Kultur : Gewalt der Systeme

„Interaktion“ auf Schloss Sacrow zeigt Kunst aus Brasilien

Richard Rabensaat
Der Stoff der Revolution. Bauernaufständler Lampiao entwarf Uniformen.Alle Bilder anzeigen
Fotos: promo
22.07.2015 20:55Der Stoff der Revolution. Bauernaufständler Lampiao entwarf Uniformen.

Tiefe Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Brasilien und Deutschland, erklärt die Kuratorin Tereza de Arruda: beide haben in der Vergangenheit ein diktatorisches Regime überwunden. Brasilien früher als Deutschland, schon im Jahre 1985. Deutschland im Jahre 1989 mit der Wiedervereinigung. Arruda interessiert, wie sich Künstler in einer Ausstellung mit den gewaltsamen Herrschaftsstrukturen einer Diktatur und einer „Vergangenheit voller offener Fragen“ auseinandersetzen. Der richtige Platz dafür sei das Schloss Sacrow, so Arruda. „Hier, an der Stelle, an der früher unmittelbar die Mauer verlaufen ist, zeigt sich deutlich, dass politische Strukturen wandelbar sind“, sagt Arruda.

Unmittelbar an der Heilandskirche bei Schloss Sacrow versperrte die minenbewährte Mauer früher den Übergang zwischen den geteilten Staaten Deutschlands. In den 90er-Jahren wurden die reichlich demolierte Kirche, das Schloss und das ganze Anwesen renoviert. Heute dient es als denkmalgeschützter, nicht ganz einfach zu bespielender Ort für die Kunst. Bereits zuvor hatte die in Berlin lebende Brasilianerin Arruda zusammen mit der brasilianischen Botschaft und einem Berliner Projektraum korrespondierende Ausstellungen zwischen Europa und Südamerika organisiert.

Die Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte Brasiliens zieht sich durch die Installationen und Bilder in Schloss Sacrow. Bis 1985 regierte eine Militärdiktatur Brasilien. Die Künstler suchten nach Auswegen, um der gewaltsam durchgesetzten staatlichen Zensur zu entkommen. „Es gab und gibt eine sehr lebendige Performance-Szene in Brasilien“, so Arruda. Das flüchtige Medium der Performance sei bestens geeignet, ein prägnantes aber flüchtiges Statement zu formulieren, das von der Staatsmacht nicht zu greifen sei.

Videos von Leticia Parente zeigen, wie in einem Gesicht Augen und Mund mit Pflaster verklebt und dann bemalt werden, wie „Brasilien“ mit Nadel und Faden in die Haut eingenäht wird. Es sind teils historische Videos. Performance ist in Brasilien auch heute gegenwärtig. Auf einem schreiend rot gefärbten Pferd reitet die Performance-Künstlerin Berna Reale durch eine südamerikanische Stadt. Sie trägt eine schwarze Uniform, das Gesicht ist mit einem Maulkorb verhängt. Die Gewalt stehe im Mittelpunkt der Arbeit von Reale, sie sei Expertin für Kriminalität des Wissenschaftszentrums von Para gewesen und habe hier aus erster Hand Kriminalität studiert, erläutert der Katalog.

Tatsächlich ist der Künstlerin mit dem recht einfachen Farbkontrast Schwarz- Rot und den auch nicht gerade subtilen Accessoires ein sehr eindringliches Bild für die auch gegenwärtig in Brasilien virulente Brutalität gelungen. Denn im demokratischen Brasilien herrschten mancherorts schreiende soziale Gegensätze, die sich nicht selten in gewaltsamen Auseinandersetzungen entladen, so Arruda.

Die gewaltvolle Geschichte Brasiliens beschäftigt auch Eliane Paulino. Aus bedruckten Kacheln, Lederfetzen und Fotos hat sie eine Bodeninstallation über den Bauernrevolutionär Lampiao und seinen Kampf gegen verbrecherische Grundherren und despotische Landbesitzer gefertigt. Paulino hat gründlich zum Leben des ermordeten Revolutionärs geforscht. Wegen der häufig aufblitzenden Funken seines Gewehres wurde Virgulino Ferreira da Silva „Lampiao – Laterne“ genannt. Trotz seines recht gewaltsamen Führungsstils war er nach Darstellung Paulinos ein Feingeist, der seine und die Uniformen seiner Gefolgsleute von eigener Hand entwerfen und nähen ließ. Diese für einen Revolutionär doch eher ungewöhnlichen Fertigkeiten klingen in den Lederfetzen an, mit denen die Künstlerin unter anderem auch Fotos der abgeschlagenen Köpfe der Revolutionäre unterlegt.

Gewalt thematisieren auch die Objekte von Lucas Foletto Celinski. Aus einer geflochtenen Lederpeitsche formt der Künstler das Unendlichkeitszeichen, aus einer verschnürten Kopfskulptur ragt ein Peitschenstiel, der in einen recht hübschen, kräftigen Pferdeschweif mündet. Manschetten von Hemden reihen sich zu einer verknoteten Kette, die möglicherweise die unentrinnbaren Zwänge der Bürotäter signalisieren. Wertvolle Hinweise zu den Kunstwerken finden sich im Katalog. Die Gesamtschau zeigt eine klug konzipierte Ausstellung, die in ihrer Wucht und Konzentration vieles überragt, was am gleichen Ort in vergangenen Jahren zu sehen war. Richard Rabensaat

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Oktober auf Schloss Sacrow, Krampnitzer Straße 33, zu sehen. Geöffnet ist jeweils Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr