Kultur : Geschunden

Schlöndorffs „Ulzhan“ bei der Ökofilmtour

Astrid Priebs-TrögerD

Volker Schlöndorff war selbst überrascht, dass sein Film „Ulzhan, das vergessene Licht“ in den Rahmen des diesjährigen Ökofilmfestivals passen könnte. Doch Festivalleiter Ernst-Alfred Müller hatte ihn sich persönlich – wegen der Weltanschauung – gewünscht. Und so wurde die berührende Geschichte des Franzosen Charles, der nach dem Verlust seiner gesamten Familie nicht mehr weiterleben will und in den Bergen Kasachstans den Tod sucht, am Freitagabend im Filmmuseum mit anschließendem Gespräch mit Regisseur Schlöndorff präsentiert.

Und Schlöndorff, der seine Faszination für die Weite und die Natur Kasachstans freimütig bekannte und auch privat dort wandern geht, kam genauso wie im Film natürlich nicht darum herum, auch die Wunden des geschundenen Riesenreiches zu benennen.

Sein traumatisierter Protagonist will seinem Leben nämlich nicht irgendwo, sondern am heiligen Berg Khan Tengri ein Ende setzen. Und sein Weg führt ihn vor allem vorbei an den „zivilisatorisch“-politischen Hinterlassenschaften der letzten hundert Jahre: am immer mehr austrocknenden Aralsee, den Resten von Stalins Gefangenenlagern, den verrottenden so wjetischen Kolchosen und dem endlos strahlenden Atomtestgelände „Polygon“. Nicht zu vergessen, die jüngsten Errungenschaften des rohstoffreichen zentralasiatischen Landes, die der Regisseur im Gespräch „als viertes Verbrechen“ bezeichnete. Den Ölfeldern am und im Kaspischen Meer und deren immense Erträge für wenige, die sich im obszönen Reichtum, der wie ein Raumschiff in der Wüste gelandeten neuen Hauptstadt Astana zeigen.

In seiner poetisch-allegorischen Geschichte um den Franzosen Charles, den Wortverkäufer Shakuni und die Nomadenenkelin Ulzhan werden diese „Errungenschaften“ wehmütig ins Verhältnis gesetzt zu den „wahren“ menschlichen Werten wie jahrhundertealten Kulturen, Sprachen und Religionen. Genau dies forderten auf ihre Weise auch die Menschen, die vorher auszugsweise im Kurzfilm „Wer anderen eine Grube gräbt“ von Daniel Kuhnle und Holger Lauinger zu Wort kamen. Direkt vor unserer eigenen Haustür – beispielsweise rund um Guben oder auch unter Königs Wusterhausen – liegt Braunkohle. Nach dem Willen des Energiekonzerns Vattenfall und der brandenburgischen Landesregierung sollen in den kommenden Jahren neue Tagebaue erschlossen und dafür ganze Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht werden.

Was das für die direkt Betroffenen unmittelbar, aber auch mittelbar für alle bedeutet, kann man in diesem Film erfahren und im Land Brandenburg an vielen Stellen schon heute „besichtigen“. Falk Hermenau vom BUND Landesverband Brandenburg rief dann auch die Kinobesucher direkt dazu auf, sich am Volksbegehren gegen die neuen Tagebaue, das noch bis zum 9. Februar läuft und 80 000 Unterschriften benötigt, zu beteiligen. Denn wer leere geschundene Landschaften weder vor seiner Haustür noch als „Kulisse“ in Spielfilmen mag, sollte diese Möglichkeit demokratischen Handelns nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Astrid Priebs-Tröger

„Keine neuen Tagebaue“ heißt der Themenabend heute um 18.30 Uhr mit dem Dokumentarfilm „Wer anderen eine Grube gräbt“ im Filmmuseum.

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