Kultur : Gesang und Rollenklischees

I Confidenti bringt ein Shakespeare-Doppelprojekt zur Premiere

Astrid Priebs-Tröger
Spiel mit Masken. Robin, ein bunter Vogel, ist der Diener des großmäuligen Trunkenbolds Falstaff.
Spiel mit Masken. Robin, ein bunter Vogel, ist der Diener des großmäuligen Trunkenbolds Falstaff.Foto: Alexander Hilbert/promo

Hier vereinen sich Kulturen. In „Shakespeare today“ – einem Doppelprojekt von I Confidenti – arbeiten Künstler mit deutschen, brasilianischen, südkoreanischen und amerikanischen Wurzeln zusammen. Den Sir John Falstaff etwa singt ein brasilianischer Bassbariton, die musikalische Einrichtung und Leitung beider Produktionen hat ein amerikanischer Berliner inne und die Regie für die Familieninszenierung „Die verhexte Sommernacht“ übernahm die gebürtige Südkoreanerin Seollyeon Konwitschny. Während der gerade laufenden 5. Schirrhofnächte feiern beide Stücke Premiere: Am 17. August „Sir John Falstaff gibt sich die Ehre“ und einen Tag später „Die verhexte Sommernacht“.

Warum sich das mobile Musiktheaterensemble in diesem Jahr ausgerechnet für „Falstaff“ entschied, erklären Regisseur Jürgen Hinz und Dramaturgin Bettina Bartz im Gespräch nach der ersten Durchlaufprobe. Für beide ist Falstaff eine reichhaltige Figur. Sie sei eine durchaus moderne Person, so Jürgen Hinz, im Sinne von großmäulig und großsprecherisch und „es wird schon gutgehen“. Doch es stecke auch viel philosophisches Material in dieser Figur, so Bettina Bartz, die in ihm sowohl das Männerklischee eines Lebemanns als auch eine komische und zugleich tragische Gestalt sieht. Dass ihn am Ende ausgerechnet eine Frau rette, sei für sie natürlich der Gipfel der Ironie. Darin liege aber auch ein Quäntchen historische Wahrheit, so Hinz, denn die englische Königin hatte an Falstaff wirklich einen Narren gefressen.

Der amerikanische Singer-Songwriter und Komponist Nathan Vanderpool, der zudem promovierter Soziologe ist, hat die musikalische Leitung inne und unter anderem Musik von Dowland, Purcell und Verdi für Gitarre, Geige und Flöte neu arrangiert. Es geht in der collagierten, beinahe revuehaften Szenenfolge, die Texte aus Heinrich IV. und den „Lustigen Weibern von Windsor“ aufgreift und lose aneinanderreiht, auch darum, Musik aus der Zeit Shakespeares für heutige Ohren eingängiger zu machen. Darüber hinaus soll die Unterschiedlichkeit derer aufgezeigt werden, die der große Brite musikalisch inspiriert hat. Und man täuscht sich nicht, wenn man glaubt, beispielsweise „Money, Money“ von der schwedischen Popgruppe Abba herauszuhören.

Die drei Musiker Nathan Vanderpool (Gitarre), Antonia Glugla (Geige) und Lisa Baeyens (Flöte) sind in „Falstaff“ die ganze Zeit auf der Bühne. Sie spielen nicht nur ihre Instrumente, sondern singen auch selbst und treiben zudem spielerisch das Ganze voran. „Not macht erfinderisch“, sagt Dramaturgin Bettina Bartz. Denn für eine größere Besetzung aus Schauspielern, Sängern und Musikern habe das Geld nicht gereicht. Da das Ganze an unterschiedlichen Orten in Brandenburg und anderswo aufgeführt werden soll, sei es indes gut, einen schlanken Apparat zu haben.

So besteht auch das Bühnenbild von Christine Jaschinsky aus nur drei Stellwänden, die auf der Vorderseite für „Falstaff“ stilisiert eine hügelige Wiesenlandschaft zeigen. Auf der Rückseite hingegen ist ein Wald zu sehen, der im Familienstück „Die verhexte Sommernacht“ die Kulisse bildet. Zwei mannsgroße Puppen auf rollenden weißen Stühlen und eine lange, reichgedeckte Tafel reichen aus, um die üppigen Gelage des berühmten Schwerenöters Falstaff zu illustrieren. Der Protagonist selbst, der vom Bassbariton Marlon Maia gesungen wird, hat eine Halbmaske mit markanter Nase aufgesetzt und eine dicke Wampe umgeschnallt. Alle anderen Gestaltungsmittel kommen aus seiner kräftigen Stimme und seiner Körperarbeit. Dass er einen fast doppelt so alten Mann spielt, nimmt man ihm sofort ab. Und auch den Womanizer.

„Die verhexte Sommernacht“ heißt der zweite Teil des Shakespeare-Projekts und auch darin geht es um Rollenklischees, so Bettina Bartz, die die Stückfassung auf der Grundlage von Shakespeares „Vergeblicher Liebesmüh“ schrieb. Dort schwört ein König, zwei Jahre enthaltsam zu leben. Die Prinzessin, die ihm zugedacht ist, will ihn jedoch auf Herz und Nieren prüfen, bevor sie ihn heiratet. In der I Confidenti-Version ist ein Junge, der Computerspielkönig werden will, in einer ähnlichen Situation. Bei seinem Vorhaben, sich auf die Online-Wettbewerbe vorzubereiten, wird er von seiner Cousine und ihren zwei Freundinnen in seiner Spieleinsamkeit gestört. Die Mädchen experimentieren im Garten zudem mit alten Zaubersprüchen und locken so die Hexen aus „Macbeth“ an. Und die wiederum schaffen es mit Unwetter, Nebel und Stromausfall, dass die Jugendlichen sich schlussendlich doch zusammenraufen müssen.

Premiere von „Sir John Falstaff gibt sich die Ehre“ am 17. August, 19 Uhr. Weitere Vorstellungen am 18. und 19. August. „Die verhexte Sommernacht“ ist am 18. und 19. August zu sehen, jeweils um 16 Uhr, im Schirrhof, Schiffbauergasse