• Grillparzers "Das goldene Vlies" am Hans Otto Theater: Es gibt kein Zurück

Grillparzers "Das goldene Vlies" am Hans Otto Theater : Es gibt kein Zurück

Mit "Das goldene Vlies" hat Alexander Nerlich seine siebente Regiearbeit am Hans Otto Theater in Potsdam vorgelegt - intensiv, aufrichtig und bestürzend.

Die Fremde. Marianna Linden spielt die Medea (r.) in „Das goldene Vlies“. In der griechischen Heimat ihres Mannes ist sie von niemandem gewollt – mit tragischen Folgen.
Die Fremde. Marianna Linden spielt die Medea (r.) in „Das goldene Vlies“. In der griechischen Heimat ihres Mannes ist sie von...Foto: G. Gnaudschun/HOT

Potsdam - Es gibt ganz zu Anfang von „Das goldene Vlies“, der jüngsten Premiere am Hans Otto Theater, eine winzige Geste, die die ganze, schlimme Dimension dieser Geschichte verdichtet. Bernd Geiling als Aietes, König der Kolcher, betritt da den Bühnenraum, schaut ins Nichts, hebt die Hand und wischt aus diesem Nichts ein unsichtbares Etwas weg. Ein Spinnweb vielleicht oder einen unliebsamen Gedanken. „Zurück!“, sagt er dabei, als wolle er einen Angreifer wegdrängen. Nur ist kein Angreifer zu sehen, weshalb die Geste des Königs wirkt wie die eines verwirrten Greises, der mit sich selber spricht. Wer oder was ihn da bedrängt, man sieht es nicht, aber man ahnt es: Es ist das Kommende. Die unausweichliche Tragödie, die er, der Vater von Medea, mitverschulden wird.

Oder schon verschuldet hat? Bei Alexander Nerlich stehen das Vergangene und das Kommende immer zugleich auf der Bühne: Seine Inszenierungen zeigen auf bedrückende Weise, wie das ist, wenn der Schatten des Gewesenen vom Jetzt nicht zu trennen ist. Seine Figuren sind Traumatisierte, eingesperrt in eine düstere Zwischenwelt, eine Art Limbus: nicht tot, aber auch nicht wirklich lebendig. „Zurück!“, das heißt auch: Die hier können nicht anderes, als immer wieder die eigene Geschichte heimzusuchen. Man entkommt den eigenen Fehlern, der eigenen Vergangenheit nicht. Es ist die Lektion der großen Tragödien, eine ewig aktuelle.

Eine Figur ist potenziell auch ihr Gegenteil

Franz Grillparzers „Das goldene Vlies“, dessen drei Teile hier auf einen einzigen Abend zusammengekürzt wurden, erzählt die berühmte Tragödie der Kolcherin Medea, die sich am Tod eines Griechen schuldig macht, sich dann in Jason, einen anderen Griechen, verliebt, für diesen ihre Heimat verlässt – und am Ende, dies ist der bekannteste Teil, in der Fremde ihre eigenen Kinder tötet. Schon im „Faust“ und „Peer Gynt“ hatte Regisseur Alexander Nerlich für seine Interpretation von Klassikerstoffen das Doppelgängermotiv gefunden. Ein kluger Kniff: Eine Figur ist immer potenziell auch ihr Gegenteil. Auch Medea in „Das goldene Vlies“ gibt es zweifach: eine junge, kindliche (eindrücklich gespielt von Renée Gerschke), und eine erwachsene, gespielt von Marianna Linden, die hier einen großen, großartigen Auftritt hat. Sie ist ganz „das doppeldeutige Geschöpf“, wie Jason sie nennt: anhängliche Tochter, brünstig Lustgesteuerte, um Klarheit bemühte Seherin. Grillparzers Verse klingen bei ihr nicht hoheitsvoll, pompös, sondern einfach: angeboren. Wenn Jason (Florian Schmidtke) und sie aufeinandertreffen ist es ein Kampf, kein Werben – das Liebesspiel ein genau choreografierter Lusttanz. Überhaupt ist diese Arbeit Nerlichs unter den bisher in Potsdam vorgelegten die am genauesten gearbeitete: Bis ins kleinste, oftmals tänzerische Detail ist hier gefeilt worden.

