• „Gefährliche Liebschaften“ ganz rasant

Kultur : „Gefährliche Liebschaften“ ganz rasant

Astrid Priebs-Tröger

Der Spielort war gut gewählt, auch wenn das Kutschstallensemble des Großen Kurfürsten bereits 100 Jahre vor Entstehung des weltberühmten Briefromans „Gefährliche Liebschaften“ 1785 von Choderclos de Laclos errichtet wurde. Üppige Kristallleuchter, flackernde Kerzen, Rokoko-Kostüme, höfische Musik und sogar Fechtszenen im Schnee vermochten die Einfühlung in die Historie in Lena Lessings Inszenierung, die am Samstag im „La Manege“ zur Premiere gelangte, effektvoll herzustellen.

Dieses subtile Kammerspiel um Liebe, Macht, Leidenschaft und Intrigen wird seit mehr als 200 Jahren immer wieder adaptiert und hat 1988 medial eine starke Prägung durch Stephen Frears großartige Inszenierung mit Glenn Glose, John Malkovich und Michelle Pfeiffer erfahren. Die setzt auf die geschliffenen Dialoge, die vielen Zwischentöne, jede Menge Untertext und eine außerordentliche Präsenz der Schauspieler. Lena Lessing setzt vor allem auf ihr junges Ensemble, auf eine schöne Optik und auf Schnelligkeit.

Das muss der Sache keinen Abbruch tun, doch wenn der Vicomte Valmont (Jaron Löwenberg) bei der ersten Begegnung mit der tugendhaften Madame de Tourvel (Corinna Mann) dieser nach wenigen Worten an den Allerwertesten grapscht, denunziert er nicht nur die Figur, sondern macht ein weiteres Spiel eigentlich unmöglich. Aber da wird munter drüber weg geholpert wie auch über manch anderen Bruch, so dass die Figuren in ihren Höhen und Tiefen nicht ausgelotet, sondern nur holzschnittartig vergröbert werden. Da ist die junge Cécile de Volanges (Kristin Fabig) nur unberührt-naiv oder nur lüstern. Und Chevalier Danceny (Merlin Leonard) bis kurz vor Schluss nur erbarmungswürdig dämlich. Übergänge werden so gut wie nicht sichtbar.

Zwar gibt es Momente, in denen die Figuren auch hier die Möglichkeit haben, ihre Vielschichtigkeit zu zeigen, beispielsweise als die Marquise de Merteuil (Tjadke Biallowons) über ihr Frausein in der Gesellschaft philosophiert, aber die werden von der Regie großzügig verschenkt und klingen dann so, als räsonierte Tjadke Biallowons über die Rolle der Frau in der heutigen Zeit. Schade, dass man den Zuschauern so wenig zutraut, eigene Schlüsse zu ziehen und ihm Parallelen so plakativ aufs Auge drückt. Wie das Dutzend nackter Barbiepuppen, das von Anfang bis Ende kopfüber vom niedrigen Couchtisch hängt.

Einmal stellt sich jedoch so etwas wie Tiefe her, als der inzwischen bis über beide Ohren verliebte Vicomte Valmont seiner Angebeteten ein Liebeslied auf hebräisch – Jaron Löwenberg stammt aus Israel – singt, aber wirklich erspielt ist die Intimität nicht. Das macht es dem Zuschauer kaum möglich, sich auf die vielen Facetten der Charaktere einzulassen, stattdessen muss er sich bei der rasanten Achterbahnfahrt immer wieder am Sitz festhalten, um nicht aus dem Wagen geschleudert zu werden.

Nach fast zwei Stunden zumeist optisch schöner Bilder war man froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und bekam am Ende doch noch mal die ganze Vordergründigkeit der Inszenierung vorgeführt. Als nicht nur der Schatten einer Guillotine erschien, sondern „Kopf ab, Kopf ab“ skandiert und das metallische Geräusch eines niedergehenden Fallbeiles effekthascherisch eingespielt wurde. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellungen am 13. und 14. Februar jeweils 20 Uhr

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