Kultur : Geschichte als ferner Ort

„Von F II. zu Friedrich 300“: Potsdamer Gespräche mit Autor Jens Bisky und Regisseur Jan Peter

Gabriele Zellmann
Statt Otto Gebühr nun Katharina Thalbach als der Alte Fritz. Mit seinem dokumentarischen Spielfilm wollte Regisseur Jan Peter dem historisch geprägten Film-Bild des Königs etwas entgegensetzen.
Statt Otto Gebühr nun Katharina Thalbach als der Alte Fritz. Mit seinem dokumentarischen Spielfilm wollte Regisseur Jan Peter dem...Foto: promo

„Wer sich mit Geschichte beschäftigt, sollte erst mal auf Distanz gehen, bevor er irgendwelche Lieblingsfiguren sucht, um sich damit zu identifizieren“, stellte der Historiker und Journalist Jens Bisky gleich zu Beginn des Gesprächs „Von F II. zu Friedrich 300 – Feiern, Erinnern und Vergessen“ fest. Die vom Forum Neuer Markt organisierte Diskussion ging am Dienstagabend im Filmmuseum der Frage nach, wie im Jubiläumsjahr des 300. Geburtstags von Friedrich II. mit der historischen Gestalt des preußischen Königs umgegangen werde. Für seine Biografie „Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch“ merkte Bisky an, dass die Titelzeile „Unser König“ auch einen stark ironischen Anteil habe.

Auf die Frage des Kunsthistorikers Marcus Becker, der das Gespräch moderierte, nach der im Buch vertretenen These, Friedrich II. wäre bis heute geeignet, über uns nachzudenken, antwortete Bisky mit einem kurzen historischen Abriss. Heute, im Jahr 2012, so resümierte der Autor, habe keiner mehr Angst vor Friedrich. Das könne man auch an der Debatte sehen. „Es gibt niemanden mehr, der politisch mit ihm etwas erreichen will.“ Insofern werde Friedrich heute nicht mehr ideologisch betrachtet und nicht mehr politisch genutzt. „Aber er ist uns noch nicht völlig gleichgültig. Er ist immer noch jemand, bei dem die Mehrzahl der Leute das Gefühl hat, es interessiert mich, da will ich die Wahrheit wissen.“

Auch Regisseur und Autor Jan Peter, dessen bereits erfolgreich im Fernsehen gezeigter Film „Friedrich – Ein deutscher König“ im Anschluss noch einmal im Filmmuseum zu sehen war, betonte das immer noch vorhandene starke Interesse an der historischen Figur Friedrich II. Neben dem Wunsch, mit seinem historisch-dokumentarischen Spielfilm etwas über unsere Zeit auszusagen, wollte er dem durch Otto Gebühr geprägten Film-Bild des Königs etwas entgegensetzen.

Dass sowohl Jens Bisky als auch Jan Peter in der ehemaligen DDR geboren sind, nahm Moderator Marcus Becker zum Anlass, beide nach Erinnerungen an das letzte große Friedrich-Jubiläum, den 200. Todestag des Preußenkönigs 1986, zu befragen: „Es war einer der letzten Akte der Erbe-Debatte in der späten DDR, die damals mit der Ausstellung ‚Friedrich II. und die Kunst’ im Neuen Palais verhandelt wurde“, so Marcus Becker. Jens Bisky konnte keinerlei eigene Erinnerung aufweisen, wohl auch, weil er in dieser Zeit bei der NVA, der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR, war, in deren Alltag preußische Traditionen keine Rolle spielten.

Auch Jan Peter nahm das Jubiläum nur vermittelt wahr: Durch seine Mutter, die als Geschichtslehrerin und Fachberaterin viel auf Fachtagungen unterwegs war, nach denen sie ihrem Sohn in den späten 70er und frühen 80er Jahren oft recht verwirrt von einer Art Umbewertung des offiziellen Friedrich-Bildes erzählte: Plötzlich sei die Schulbildung in Preußen gut gewesen und die vielen Kriege gar nicht von Friedrich II. begonnen, sondern von den anderen Kriegsparteien angezettelt worden. „Auch hier sind die Sowjets vorangegangen und die DDR hat nur nachgeholt“, wusste Jens Bisky zu ergänzen und verwies auf einen in diesem Jahr erschienenen Aufsatz. Dieser besagte, dass der sowjetische Botschafter Ende der 70er Jahre in einem Artikel von „Friedrich dem Großen“ statt von „Friedrich II.“, wie der König bis dahin nur genannt werden durfte, gesprochen hätte. Da man den Botschafter schlecht hätte korrigieren können, hätte man die Geschichtsschreibung korrigieren müssen.

Ob dieses 300-jährige Jubiläum irgendeine vergleichbare Relevanz für die Bundesrepublik habe? „Es gibt diesen Eventcharakter, es gibt Sonntagsreden, es gibt die Schlösser, aber die Geschichte bleibt doch ein ferner Ort für die meisten“, glaubt Jan Peter. „Nach wie vor – und das betrifft ja alle Jubiläen – suchen wir uns raus, was uns an Friedrich II. gefällt. In 50 Jahren werden sie sagen: Wie entsetzlich, immer wieder dieser Voltaire! Das erzählt etwas über unsere Zeit.“

Für Jens Bisky besteht diese Relevanz vor allem darin, dass man gelernt hat, einen relativ entspannten Umgang mit der deutschen Geschichte zu pflegen. Neu seien auch einige deutsch-polnische Projekte. „Dass Deutsche und Polen sich gemeinsam über Friedrich II. unterhalten, das finde ich gut“, konstatiert der Historiker. Mit dem lakonischen Resümee von Marcus Becker, „ein Preußenjubiläum als zeitgenössischer Entspannungstest – das könnte man sich schlimmer vorstellen“, wurde das Publikum entlassen. Mit neu gewonnener Distanz zur und mit Neugier auf Geschichte: auch ohne Event.