Kultur : Ganz und gar verhüllt

Christo zur Ausstellung in der Villa Schöningen

Richard Rabensaat
Reminiszenzen. Christo und Rita Süssmuth bei der Ausstellungseröffnung.
Reminiszenzen. Christo und Rita Süssmuth bei der Ausstellungseröffnung.Foto: A. Klaer

„Die Zeichnungen erzählen die Geschichte der Verhüllung“, erklärt Christo. Der verhüllte Reichstag ist mit Bleistift, Kohle, Pastellkreide, Stoff und Bindfaden in einer Collage dargestellt. Das Blatt hängt in einer Ausstellung mit Zeichnungen des Künstlers Christo in der Villa Schöningen. Es gehört Rita Süssmuth, der ehemaligen Bundestagspräsidentin. Sie hat viel dazu beigetragen, dass der Regierungssitz im Sommer 1995 in silbrigem Stoff erglänzte. „In der Nacht vor der Abstimmung konnte ich nicht schlafen und war furchtbar nervös“, gesteht sie heute.

Heiße Debatten, Ausschusssitzungen und wilde Polemiken hatte es im Vorfeld des Projektes gegeben, das der Bulgare Christo seit den 1970er-Jahren zu realisieren versuchte. Die Würde des Bundestages werde angetastet, das Gebäude solle nicht als Kunstobjekt zweckentfremdet werden, möglicherweise wolle der Künstler auch nur marktstrategisch günstig seine eigene Eitelkeit befriedigen, lauteten die Argumente. „Letztlich war es Wolfgang Schäubles Rede, die den Ausschlag gab“, erinnert sich Süssmuth. Schäuble habe ein wenig zu viel darauf herumgeritten, wie sakrosankt das historische Gebäude sei. Die ohnehin recht schwierige Geschichte des Reichstages werde durch die Kunstaktion nicht bereichert, sondern eher beschädigt, meinte Schäuble. Das sei den meisten Bundestagsabgeordneten dann doch zu viel der Heiligsprechung gewesen, vermutet Süssmuth. Mit 292 zu 223 Stimmen fiel die Abstimmung im Februar 1994 dann recht eindeutig zugunsten der Verhüllung aus. Aber es dauerte noch gut ein Jahr, bis der Monumentalbau vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 vollständig von einer riesigen Plane bedeckt war.

Es war ein Anblick, der Tausende Besucher aus aller Welt in die Stadt lockte und jeden unmittelbar in seinen Bann schlug. Ein schöner Sommer lud dazu ein, auf der Wiese vor dem entstandenen Kunstobjekt die Verwandlung der deutschen Historie zu bestaunen.

Ein Brand des Reichstages war im Jahre 1933 den Nazis dabei zu Hilfe gekommen, wichtige Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen. Die wenig ruhmreiche Geschichte der Weimarer Republik fokussiert sich in dem Bau ebenso wie die neuere deutsche Historie. Erst mit dem Fall der Mauer sei die Verhüllung überhaupt denkbar geworden, resümiert der Künstler. „Davor wäre das verhüllte Gebäude wie ein Sieg der DDR erschienen“, vermutet Roland Specker. Er hat Christo in den 25 Jahren bis zur Realisierung des Projektes begleitet. Nun wirbt er mit der „Stiftung Dokumentations-Ausstellung Verhüllter Reichstag“ für einen Ankauf der Dokumentationsmaterialien zur Entstehung des Projektes, die sich noch im Eigentum des Künstlers befinden. Zu der Ausstellung in der Villa Schöningen haben Specker und andere Sammler von Christos Kunst Werke aus ihrem Besitz beigesteuert, um das Anliegen der Stiftung in die Öffentlichkeit zu tragen. „Das ist ein historischer Augenblick gewesen, dessen Dokumentation auch an entsprechender Stelle zu sehen sein sollte“, konstatiert Specker. Wenn es gelingen würde, den Betrag für den Ankauf der Dokumentation aufzubringen, wolle die Stiftung das Material der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben und darauf vertrauen, dass diese es angemessen der Öffentlichkeit zugänglich mache.

Das würde auch dem Künstler gefallen. Die Dokumentation seines „Running Fence“-Projektes habe das renommierte Smithsonian Institut gekauft. Zwar nicht ganz in dieser Liga, aber so ungefähr könne die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitspielen, meint Christo. Verschenken möchte der Künstler die Dokumentation nicht. Man nutze die Erlöse aus den Verkäufen, um neue Projekte zu realisieren. Das sei beim Reichstag so gewesen, so Christo, und solle auch beim Verkauf der Dokumentation so geschehen. „Nicht ein Pfennig Steuergelder ist in das Projekt geflossen“, weiß Süssmuth. Verkäufe von Zeichnungen, Collagen, Skizzen und Spenden waren die Grundlage des Projektes. Diese Skizzen sind nun in Potsdam zu sehen. Richard Rabensaat

Am Samstag ist das Hans Otto Theater mit der szenischen Lesung „Unsere Kunst muss immer nutzlos sein“ zu Chrisos Werk in der Villa Schöningen zu Gast (18 Uhr, Berliner Straße 86)

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