Kultur : Haare ab und aus der Rolle fallen

Das preisgekrönte Stück „Wenn Pinguine fliegen“ in der Uraufführung für junge Zuschauer am HOT

Astrid Priebs-Tröger
Mit Brüchen. Larissa Aimée Breidbach spielt die Antonia.
Mit Brüchen. Larissa Aimée Breidbach spielt die Antonia.Foto: Göran Gnaudschun

Schwangere Frauen kennen das gut: Schon kurz nach Bekanntgabe des freudigen Ereignisses werden sie nach dem Geschlecht ihres zukünftigen Kindes gefragt. Auch wenn Jungen nicht mehr mit vorwiegend positiven und Mädchen mit abwertenden Attributen versehen werden, findet eine Einordnung doch von vornherein statt. Vor allem wenn heutzutage selbst Windelhosen schon mit Rosa oder Hellblau markiert sind. Die 31-jährige Autorin Sarah Trilsch hat mit „Wenn Pinguine fliegen“ ein Stück geschrieben, das mit Geschlechterrollen lustvoll spielt und Kinder ab neun Jahre einlädt, dies ebenfalls zu tun.

Am Mittwochvormittag kam „Wenn Pinguine fliegen“ unter der Regie von Kerstin Kusch am Potsdamer Hans Otto Theater zur Uraufführung. Nachdem es bereits als Hörspiel gesendet und 2015 mit dem Förderpreis des Berliner Kindertheaterpreises ausgezeichnet wurde. Völlig zurecht, denn das Thema Geschlechterrollenstereotype erlebt in Zeiten der Pinkifizierung von Mädchen und den rückwärtsgewandten Geschlechterrollenvorstellungen der aufstrebenden Neuen Rechten ungeahnte Brisanz.

Die acht- bis zehnjährigen Theaterbesucher am Mittwoch wirken auf den ersten Blick geschlechtsneutral. Doch schon an den bevorzugten Farben ihrer Oberteile ist abzulesen, wer in welche Geschlechter-Schublade gehört. Wie auch an der Länge ihrer Haare: Leider ausnahmslos alle Mädchen haben lange und die Jungen kurze Haare. Schade eigentlich. Im Stück traut sich die Hauptheldin, Antonia (Larissa Aimée Breidbach), ihre langen Haare einfach abzuschneiden.

Auch wenn sie dafür von ihrer älteren Schwester Annemarie (Luisa Charlotte Schulz) zu hören bekommt, „dass die anderen Mädchen sie auslachen werden“ und beider Mutter meint, „dass Toni total verdreht sei“. Vor allem Letzteres verunsichert den neugierigen Teenager kurzzeitig. Doch Antonia hat momentan nur eines im Sinn: Sie will den neu zugezogenen Nachbarsjungen Karl (Johannes Heinrichs) kennenlernen. Und als sie merkt, dass dieser sie für einen Jungen hält, spielt sie dies bereitwillig mit.

Einerseits, weil sie kein Interesse an den Bemühungen ihrer Schwester, schnellstmöglich erwachsen, sprich sexuell attraktiv, zu werden, hat. Andererseits ist sie mit elf permanent auf der Suche nach einer eigenen Identität, die neben Barbie-Sammlung und Keramikverein auch Platz für Fußballspielen und Schwertkampf bietet. Und: Mit Karl kann sie über – fast – alles offen reden.

Hervorragend an Sarah Trilschs Stück ist, dass Karl in der gleichen Situation ist und Antonias Suche nach der eigenen weiblichen mit der nach seiner männlichen Identität spiegelt. Bereits in den ersten Momenten der Begegnung wird deutlich, dass er auch er nicht in die gängigen Schubladen passt: Er hasst Gewalt und liebt soziale Rollenspiele.

Doch bis es soweit ist, haben die drei Darsteller ausreichend Gelegenheit, in pointierten Dialogen sowie mit einer Menge Körpereinsatz das Thema Geschlechterstereotype zu deklinieren. Das wie ein Hochbett anmutende Bühnenbild von Regina Fraas bietet ihnen dafür Spielräume auf zwei Ebenen an. Luisa Charlotte Scholz startet als Annemarie mit fliederfarbiger Kunsthaarperücke und wachsender Kosmetiksammlung einen eigenen YouTube-Kanal. Sie scheint sich – so ein gängiges Klischee für Mädchen in diesem Alter – nur für ihr Äußeres und süße Jungs zu interessieren.

Larissa Aimée Breidbach gibt ihrer Toni abwechselnd zarte und kräftige Züge und spielt die Brüche in ihrer Rolle überzeugend. Breidbach scheint die ideale Verkörperung des geflügelten Satzes „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ zu sein. Johannes Heinrichs ist in der gleichen Situation und spielt seine/n Karl/a mit schöner Sensibilität. Er hat es jedoch etwas leichter als Antonia, da er sich nicht direkt an einem männlichen Pendant reiben muss. „Wenn Pinguine fliegen“ ist jedoch kein vordergründiges „Gender-Bender“-Stück, sondern erzählt auch die Geschichte einer Freundschaft – und von Schmerz und Einsamkeit.

Die knapp einstündige Inszenierung von Kerstin Kusch lässt dies von Anfang an durchblicken. Hinter allen Rollenspielen versteckt sich die Sehnsucht der Protagonisten nach einem Gegenüber, mit dem er/sie Pferde stehlen kann. Und als dies allen Beteiligten zu dämmern beginnt, und sie aus ihren gelernten, ausgesuchten oder vorgeschriebenen Rollen fallen, ist echte Gemeinschaft möglich.

Diese locker inszenierte Botschaft quittierte das junge Publikum am Ende mit viel Applaus und auch zwischendrin hatte es immer wieder die Möglichkeit, sowohl herzhaft zu lachen als auch eigene Erfahrungen zu überprüfen. Und: Zum Glück gab es keine Irritation oder sogar lautstarke Abwertung – wie sie auf Schulhöfen jederzeit möglich ist – als Karl sich für alle sichtbar in Karla verwandelte. Astrid Priebs-Tröger