Kultur : „Gärtnern bis an die Grenze“

Vom Park zum malträtierten Gelände: Der Kurator Jens Arndt erzählt in der Schau „Preußens Arkadien hinter Stacheldraht“ im Sacrower Schloss von der Zerstörung und Heilung der Potsdamer Kulturlandschaft während des Kalten Krieges

Foto: Patrick Plönnig

Herr Arndt, Sie veranstalten ein Mammutprojekt – Ausstellung, Filmreihe, Buch, Dokumentarfilm. Warum läuft das Projekt „Gärtner führen keine Kriege – Preußens Arkadien hinter Stacheldraht“ sozusagen auf allen Kanälen?

Weil ich das Thema für sehr wichtig halte und es in allen drei Medien gut darstellbar ist. Ich wollte das erzählen mit den Mitteln, die ich beherrsche. Im Fall eines Dokumentarfilmers heißt das, dass Menschen zu Wort kommen, die Gärtner, die auf DDR-Seite bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Potsdam-Sanssouci tätig waren, während der Zeit des Kalten Krieges. Sie versuchten, dieses Kunstwerk, das ihnen anvertraut war, die Potsdamer Kulturlandschaft, gegen die Zerstörung durch den Grenzausbau zu verteidigen.

Wie sah der Sacrower Park zu DDR-Zeiten aus?

In Sacrow war die Situation am extremsten. Im Park Babelsberg und im Neuen Garten waren ja nur die Bereiche an der Wasserlinie Grenzgebiet und damit absolut tabu. In Sacrow war dagegen der gesamte Park abgeriegelt. Am Wasser verlief die Grenze mit dem Todesstreifen, wo nichts mehr wuchs weil die Grenzer Herbizide ausbrachten. Der Lenné Park dahinter wurde von der DDR-Zollverwaltung genutzt, um Spürhunde auszubilden. Heinrich Hamann, der stellvertretende Gartendirektor, nennt es die kolossale Vernichtung eines Parks.

Was geschah mit dem Park?

Sacrow war einerseits völlig durch Einbauten überformt, andererseits ließ der Zoll die wunderbaren Wiesen die lange Sichten erlaubten, komplett zuwuchern. Überall war dort eine große Simulationskulisse aufgebaut. Man zum Beispiel eine Abfertigungshalle für LKWs wie am Grenzkontrollpunkt Dreilinden hineingebaut, wo die Hunde üben sollten. Dann gab es eine Baracke, in der wie im Flughafen ein elektrisches Kofferband lief – damit die Hunde trainieren konnten, wie man in Koffern sucht. Überall im Park waren Autos abgestellt. Auch West-Autos, um das Schnüffeln nach Flüchtlingen an einem Mercedes zu üben.

Wäre es nicht sinnvoll gewesen, ein Relikt aus dieser Zeit stehen zu lassen?

Das habe ich die Zeitzeugen auch gefragt. Da hat der ehemalige Gartendirektor Harri Günther sehr schön darauf geantwortet: „Wir hatten das überlegt, im Neuen Garten stand noch ein Wachturm. Der war aber so ein Fremdkörper, dass er dieses Kunstwerk so verletzte, dass es nicht angebracht war. In Berlin ist es wunderbar, dass Mauerteile stehen geblieben sind, aber in diesen Gärten ist es eine andere Situation.“

Wiederhergestellt wurden die Gärten dann anhand von Plänen und Fotos?

Ja. Aber, wie die Gärtner sagten, du musstest auch dein eigenes Auge einsetzen. Auch wenn man den Lenné-Plan vor Augen hat ist es schwer, den in die dritte Dimension zu denken. Also waren eigenes Handeln und sich-reinfühlen in die Situation vor Ort ganz wichtig. Sehr spannend war auch die Rekonstruktion hier im Park Sacrow. Die Achse von der Sonnenuhr zur Römischen Bank am Wasser, war fast nicht aufzufinden, weil der Weg völlig zugewuchert war. Das war die Hauptachse, eine sehr barocke Gerade, die im englischen Landschaftsgarten eigentlich gar nicht üblich ist. Man machte aufwendige Grabungen, bei denen sogar die Erde gekostet wurde. Man wollte Lehm schmecken, weil Lehm anzeigt, dass hier mal ein Weg war.

Ist Sacrow heute wieder, wie es einst war?

Im Großen und Ganzen ist der Park wieder geheilt, aber es gibt zum Beispiel keinen Blick zum Pfaueninsel-Schloss. Den gab es immer, den Blick zu diesem weißen Schloss, das traumhaft auftaucht wie eine Fata Morgana. Es ist leider nicht mehr zu sehen. Da ginge es darum – ich sage es mal ganz despektierlich –, ein paar Erlen, die während der Grenzzeit wild gewachsen sind, zu fällen und dann hätte man das Vergnügen, das Schloss wieder zu sehen. Der Eingriff hier würde ökologisch nicht so viel Schaden anrichten.

