Kultur : Geduckt unter Linden

Das Kirchlein im Grünen in Alt Placht

Babette Kaiserkern
Foto: Kaiserkern

Links der Landstraße liegen Maisfelder, rechts steht der reife Roggen. Von der Asphaltstraße abbiegend, geht es durch den Wald auf einem märkischen Sandweg weiter. Es ruckelt und rumpelt so, als säße man nicht im Auto, sondern in einer Kutsche. Hohe Kiefern ragen in den Himmel. Unvermittelt öffnet sich der dichte Wald und unregelmäßige, gelbe, blau eingerahmte Quadrate eines Gebäudes leuchten aus dem Schatten hervor. Unter einem grünen Gewölbe aus Lindenbäumen zeigt sich die Fachwerkfassade, der blaue Holzturm und das Reetdach des Kirchleins von Alt Placht. Wie ein romantisches Gemälde wirkt das Ensemble. Gepflanzt wurden die Linden vor fünfhundert Jahren, als Albrecht Dürer, Hieronymus Bosch, Martin Luther lebten.

Wir parken das Auto auf einer Waldwiese, ein Hahn kräht wie zur Begrüßung in die Stille. Vor dem Kirchlein setzen wir uns auf eine grobe Bank, warten auf den Beginn des Konzerts in der Kirche. Über uns kreist lautlos ein roter Milan, der „märkische Adler“. Am Waldrand liegen ein altes Försterhaus, Ställe und kleine Katen der ehemaligen Land- und Forstarbeiter. Dass hier einst die mittelalterliche Handelsstraße zwischen den Hansestädten Frankfurt (Oder) und Stralsund verlief, ist in der heutigen Abgeschiedenheit des Uckermärkischen Seengebiets kaum zu glauben. Im 17. Jahrhundert verhalfen hugenottische Einwanderer dem Ort zu wachsender Prosperität. Sie gaben der Gutskapelle das ungewöhnliche Aussehen im normannischen Fachwerkstil. Ein großer Brand des Gutshofes und der sandige Boden machten die landwirtschaftliche Nutzung zunehmend zunichte.

Schließlich blieben nur noch wenige Bewohner übrig – und das kleine, halb verfallene Kirchlein. Ein „Schandfleck“, wie es einem Gutachten des kirchlichen Bauamtes in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hieß, aber selbst für den empfohlenen Abriss fehlte es an Geld. Was sich als Glück erwies.

Dass die Kapelle heute wieder so wunderbar da steht, ist einer Gruppe von Gleichgesinnten aus Ost und West zu verdanken, die in der Aufbruchszeit der Nachwende an einem Strang gezogen haben. Um das fast verfallene Gotteshäuslein zu sanieren, gründeten sie einen Förderverein. Vorsitzender wurde zunächst der West-Berliner Architekt Helmut Kliefoth, dem das Kirchlein noch aus Kindertagen vertraut war. Von Anfang an dabei war auch Pfarrer Horst Kasner aus Templin. Für den Vater von Angela Merkel wurde die Instandsetzung des Kirchleins im Grünen zum Lebenswerk. Bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren predigte er hier regelmäßig. Als langjähriger Vorsitzender des Fördervereins sorgte er für den Wiederaufbau dieses Kleinods mitten in der Natur.

Viele Menschen beteiligten sich daran: Lehmbauer, Tischler, Kunstglaser, Maler, Archäologen, Denkmalschützer, Naturschützer, ABM-Kräfte und zahlreiche Freiwillige. So stickte eine 88-jährige Dame aus Lychen die Altardecke in der norwegischen Hardanger-Technik. Die Spenden eines privaten Förderers gaben den Ausschlag für die weitere Finanzierung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Ein neuer Glockenstuhl wurde gebaut und die originale Bronzeglocke von 1721 kam aus dem Elisabeth-Stift Berlin zurück nach Alt Placht. Am 3. Oktober 1998 zum ersten Mal das Kirchweihfest gefeiert. Doch längst war noch nicht alles getan. Schließlich braucht eine Kirche auch eine Orgel. Mit dem Bau wurde die Firma Schuke aus Werder beauftragt. Rund um die Kirche entsteht ein ökologischer Pilgerweg mit uralten Linden. Sie sind Naturdenkmäler, die von vorchristlichen Zeiten erzählen. Wahrscheinlich hatten bereits Slawen an diesem Ort einen Tempel errichtet und ebenfalls Linden gepflanzt. Die Linde galt ihnen als heiliger Baum, den sie in Gestalt der Lindengöttin Libussa verehrten und in Liebes- und Rechtsfragen um ein Orakel baten.

Bis heute hält der rührige Förderverein das Kirchlein lebendig und sorgt dafür, dass viele Besucher nach Alt Placht kommen. Schon seit Beginn der Baumaßnahmen gibt es einen Ostergottesdienst und eine Andacht zu Silvester. Taufen, Hochzeiten und Andachten für Verstorbene finden statt. Namhafte Gäste kehren ein. Die Schriftsteller Günther de Bruyn und Bernhard Schlink lasen hier, Schauspieler Ulrich Matthes gestaltet literarische Benefizveranstaltungen.

Ganz besonders gut eignet sich die Kapelle für intime Konzerte mit Kammermusik oder Orgelmusik. Die Uckermärkischen Musikwochen, der Brandenburgische Dorfkirchensommer und der Orgelfrühling haben Alt Placht regelmäßig in ihren Programmen. Auch die Brandenburgischen Sommerkonzerte haben schon eine Stippvisite gemacht. Der Eintritt ist stets umsonst. „Aber wir nehmen Austritt“, sagt der jetzige Vorsitzende des Fördervereins, Roland Resch, und mahnt die Besucher: „Bitte denken sie daran: Heute ist Scheinwerfertag.“ Das könnte glatt von Fontane stammen, der allerdings in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg diese Gegend unbeachtet ließ. Erst mit dem Bau der Bahnstrecke Britz-Fürstenberg ging es hier wieder wirtschaftlich bergauf. Heute kann man auf den Gleisen von Templin bis Lychen Draisinen mit Pedalantrieb fahren.

Nach dem erbaulichen Konzert mit Werken von Telemann und dem Ensemble Vimaris aus Weimar, das wir bei unserem Ausflug erleben, hält Roland Resch persönlich den Korb hin. Für diesen wunderbaren Ort wünscht er sich Respekt von allen, die hier her kommen und sehen, „was unsere Vorfahren geleistet haben und Menschen, die beseelt wieder von dannen gehen.“ Noch heute liegt etwas Magisches in der Atmosphäre des Kirchleins im Grünen von Alt Placht, das zur Besinnung anregt.

In unserer Serie stellen wir Orte in der Mark vor. Kommenden Mittwoch geht es nach Brandenburg