Kultur : Geliebte Kindheitslandschaft

Gottfried Benn-Ausstellung in der Stadt- und Landesbibliothek

Astrid Priebs-Tröger

Wuchtig thront die goldfarbene Büste Gottfried Benns ganz oben in einer Vitrine. Darunter sind künstlerisch gestaltete Bucheinbände und eine eigenhändig geschriebene Postkarte des sprachmächtigen Dichters von 1927 zu sehen. Es gibt einige Kostbarkeiten – so die berühmte Novellensammlung „Gehirne“, die 1916 im Kurt Wolff Verlag Leipzig erschien – zu bewundern.

Auch mehrere Leihgaben aus verschiedenem Privatbesitz mit persönlichen Briefen Benns sowie Dokumente, die die gesellschaftspolitischen Verflechtungen des Berliner Dichterarztes belegen, der am 2. Mai vor 120 Jahren in der Westprignitz geboren wurde und dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 50. Male jährt.

Die Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung „Gottfried Benn – Kindheitsorte“ aber nicht nur Teile ihrer umfangreichen Sammlung, die sie vor zwölf Jahren von dem Heidelberger Benn-Liebhaber und Sammler Fritz Wüllner als Geschenk erhielt. Sie stellt darüber hinaus zahlreiche Exponate zweier zeitgenössischer Künstlerinnen aus, die sich mit dem Leben und Werk eines der umstrittensten deutschen Dichter auseinander gesetzt haben.

Die Fotografin Simone Ahrend, die sowohl in New York als auch an der Potsdamer Fachhochschule Kunst und Fotografie studierte, war mehrmals an den Kindheitsorten Gottfried Benns, einer vorwiegend ländlich geprägten Gegend in der ehemaligen Neumark, drei Stunden östlich der Oder, markiert von den Orten Trossin, Sellin und Mohrin. Dort verbrachte der Dichter, Sohn eines pietistisch geprägten Pfarrers, seine Kindheit unter Dorfjungen, Arbeiterkindern und im Sommer gemeinsam mit den Söhnen des ostelbischen Landadels, der hier seine Güter besaß.

Das ist mehr als hundert Jahre her und doch scheint auf den Schwarz-Weiß-Fotografien von Simone Ahrend die Zeit stehen geblieben zu sein. Zutaten heutigen modernen Lebens sind nur spärlich vorhanden, so bei der fotografierten Gruppe Selliner Kinder. Und auf den buckligen Gehsteigen der kleinen Orte und den blätternden Wänden der Häuser kaum auszumachen.

Durch die beinahe unberührten Alleenlandschaften mit dem uralten Baumbestand wird auch Benn schon gegangen oder gefahren sein. Das ist schön und traurig zugleich, denn über allem liegt eine kaum sicht- aber umso stärker fühlbare Patina und so etwas wie Verwunschensein.

Ein ähnliches Gefühl beschleicht den Betrachter bei den Bildern, Büchern und Objekten der Berliner Künstlerin Irene Wedell. Auf ihren Leporellos – Collagen aus Farben, Blättern von Pflanzen und Bäumen und verschiedenen Papiersorten – kann man den faszinierenden Innenwelten des Dichters nahe kommen. Sie betonen stärker das Werden als das Vergehen und sind von Irene Wedell mit erdigen und zugleich fahlen Farben versehen, aus denen das Leben noch nicht ganz entwichen ist. Dazwischen sind kleine kalligrafische Kunstwerke und das Konterfei des bewunderten Dichters verstreut. Das alles erschließt sich nicht auf den ersten Blick und ist auch nicht für gestresste Zeitgenossen konzipiert.

Die gesamte Ausstellung wirkt fragmentarisch und ist ein wenig spröde, ermöglicht aber mit entsprechendem Einfühlungsvermögen eine erstaunliche Innensicht. Es überrascht kaum noch, wie sehr die Stimmung der geliebten Kindheitslandschaft im Werk des Dichters zu spüren ist.

Noch bis 6. Juni zu den bekannten Öffnungszeiten der Stadt- und Landesbibliothek

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