße, das in diesem Jahr zum ersten Mal am Tag des offenen Ateliers teilnimmt. Um 11 Uhr findet dort die offizielle Eröffnung des Kunstevents statt. In ganz Potsdam beteiligen sich 38 Ateliers und Studios mit insgesamt weit mehr als 100 Künstlern.

In Potsdams Norden laden die 13 Künstler vom Atelierhaus Panzerhalle ein und zeigen Malerei, Installation und Skulpturen, Collagen und Fotografie. Die Potsdamer Kunstgenossen und die Künstlergemeinschaft „Fotogalerie Potsdam“ stellen im Treffpunkt Freizeit aus und auch das Atrium der Wilhelmgalerie am Platz der Einheit wird zum Kunstraum. Im Atelierhaus Am Neuen Palais finden Mitmachangebote und ein Kunstmarkt statt. In der Scholle 51 wird um 15 Uhr zur Vernissage mit Musik und im Kunstgriff 23 zum gemeinsamen Malen am Potsdamer Kritzel-Tisch geladen. In Babelsberg öffnen unter anderem die Thiede-Werkstätten im Industriegebiet, im Atelier O.Ton kann man die Töpferscheibe ausprobieren.

Obwohl in Potsdam immer wieder bemängelt wird, dass es zu wenig Raum für die Branche der Kreativwirtschaft gibt, präsentiert sich an diesem Tag eine breite, lebendige Kunstszene: Maler, Grafiker, Fotografen, Bildhauer, Lichtkünstler und Multimediakreative; jene, die es hauptberuflich betreiben oder als Hobby.

Im Rechenzentrum sind bisher die dritte und vierte Etage belegt. Etwa die Hälfte der insgesamt 100 Mieter in dem Plattenbauwürfel zählt sich zur Kreativbranche. Und wünscht sich jetzt, nachdem der Einzugsstress des vergangenen Jahres abgeklungen ist, mehr normale Aufmerksamkeit. „Das Haus ist ja eigentlich immer offen, man kann hier jeden Tag reinschauen“, sagt Rechenzentrum-Koordinatorin Anja Engel. Regelmäßig finden zudem Kurse statt, Mal-Unterricht, Typografie, Magazingestaltung, Fotografie, Nähen. Zum Tag des offenen Ateliers erscheint der erste Gesamtkatalog aller bildenden Künstler des Hauses.

Am Sonntag wird das Haus zu einer Art Erlebnis-Galerie, mit offenen Arbeitsräumen und Mini-Galerien an den acht Ecken der beiden Etagen des Würfels – kleine Ruhelagen mit bestem Blick auf die Stadt. Die Künstler lassen sich beim Arbeiten zuschauen, zeigen Fertiges und Arbeiten im Werden. Auch die Flure werden als Ausstellungsfläche genutzt. Udo Böttcher hat beispielsweise seinen Brandenburger Adler, der als Rabe mit weißem Lack daherkommt, auf ein Regal mit rotem Samt gesetzt. Ein witziger Blickfang. „Das ist mein Pretender“, sagt Böttcher. Im Erdgeschoss zeigt die Fotografin K. T. Blumberg neue Arbeiten in ihrer aktuellen Ausstellung „Adam & Eve Street Photografie“. Vor dem Haus steht das königliche Flüchtlingszelt „Visitez ma tente – aber keine Fisimatenten“, ein Projekt vom KunstBauAtelier/Nicola Spehar, und lädt ein zum Besuch. Es gibt Musik und das Café Kosmos ist geöffnet – für einen Tag. Als Vorgeschmack auf die geplante Kantine. Und wer mehr als 100 Euro für Kunst im Haus ausgibt, dem wird die Ehre zuteil, auf einer Sänfte einmal über die ganze Etage getragen zu werden. „Von den Künstlern selbst und mit viel Tamtam“, sagt Anja Engel. „Wir tragen unsere Kunstfreunde sozusagen auf Händen.“

Programm und Adressen im Internet auf www.potsdam.de, Flyer liegen in öffentlichen Gebäuden und Straßenbahnen aus.

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