Kultur : Gefesselter Ballon

Auftakt zur Reihe „Literatur im Krongut“

Astrid Priebs-Tröger

Vielleicht war es noch zu früh im Jahr, einen Versuchsballon in Sachen Literatur steigen zu lassen. Kaum ein Dutzend Zuhörer fand sich am kalten Montagabend in der Weinscheune des Krongutes Bornstedt ein, um der Auftaktveranstaltung „Potsdam, Potsdam, Potsdam“ zur neuen Lesereihe des Literatur-Kollegiums Brandenburg beizuwohnen. Es gab Tee. Viele behielten ihren Schal um den Hals.

Im Herbst ist der mit hölzernem Interieur, schmiedeeisernen Leuchtern und Wandgemälden geschmückte Raum mit Blasmusik oder Akkordeonklängen angefüllt. An diesem Abend gab“s Jazziges per Saxophon von der 18-jährigen Marina Schwabe und ein wenig Klaviermusik. Die Protagonisten der Lesung gaben sich dann alle Mühe, um gegen die klammen Glieder und die öfter anspringende Kühlung im Thekenbereich anzukommen – was manchen Moment auch gelang. So als Natalia Gorbatyuk, gebürtig aus Odessa und seit zehn Jahren in Potsdam zu Hause, fünf Gedichte über ihre Wahlheimat las; auf Russisch versteht sich. Das heißt, erst einmal verstand man nicht, aber es klang auf jeden Fall gut: Beseelt, melodiös, ein wenig pathetisch und auch ein bisschen melancholisch. Der dritte Text sei „ ein bisschen lustiger“, kündigte die Vorleserin an und er erinnerte aus ihrem Mund denn auch an Schlittenfahren und Schneeballschlacht. Auf Deutsch vorgetragen wurden ihre Verse dann von Walter Flegel. Am sensibelsten erschien „Heimweh“, auf jeden Fall, was den Ton anging.

Die Berlinerin Sonja Puras brachte durch ihren Vortrag Wärme in die Runde. Sie las eine Wintergeschichte, die in einer Zeit spielte, in der es noch kälter als am Montagabend war. Sie trug sie pointiert und sehr warmherzig vor, ließ die spezielle Szenerie einer Kinderführung der besonderen Art durch das Neue Palais lebendig werden.

Die Potsdamerin Christa Kozik wollte den Sommer beschwören. Sie hatte ihren Mann Christian mitgebracht, der ihre, wie sie selbst bemerkte „Jugendsünde, geschrieben mit 20“ als Musette vertont hatte und ihren Vortrag am Flügel begleitete. „In Sanssouci“ hieß dann die nette Reimerei, die an die „Lorelei“ erinnerte, und auch von längst verflossenem Herzschmerz und neuer Liebe handelte.

Nach 45 Minuten satirischen, ironischen sowie melancholischen Versen und Prosa über Potsdam war die Lesung dann eher wie ein Fesselballon, der stets durch eine Leine mit dem Boden verbunden bleibt, stellte der Vereinsvorsitzende Lutz-Rüdiger Schöning zum Schluss fest, wies aber gewohnt optimistisch auf die nächste Veranstaltung in vierzehn Tagen hin: Till Sailer kommt mit Texten über Mozart zu Wort. Im Februar lesen Schüler zum Motto „Wir sind keine Schlampen und Gangster“.

Astrid Priebs-Tröger

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