• Gedenken an Opfer des Zweiten Weltkrieges: Musikinstallation für den Frieden

Gedenken an Opfer des Zweiten Weltkrieges : Musikinstallation für den Frieden

Schüler der Stadtteilschule Drewitz und die Potsdamer Kammerakademie entwickeln ein Instrument für ihr Friedensfest im polnischen Gorzyca.

Der Künstler Ben Wagin (vorn) und Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, bringen 1992 in Gorzyca junge Bäume in die Erde.
Der Künstler Ben Wagin (vorn) und Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, bringen 1992 in Gorzyca junge Bäume in die Erde.Foto: Gminny Osrodek

Im Oktober 1992 fand die erste Baumpflanzaktion im polnischen Gorzyca statt: Polen, Deutsche und Russen kamen zusammen, um gemeinsam neues Leben in die Erde zu bringen, 200 Bäume an der Zahl. Ein Jahr später pflanzte man weitere 200. Der Künstler Ben Wagin, Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, der Schriftsteller Martin Stade und der damalige Pressesprecher des Landes Brandenburg, Eberhard Grashoff, hatten die Idee verwirklicht: eine Pflanzaktion als Akt der Versöhnung, ein Wald als Gedenken derer, die im Zweiten Weltkrieg starben oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie hatten 1991 bereits auf dem Krugberg bei Seelow Bäume gepflanzt, im weißrussischen Brest und in Moskau entstanden in den Folgejahren ebenfalls Friedenswälder.

Was bedeutet Frieden?

Viele Jahre ist das jetzt her, die Bäume wuchsen und gediehen und mittlerweile haben die Wälder eine weitere Funktion. Als Orte, an denen sich unter anderem Schüler – die Urenkel derer, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben – mit der Bedeutung von Frieden auseinandersetzen. So soll der Wald in Gorzyca am kommenden Freitag von Schülern einer fünften Klasse aus Drewitz und der Kammerakademie Potsdam (KAP) zum Klingen gebracht werden. Anlass gibt der 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges. Eine Musikinstallation ist geplant sowie ein gemeinsamer Spaziergang. Schirmherr ist Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke.

Intensive Projektarbeit mit KAP-Musikern

Doch zunächst steht eine intensive Arbeitswoche auf Schloss Trebnitz an: Die 22 Schüler von der Stadtteilschule Drewitz trafen dort am Montag auf Gleichaltrige aus der polnischen Stadt Poznan, um sich in Workshops auszutauschen. Vier stehen zur Auswahl, zu den Themen Umwelt, Geschichte, und zwei, in denen sich die Zehn- bis Zwölfjährigen der Musik widmen – gemeinsam mit der KAP, die seit 2010 immer wieder Projekte mit der Stadtteilschule ins Leben ruft, und dem polnischen Sänger Michal Kowalonek. In einem Dokumentarfilm soll die Woche festgehalten werden, auch als Erinnerung für die Kinder selbst.

Was genau am Ende der Woche präsentiert wird, sei noch offen, erklärt die Koordinatorin des Projekts, Katarzyna Boryczka von der Bildungs- und Begegnungsstätte Schloss Trebnitz. Es hänge von den Wünschen und Anregungen der Kinder ab, was in den Gruppen erarbeitet wird, und auch von ihrem Wissensstand. Den KAP-Workshop übernimmt die Violinistin Isabel Stegner, in der zweiten Hälfte der Woche sorgt die Potsdamer Flötistin Bettina Lange für Unterstützung. Gemeinsam mit den Kindern wollen sie ein Instrument entwerfen. Material haben sie bereits in der Woche zuvor gesammelt: hölzerne Paletten zum Beispiel, einen Gartenschlauch mit Mundstück oder eine Dose mit Kugel, die laut knallt, verrät Stegner. Krieg und Frieden sollen durch das Instrument hörbar werden. „Noten lesen müssen die Schüler dafür nicht“, sagt sie. Sie will die Gruppe mit Soundpainting anleiten, einer Zeichensprache, die der Komponist Walter Thompson in den Siebzigern entwickelte: „Das ist das Schöne, zu den zwei Sprachen kommt eine dritte universelle hinzu.“

Die Sprache ist eine Herausforderung

Die Kommunikation ist wohl eine der Herausforderungen – schließlich sprechen weder die Potsdamer Schüler Polnisch, noch die polnischen Deutsch. Sprachvermittler sollen dolmetschen und es stehen Sprachspiele auf dem Plan. „Die Kinder werden gar nicht merken, dass sie lernen, und gleichzeitig bekommen sie eine direkte Verbindung zu ihren neuen Kollegen“, erklärt Boryczka. Die Begegnungsstätte Trebnitz kuratiert alle Friedenswälder und ist erfahren, was Schülerbegegnungen anbelangt.

„Ich finde es toll, dass wir alle zusammen sind und ich eine neue Sprache mitbringe“, freute sich Amelie Thamm aus Drewitz am Freitag auf die Klassenfahrt – auf der auch eine Disko geplant ist, veriet sie. Ihr Klassenlehrer Nils Weigl, der die Reise begleitet, schmunzelte: Sie seien alle sehr gespannt, wüssten allerdings noch nicht so ganz genau, was sie erwartet. „Es ist sehr wichtig, dass die Schüler Polen ein bisschen kennenlernen, als Land, das zwischen die Fronten geraten war“, sagte er später. „Damit so etwas nie wieder passiert.“

Ein wichtiger Austausch

Gorzyca sei vor 27 Jahren als Ort für einen Friedenswald ausgewählt worden, weil der russische Oberbefehlshaber Georgi Schukow dort einen Befehlsstand gehabt habe, erzählt Darius Müller, Leiter der Begegnungsstätte Trebnitz. Für die erste Pflanzaktion war sogar eine eintägige Fährverbindung über die Oder eingerichtet worden. Brandenburgs Agrarminister Edwin Zimmermann war gekommen und der Berliner Bürgermeister Tino Schwierzina. Als er seine Arbeit in der Begegnungsstätte vor elf Jahren begann, habe er die Wälder zunächst für Symbolpolitik gehalten, erzählt Müller. Bei dem Besuch einer Schülergruppe aus Russland habe er dann gemerkt, welche Bedeutung die Begegnungsstätten haben, als ruhige Orte, an denen musiziert und geschrieben werden kann. Das Thema Krieg sei für die polnischen Schüler aufgrund ihrer Nähe zur Ukraine wieder aktuell, für die deutschen Schüler allerdings nicht – deswegen sei ein Austausch so wichtig. Durch den Klimawandel bekommt Wald als schützenswerter Lebensraum noch eine weitere wichtige Bedeutung. „Wenn wir uns gemeinsam um den Friedenswald kümmern, arbeiten wir gemeinsam am Frieden“, fügt Boryczka hinzu.

Weitere Informationen unter: www.schloss-trebnitz.de/klingender-friedenswald-in-gorzyca/