• Häfen, Möwen, Meer, Wind, Freiheit und Liebe

Kultur : Häfen, Möwen, Meer, Wind, Freiheit und Liebe

Die Band Scorbüt um die Sängerin Caroline du Bled mit Hafenchansons im „nachtboulevard“

Oliver Dietrich
Mit ihnen wird die räudigste Hafenspelunke zum kleinen Paradies. Sängerin Caroline du Bled mit Gitarrist Heiko Michels (l.) und Perkussionist Alejandro Pardo.
Mit ihnen wird die räudigste Hafenspelunke zum kleinen Paradies. Sängerin Caroline du Bled mit Gitarrist Heiko Michels (l.) und...Foto:  promo

Gleich vorneweg: Es bleibt ein Rätsel, warum sich die Veranstaltungen im „nachtboulevard“ nicht über einen Geheimtipp hinaus entwickeln. Da könnte man natürlich hervorragend orakeln, ob die Potsdamer generell einer sonntäglichen Kulturmüdigkeit anfallen, oder ob es nur der Brandenburger Spreewaldgurken-Polizeiruf der Öffentlich-Rechtlichen war, der dem heimischen Sofa zu einer übermächtigen Magnetwirkung verhalf. Vorbei, zu spät: Die knapp 20 Gäste waren sich einig, ein weiteres Highlight in der Reithalle erlebt zu haben. Und trotz ihrer Nähe zum Wasser ist die Schiffbauergasse eben doch keine Hafenkneipe in Marseille, in die das Konzert wohl noch besser gepasst hätte.

Es war ziemlich schräge Hafenmusik, die mit Scorbüt geboten wurde, wobei nicht nur in den Fußstapfen Jacques Brels und Boris Vians gewandelt, sondern ein Rundumschlag bis zu Hans Albers geboten wurde. Das passt nicht wirklich zusammen? Und ob, tut es wohl! Natürlich ist das Französische als „musique de la bouche“ prädestiniert zum Singen, und Sängerin Caroline du Bled konnte, begleitet von ausladender Gestik, singen, dass einem das Herz schier bis zum Hals schlug. Sie hauchte, sang, piepste, himmelte und schrie in ihr Mikrofon, mit einer erotischen Theatralik, die fast ins Wilde ausbrach, wobei Flamencogitarre und Cajón der ganzen Performance durchaus etwas Straßenköterhaftes verliehen.

Häfen, Möwen, Meer, Wind, Freiheit – und selbstverständlich die Liebe, „es sind schließlich französische Lieder“. Und die grandiose Flamencobegleitung von Heiko Michels, welcher mit dieser iberischen Komponente die erotische Inszenierung du Bleds nach ganz oben trieb. Und die Band kam mit einer Mission nach Potsdam: der Zelebrierung des 100. Jahrestages des Unterganges der Titanic – wie passend! Untergehen, absaufen und auf den Meeresgrund sinken wollte man jedenfalls ständig, es war fast schmerzhaft, wie mitreißend das Trio ihre Interpretation der Hafenchansons von der Bühne fließen ließ.

Und natürlich immer wieder die Rekurrenz auf Jacques Brel, welcher mit „Les Flamandes“, „Amsterdam“ und „La valse a mille temps“ vertreten war und sich geradezu anbot, spielte seine exzentrische Bühnenshow doch der von Caroline du Bled genau in die Hände. Brel-Interpretationen um eine avantgardistisch-archaische Komponente aufzuwerten, ist eine verblüffend zündende Idee, zumal die Präsenz der Sängerin den Chansonnier fast unsichtbar zu machen in der Lage war. Aber eine umwerfend erotisch, noch dazu französische Frau kann auch auf ganz andere Mittel zurückgreifen als ein Belgier mit einem Pferdegebiss, das sollte man nicht unter den Tisch fallen lassen. Da greift wohl auch der Vergleich mit einer Mischung aus Edith Piaf, Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Nina Hagen zu kurz – drängt sich aber auch irgendwie auf. Obwohl er das vielleicht auch tut, weil „Scorbüt“ in ihrer Einzigartigkeit ihresgleichen suchen.

Und so floss ein Sonntagabend vorwiegend im Dreivierteltakt dahin, viel zu schnell und viel zu schön und man war fast schon ein wenig traurig, als das Konzert vorbei war. Aber so ist das eben mit den schönen Dingen im Leben, der Liebe, der Leidenschaft und ganz besonders mit französischen Hafenchansons. Da braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man die nächsten Nächte ein wenig unruhiger schläft. Oliver Dietrich