Kultur : Geliebtes Meer

Blanche Kommerell las über Otto Niemeyer-Holstein

Astrid Priebs-Tröger

Die See war für ihn wie eine geliebte Frau, allerdings eine, die ihn nie enttäuschte. 1896 begann das Leben von Otto Niemeyer-Holstein mit einem musikalischen Akzent: „Um fünf sang die Drossel“. Das jedenfalls schrieb ihm seine Mutter zu jedem neuen Geburtstag und sie begann auch sonst fast jeden ihrer Briefe damit. Die innige Beziehung zur Natur, zur Musik und zu den Menschen waren dann auch die Ingredienzen für sein langes Leben und seine faszinierende Künstlerpersönlichkeit.

Seit vergangenem Dezember hängen in der Galerie im Alten Rathaus wieder Bilder aus der Schenkung Otto Niemeyer-Holsteins an die Stadt Potsdam und am Donnerstagabend wurde im Rahmen dieser Ausstellung zu einem sehr bemerkenswerten literarisch-musikalischen Programm eingeladen. Die Schauspielerin und heutige Regisseurin Blanche Kommerell und die Potsdamer Cellistin Reinhild Cleff näherten sich einfühlsam und voller Esprit dem Denken und Fühlen des norddeutschen Malers.

Blanche Kommerell, die ihre Karriere 1975 am Potsdamer Hans Otto Theater unter dem Regisseur Günther Rüger begonnen hatte, las sehr plastisch aus „Lüttenort“. Einem beeindruckenden Buch von Achim Roscher, das aus Gesprächsprotokollen mit dem Maler entstanden ist, und den pointierten Geschichtenerzähler Niemeyer-Holstein lebendig werden lässt. Wunderbar die Episoden von dem „akademischen Maler“ aus Jena, der Suche nach der Geliebten Annelise oder dem Transport seines legendären S-Bahn-Waggons nach Lüttenort, dem Refugium auf Usedom. Sehr eindringlich die Reflexionen über Gärten, sein Verhältnis zu Kindern oder über das geliebte Meer. Es entstand das Bild eines ungemein offenen Beobachters, eines kraftvollen Gestalters und eines sehr humorvollen Menschen.

Die Musikerin Reinhild Cleff hatte neben ihrem Cello ein ganzes Arsenal von Percussions- und anderen Instrumenten mitgebracht, die die zahlreich erschienenen Literatur- und Kunstliebhaber in ihren Bann zogen: Neben verschiedenen Klangschalen gab es hölzerne Frösche aus dem Orient und eine Zungentrommel, zwei Geigen aus Tibet und Marokko sowie ein harfenähnliches Monochord und Muscheln aus Neuseeland zu bewundern und zu hören. Über ihren freien Improvisationen, den Lauten von Tieren und eigenem Gesang entstand eine fast meditative Atmosphäre unter den Zuhörern, die in schönem Kontrast zur Spritzigkeit der Lesung stand.

Die Klänge ließen eine weitere Facette des Menschen Niemeyer-Holstein erlebbar werden: Die Kunst der Versenkung und der Kontemplation, die er unendlich liebte und beherrschte.

Nach fast 70 Minuten gab es sehr herzlichen Beifall und die Ausstellungsmacherin Ute Samtleben versprach noch weitere kulturelle Glanzlichter in der „Galerie ONH“. Ein für jeden Bürger Potsdams offener Otto Niemeyer-Holstein-Freundeskreis will voraussichtlich im kommenden Mai, dem schon zu DDR-Zeiten bekannten Künstleranwesen auf Usedom einen organisierten Besuch abstatten.

Astrid Priebs-Tröger

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