Das goldene Vlies ist bei Nerlich ein löchriger, schmutziger Lappen

Der Abend ist zweigeteilt: Der erste spielt in Kolchis, aus der Sicht der hochmütigen Griechen ein Land der Barbaren, der „Anderen“ – und zu eroberndes Territorium. Eine düstere, raue Welt im Kriegszustand, für die Bühnenbildnerin Tine Becker einen dunklen Raum geschaffen hat, durch den kleine Podeste auf Rollen geschoben werden wie Flöße. Eine verdreckte Badewanne dient als Opferbecken, als Liebesnest, als Grab. Auch das sagenumwobene goldene Vlies, der größte Schatz der Kolcher, ist bei Nerlich nichts als ein löchriger, ziemlich schmutziger Lappen: an ihm klebt der Dreck, wohl auch das Blut, der Geschichte. Wie auch an den Protagonisten: Medea, Aietes, Medeas Bruder Absyrtus (Jonas Götzinger) – alle sind mit Schlammspuren versehen. Niemand ist hier „sauber“. Der Grieche Jason (Florian Schmidtke), der das Vlies ergaunern will, ist ein Aufschneider in schwarzer Kampfmontur, der später sagen wird, was bei Grillparzer nur zwischen den Zeilen steht: „Krieg ist scheiße, hat aber einen geilen Sound.“

Man hätte auch ohne diesen überdeutlichen Wink ins Heute (den einzigen, zum Glück) verstanden, worauf Alexander Nerlich in dieser Medea-Adaptation hinaus will. Denn natürlich ist die Geschichte der Medea, der Fremden, Unheimlichen, Gefürchteten hochaktuell. Der zweite Teil des Abends zeigt es. Er spielt im griechischen Korinth. Die Bühne ist jetzt hell, durch ordentliche, verschiebbare Wände aufgeteilt und der unseren ähnlich. Medea und Jason haben inzwischen zwei Kinder und lagern vor den Mauern der Stadt: als Flüchtlinge. Vom schmierigen König Kreon (Peter Pagel) im glänzenden Anzug erhalten sie Asyl. „Sei eine Griechin hier in Griechenland!“, fordert Jason von Medea. Von einem „Griechenland den Griechen“ ist das nicht weit weg. Medea versucht es trotzdem, lässt sich von Kreons Tochter Kreusa (Denia Nironen) Nachhilfe in Sachen anschmiegsame Weiblichkeit geben. Das Freie, Unbändige, Natürliche ist hier in einen Glaskasten gesperrt: eine Kitschtapete mit Wald und Wasserfall.

Der Weg für Medea ist versperrt

Hier passt Medea nicht rein. Sie ist keine Griechin in Griechenland. Eigentlich will sie hier auch keiner, sogar die beiden Söhne (gespielt von den Kinderdarstellern Heinrich Poloni und Lennart Kotte) nicht. Sie, die noch Formbaren, hat man inzwischen in saubere Kleider gesteckt, die sollen bitteschön bleiben. Medea aber soll gehen: zurück, wo sie herkam. Wieder sind wir bei einer Facette des „Zurück!“ vom Anfang. Aber das Geschehene lässt sich nicht auslöschen, der Weg zurück ist Medea versperrt. In einer unmöglichen Situation tut Medea das Unmögliche: Sie tötet ihre Kinder. „Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht“, sagt sie am Schluss. Nerlichs hochpräzise Inszenierung ist klug genug, uns nicht zu sagen, von welcher Nacht hier die Rede ist. Aber der große Ernst, die große Dringlichkeit, mit der Nerlich vorgeht, zeigt: Diese Nacht geht uns an. Ein selten intensiver, selten aufrichtiger, selten bestürzender Theaterabend.

Nächste Aufführungen am 24. Februar sowie am 7. und 19. März