Kultur : Geglückte Landung

Paula E. Paul und Sirko Knüpfer zeigen mit „Grand Jeté“, dass es ein Leben nach dem Tanz gibt

Astrid Priebs-Tröger
Der Flug kommt vor dem Fall. In „Grand Jeté“ geht es um die Schönheit und Erfüllung im Tanz – und um eine Leben danach.
Der Flug kommt vor dem Fall. In „Grand Jeté“ geht es um die Schönheit und Erfüllung im Tanz – und um eine Leben danach.Foto:  Stefan Gloede

Das Vogelgezwitscher passte nicht zu den Erwartungen, die man am Donnerstagabend hatte, als das Potsdamer Performance-Kollektiv „Kombinat“ in der Schinkelhalle mit „Grand Jeté“ Premiere feierte. Diese kleine Irritation sollte eine Weile andauern, bis in der 70-minütigen Aufführung deren Rätsel gelöst wurde. Flug- und Schwebebilder auf zwei Trampolinen waren angekündigt, doch diese imposanten Sprunggeräte waren anfangs ebenfalls nicht zu sehen. Stattdessen ging die Performance über „den großen Sprung“ mit Bildern los, die mit springen beziehungsweise fliegen scheinbar nichts zu tun hatten.

Auf den zwei großflächigen Bildschirmen über der Guckkastenbühne, die im Hintergrund von einer schrägen Wand begrenzt wurde, sah man Männer auf dem Rücken liegen. Als sie in dieser Lage stetig Schwung holten und dann unverhofft aus den Bildsequenzen ins Echtzeitgeschehen, auf die in der Bühne versenkten Trampolins sprangen, war man mittendrin in dieser ungewöhnlichen Performance, die Paula E. Paul und Sirko Knüpfer erdacht und in Szene gesetzt haben. Eine Performance, die Filmsequenzen mit Gesprächen über Leben und Tanz und Echtzeit-Artistik durch blitzschnelle Wechsel zwischen beiden verwob. Denn kaum hatten die drei Trampolin-Artisten Steven Lehmann, Tjorm Palmer und Patrick Hildebrandt, die mit schwarzen Hosen sowie blauen, roten und grünen Hemden bekleidet waren, schwungvoll ihre Geräte in Beschlag genommen, setzte sich direkt über ihnen ein weiterer Protagonist in Szene.

Der ehemalige Profi-Tänzer und heutige Bademeister Ralf Kittler war in dieser ersten Filmsequenz vor seinem Sprungturm zu sehen und erzählte, dass sich Ertrinkende in Todesangst direkt auf ihn stellen würden, weil sie hofften, so nicht unterzugehen. Seine pointierte Erzählung bildete den Ausgangspunkt für vielfältige weitere Assoziationen über Vertrauen, Getragenwerden und Fallenlassen beim Tanzen, die die vier anderen Teilnehmerinnen dieses Interviewprojektes in schneller Folge beisteuerten. Die früheren Profi-Tänzerinnen Sophie Jailett, Viviana Marrone, Liane Simmel und Renate Pook, von denen nur Letztere als 70-Jährige noch tanzt, alle anderen jedoch den Sprung in ein anderes Leben gewagt haben, reflektierten darüber, was Tanz ihnen bedeutete und wie sich ihr Absprung daraus gestaltete.

Diese zum Teil poetischen, oft philosophischen oder auch ganz pragmatischen Sentenzen zogen einen sofort intensiv in den Bann. Mithilfe des Tanzens kamen alle in den sogenannten Flow, der das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit meint. Es schien undenkbar, obwohl sich bei einigen von ihnen früh zeigte, dass ihr Körper nicht lange mitspielen würde, dieses Leben jemals gegen ein anderes einzutauschen. Doch Paula E. Paul und Sirko Knüpfer, die die Idee zu diesem Projekt hatten und es technisch aufwendig und ästhetisch überzeugend in Szene setzten, zeigen, dass es ein Leben nach dem Tanz gibt. Viviana Marrone, die wegen zweier Unfälle aufhören musste und heute Kulturwissenschaftlerin ist, sagt: „Ich war wahrscheinlich so lange in der Luft, bis ich die richtige Stelle gefunden hatte, wo ich landen wollte.“

Diesen Anschein erwecken auch die anderen Frauen, die als Ärztin und Managerin arbeiten. Das gibt beim Zuschauen sehr viel Hoffnung, auch eigene Lebensentscheidungen leichter zu wagen. Doch nach einer Weile schleicht sich auch immer stärker der Wunsch ein, mehr über Niederlagen und Scheitern und den persönlichen Umgang damit zu erfahren. Leider ist das dramaturgisch nicht ausgewogen gelöst, da bei den Interviews solche wunden Punkte kaum berührt werden. Aber genau an solchen Brüchen wird es interessant, geht es alle etwas an. So scheint bei diesen Tänzern „der große Sprung“ durchweg geglückt. Man bewundert das, weiß aber, dass die Realität im heutigen Arbeitsleben nicht selten eine andere ist.

Die drei Echtzeit-Trampolin-Artisten landen hingegen sehr häufig auf dem Bauch, hängen manchmal in der Luft oder rennen lautstark gegen die schräge Rückwand. Insofern kommentieren sie die glatten Erzählsequenzen der Tänzer mit Gefühlsbewegungen, die jene ausblenden. Beides würde sich stärker verzahnen und nachhaltiger wirken, wenn am Tempo der gesamten Performance noch an einigen Stellen etwas justiert wird. Denn bei der Premiere am Donnerstag hatte man Mühe, einerseits die Vielzahl und die Intensität der Gesprächsschnipsel zu verdauen und andererseits durch die rasanten Wechsel die Live-Einlagen der Artisten bis ins Detail wahrzunehmen – sodass die drei zuletzt zwar schweißgebadet dastanden, die anderen Protagonisten sich jedoch mit ihren Charakteren und Ansichten wesentlich stärker ins eigene Bewusstsein gegraben hatten.

Doch andererseits blendet „ein großer Sprung“ im Akt des Geschehens die kleinen Details größtenteils aus und sie kommen erst viel später ins Bewusstsein. Wer also die Trampolin-Artisten noch einmal erleben will, kann das heute und morgen noch tun. Der wird dabei auch erfahren, dass das Vogelgezwitscher zu Beginn der Vorstellung etwas mit dem Grimmschen Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ zu tun hat. Astrid Priebs-Tröger

Wieder am heutigen Samstag, 20 Uhr, und am morgigen Sonntag, 15 und 20 Uhr, in der Schinkelhalle in der Schiffbauergasse. Der Eintritt kostet 19, ermäßigt 15 Euro

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