Sie haben als Zeitzeugen fünf Gärtner interviewt. Wer war für Sie die wichtigste Quelle?

Alle haben gesagt: Der wichtigste Zeitzeuge, den du haben musst, ist der Mann, der zwischen 1959 bis 1992 Gartendirektor war: Dr. Harri Günther. Ihn durfte ich kennenlernen und er wurde mein wichtigster Gesprächspartner. Ihm haben wir auch den wundervollen Titel „Gärtner führen keine Kriege“ zu verdanken.

Wie haben die Gärtner das eigentlich verarbeitet? Schließlich war es ihr Arbeitsplatz, ihr Reich, das zerstört wurde.

Die Geschichten werden auch in der Ausstellung erzählt. Emotional berührt hat es sie alle: Harri Günther sagte: „Die Wunden sind wohl verheilt, aber es gibt Narben, diese Narben bleiben auch.“ Wer so einen Garten zu betreuen hat, ist natürlich emotional berührt, wenn er zusehen musste, wie zur Grenzzeit kunstvolle Pückler’sche Bodenmodulierungen weggebaggert wurden und alles zuwucherte. Die Gärtner durften nicht mehr in ihre Gärten – und dann wird ein Park zu einem Wald.

Gab es für die Gärtner auch Möglichkeiten sich zu wehren, Dinge zu retten?

Es gab ein paar Situationen, wo die Gärtner mit sehr viel Chuzpe und Gefühl eingegriffen hatten und bestimmte Dinge retten konnten. Etwa das Maschinenhaus im Park Babelsberg. Für den Abriss von den Grenztruppen bestimmt, konnte man es durch den Einfluss des sehr umsichtig und klug agierenden Generaldirektors Jochen Mückenberger gerettet werden.

In Ihrem Titel klingt es an – der Gärtner ist per se kein unpolitisches Wesen, lediglich daran interessiert, einen gewissen paradiesischen Zustand, ein Eden herzustellen. Haben Sie das auch in ihrer Recherche erlebt?

Das manifestiert sich wunderbar in einer Geschichte: Karl Eisbein, der Parkleiter von Babelsberg und Harri Günther haben etwas Unfassbares gemacht: Sie haben den Pücklerschen Pleasure Ground, also des Blumengarten nahe des Schloss Babelsberg, direkt am Grenzzaun wiederhergestellt. Der Blumengarten war seit 1905 überformt. Als Mitte der siebziger Jahre die Defa dort einen Film produzierte und mit schweren LKW über den Rasen fuhr, wurden plötzlich durch die tiefen Eindrücke der Autoreifen Spuren der historischen Beeteinfassungen freigelegt. Die Gärtner erkannten: Das ist der Pleasure Ground und sagten: Fantastisch, wir rekonstruieren den. Und das direkt am Grenzzaun!

Die Gärtner haben so getan, als gebe es die Grenze nicht?

Ja, Karl Eisbein hat mir gesagt: „Man muss mit der Schönheit bis ran, um zu zeigen, dass das Andere ein Anachronismus ist.“ Der Anachronismus ist nicht der Park, sondern es ist diese Grenze. Die Gärtner durften bis ran arbeiten und das haben sie gänzlich ausgenutzt.

Heute ist weder vom Kalten Krieg noch von der Teilung der Parklandschaft in Ost und West etwas zu spüren. Lediglich das Wasser teilt die Gebiete.

Die ganze Potsdam-Berliner Kulturlandschaft wurde im 19. Jahrhundert von den Gestaltern ja völlig grenzenlos angelegt. Es spielte damals um 1840 keine Rolle, was zu Berlin oder Brandenburg gehörte. Man hat diese engen Sichtbeziehungen zwischen den Parks aus reiner Lust an der Schönheit gestaltet. Darum geht es bei der Ausstellung eigentlich. Die vielen menschlichen Tragödien der Trennung sind schon oft thematisiert worden. Hier geht es um die Frage, wie sich die deutsche Teilung auf ein Kunstwerk, was heute Unesco-Weltkulturerbe ist, ausgewirkt hat. Die Annäherung an diese Ausstellung könnte nicht besser sein als vom Potsdamer Hauptbahnhof nach Sacrow mit dem Wassertaxi. Es ist einfach wunderbar, durch die gesamte Kulturlandschaft, die diese Ausstellung ja thematisiert, zu fahren. Jetzt fährt man in diese geheilte Landschaft und nimmt das im Bauch und im Herzen mit. Eine bessere Annäherung kann es nicht geben.

Das Gespräch führte Grit Weirauch

Jens Arndt, geboren 1960 in Berlin, arbeitet als Dokumentarfilmautor und -regisseur fürs Fernsehen. Er kuratierte 2011 die Ausstellung „Hinter der Mauer“ zu Klein-Glienicke.

Jens Arndt: Gärtner führen keine Kriege – Preußens Arkadien und die deutsche Teilung, L&H-Verlag, 1. Auflage, 192 Seiten, Broschur, 2016, Preis: 24,80 Euro.

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