Kultur : Gegen Vorurteile

Dotschy Reinhardt stellte ihr Buch „Gypsy“ vor

Astrid Priebs-Tröger

„Ich bin eine Sinteza“, sagt die attraktive junge Frau selbstbewusst. Und sie hat allen Grund dazu. Dotschy Reinhardt gehört nicht nur zur Großfamilie des weltweit geschätzten Gitarristen Django Reinhardt, sondern die seit mehreren Jahren in Berlin Lebende schickt sich gerade selbst an, als Jazzsängerin international Karriere zu machen. Am Dienstagabend trat die 34-Jährige jedoch nicht im Abendkleid und mit der Gitarre vor ihr Publikum in der Stadt- und Landesbibliothek, sondern sie hatte ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Gypsy. Die Geschichte einer großen Sinti-Familie“ mitgebracht, um am internationalen Holocaustgedenktag daraus vorzulesen.

Selbst zur Generation der Enkel gehörend, spürte sie früh, wie sehr die Schatten der Vergangenheit beispielsweise ihrer geliebten Großmutter Gali auf der Seele liegen. Die Großmutter mit dem schönen deutschen Vornamen Hildegard wurde 1934 geboren und musste kurz darauf am eigenen Leibe spüren, welche Auswirkungen der Rassenhass der Nazis auf ihre Familie hatte. Dem Verbot des Autolenkens, folgte der Entzug der Gewerbescheine, dem Verbot des Aufstellens von Wohnwagen schließlich die Verhaftung des Familienoberhauptes und daran anschließend jahrelange Zwangsarbeit beziehungsweise die Zwangsumsiedlung für die gesamte Familie.

Dotschy Reinhardts Urgroßvater Bernhard Heinrich Pfisterer, Weltkriegsteilnehmer und Geigenhändler, überlebte die unmenschliche Zwangsarbeit in mehreren Konzentrationslagern, die brutalen Misshandlungen von SS-Männern und selbst die Gaskammer, aus der er kurz vor dem Ersticken wieder herausgeholt wurde, weil er als Musiker dann doch noch zu etwas nütze war und das „Zigeunerorchester“ eines Nebenlagers des KZ Mauthausen verstärken „durfte“. Doch selbst nach der Befreiung nahmen seine Leiden kein Ende. Neben den gesundheitlichen Schäden bleibt ihm auch der unsägliche Kampf mit der westdeutschen Nachkriegsbürokratie, die ihm erst in den späten 50er Jahren eine kleine Wiedergutmachungsrente von 70 Mark monatlich, zuzüglich jeweils 10 Mark für seine Frau und jedes der Kinder, zugesprochen hatte.

Und das Misstrauen und die Ignoranz gegenüber „Zigeunern“, Sinti und Roma benutzen diese Bezeichnung selbst nicht (mehr), weil die Nazis sie zu „Zieh-Gauner“ verballhornt hatte, blieb gerade in Deutschland lange erhalten. Dotschy Reinhardt schreibt in ihrem sehr lesenswerten Buch an vielen Stellen darüber. Sie will mit ihren Familiengeschichten an diese menschenverachtenden Geschehnisse erinnern und vor allem die Nachgeborenen darüber aufklären und schildert dazu ganz konkrete Schicksale. Denn nicht nur bei ihrer Großmutter, die es als eine der Wenigen geschafft hat, über ihre Erlebnisse zu reden, „sitzt der Schmerz immer noch tief.“ Darüber hinaus will Dotschy Reinhardt, die in Berlin bei vielen Menschen vor allem „Neugier und Interesse an ihrer Herkunft spürt“, mit vielen – auch gutgemeinten – Vorurteilen, aufräumen. Astrid Priebs-Tröger

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