• Golem-Stück in der fabrik Potsdam: Sensibler Hybrid

Golem-Stück in der fabrik Potsdam : Sensibler Hybrid

Golem-Premiere des Jugendtheaters „Flutlicht“: Die Inszenierung von Nikki Bernstein besticht vor allem durch ihre expressiven, schattenhaften Bilder und die bedrückenden Assoziationen.

Astrid Priebs-Tröger
Foto: Madita Kuhfuhs

Potsdam - Das Unheil liegt von Anfang an in der Luft. Zumindest wispern die Stimmen gleich zu Beginn der Inszenierung „Golem“, die am Freitagabend in der fabrik Premiere hatte, von Krieg und Gewalt. Wenig später kommt der Bote des Kaisers, der das jüdische Viertel räumen lassen will – wegen „Brunnenvergiftung und weiterer Verbrechen“. Doch deren geistliches Oberhaupt, Rabbi Löw, hat einen Plan. Ein Golem – ein aus Lehm gebildetes, menschenähnliches Wesen, das gewaltige Kräfte besitzt – soll die Bewohner beschützen. Und kurz darauf marschiert ein riesiger Kerl mit maskenhaftem Gesicht durch die Szenerie.

Wenn bis hier eine starke Bindung an den Paul Wegener-Stummfilmklassiker „Wie der Golem in die Welt kam“, bestand, ändert sich das bald. Denn die mehr als zwei Dutzend Jugendlichen, die seit fast zehn Jahren in der Theatergruppe „Flutlicht“ des Offenen Kunstvereins unter der Regie von Nikki Bernstein zusammenarbeiten, interessierten sich nicht nur für die riesenhaften Kräfte, sondern auch für die Emotionen des künstlichen Wesens.

Ihr Golem (Carlo Bahra) lernt schnell, ja, sogar ein wenig tanzen und ist auch der Liebe nicht abgeneigt. Und obwohl sich auf seinem maskenhaften Antlitz keine Emotionen zeigen können, spürt man doch, als er mit Mantel und Rose in seiner Kammer sitzt, seine Einsamkeit. Mit seinen Körperkräften unterstützt er die Frauen des Viertels beim Sacktragen und hält in einer Art Slapstick tanzend die uniformierten Angreifer auf Abstand.

Expressive, schattenhafte Bilder

Doch im Prag des Rabbi Löw braut sich etwas zusammen. Und der Golem wird selbst zum Spielball der Geschichte. Der Kaiser will ihn haben. In der im Zwielicht spielenden Inszenierung geht dies nicht spurlos an dem sensiblen Hybridwesen vorüber. In einer alptraumhaften Sequenz träumt er von einer noch größeren Gestalt, die ihm aufs Haar gleicht. Als die von sechs Puppenspielern geführte Figur schließlich überlebensgroß zusammengesetzt wird, will auch sie das Tanzen lernen. Doch kurz darauf zerfällt sie – wie bei Sisyphus – wieder in ihre Einzelteile. Und der Golem verschwindet, nachdem ihm ein Kind seine „Seele“ gestohlen hat, mit anderen, die ihm äußerlich gleichen, in der Dunkelheit der Nacht.

Die Inszenierung von Nikki Bernstein besticht vor allem durch ihre expressiven, schattenhaften Bilder und die bedrückenden Assoziationen, die sich nach und nach daraus entwickeln. Obwohl die Inszenierung in den 1920er Jahren angesiedelt ist, und so als „Geschichte“ erscheint, verweist sie besonders am Ende auf gegenwärtige Gewaltszenarien in der Welt. Die Frauen und Männer des jüdischen Viertels, mit ihren Gepäckstücken auf dem Rücken und den Kindern an der Hand, könnten auch in Syrien, Afghanistan oder Afrika leben und sich gerade auf den beschwerlichen Weg nach Europa machen müssen. Stark auch die Livemusik von Daniil Mironets, der die Frauen, die die jiddischen Lieder sangen, ebenfalls am Klavier begleitete. 

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