Kultur : Gärten to go

Für unsere Sommerserie besuchen wir POTSDAMS GÄRTEN und Parks. Heute: Die Gärten von Dorothea Nerlich. Sie holte sich dafür Inspiration bei Karl Foerster – und aus Japan

Tischkunstwerke. Die Tischgärten, die Dorothea Nerlich entwickelt, heißen im Japanischen Bonkai – nicht zu verwechseln mit Bonsai.
Tischkunstwerke. Die Tischgärten, die Dorothea Nerlich entwickelt, heißen im Japanischen Bonkai – nicht zu verwechseln mit Bonsai.

Die Künstlerin Dorothea Nerlich bekundet seit einigen Jahren, dass man Gärten von einem Ort zum anderen tragen kann – und mit ihren Tischgärten zeigt sie auch, wie das geht. Tischgärten stammen ursprünglich aus Japan. Im ostasiatischen Land ist der Platz zum Gestalten für große Gartenanlagen, wie wir sie in Europa kennen, nicht gegeben. „Man suchte also nach Möglichkeiten, sich dennoch einen eigenen Garten anzulegen“, berichtet die Bornimerin. „In Japan bezeichnet man Gärten, die in einer Keramik-Schale gepflanzt werden, als Bonkai. Den Pflanzen gab man dort kleine Tonfiguren oder Brücken hinzu. Somit entstand eine idealisierte Miniatur-Gartenwelt, bei der man darauf achtete, dass in ihr der Platz für eine Teetasse nicht vorenthalten bleibt“, erzählt Dorothea Nerlich. Bonkai ist mit Bonsai, bei der Mini-Bäume zum Einsatz kommen, nicht zu vergleichen.

Der Dichter Hugo von Hofmannsthal hat einen geistreichen Essay über die Gartenkunst geschrieben. Darin findet man auch folgende Gedanken: „Es ist ganz gleich, ob ein Garten klein oder groß ist. Was die Möglichkeiten seiner Schönheit betrifft, so ist seine Ausdehnung so gleichgültig, wie es gleichgültig ist, ob ein Bild groß oder klein, ob ein Gedicht zehn oder hundert Zeilen lang ist.“

Im Garten der Eltern von Dorothea Nerlich blühten im Spätsommer vor allem Dahlien, Gladiolen und Astern. In einem Dorf bei Bad Düben war das. „Zwar waren die Blumen ein Schmuckstück, doch hatte der Garten vor allem den Anspruch, die Familie mit Obst und Gemüse zu versorgen. Das hatte in den fünfziger bis siebziger Jahren Priorität“, erzählt sie. Als sie den Künstler und Hochschullehrer Werner Nerlich heiratete und zu ihm in die Bornimer Florastraße zog, lernte die junge Plastikerin einen faszinierenden Garten- und Pflanzenkosmos kennen, der für sie größtenteils neu war und den sie verinnerlichte. Vor allem im nachbarschaftlichen Garten des Staudenzüchters und Gärtners Karl Foerster erkundete sie diese Welt.

Die langjährige Freundschaft mit Foersters Tochter Marianne, die das gartengestalterische Erbe des Vaters antrat, sorgsam pflegte und weiter entwickelte, trug dazu bei. Auch Walter Funcke, der Bornstedter Gartengestalter, der vor allem in nüchternen Bereichen der Stadt grüne Oasen schuf, gehörte dazu. Als vor acht Jahren Dorothea Nerlich das angestammte Haus in Bornim wegen Rückübertragung verlassen musste, schuf sie sich ein neues Domizil. Dazu gehört ein großzügiges und von Licht durchflutetes Atelier – ein wunderbarer Arbeits- und Ausstellungsort.

Der Kleinmachnower Gartengestalter und -denkmalpfleger Peter Herling, mit dem Dorothea Nerlich seit etlichen Jahren gartenkünstlerisch eng zusammenarbeitet, hat das grüne Areal rund um das Haus mit Stauden und Sträuchern angelegt. Im Garten öffnen sich verschiedene Räume trotz der schmalen Fläche. Die strukturierte Bepflanzung mit Stauden und Sträuchern lässt ein solches Erleben zu. Getreu dem Motto Karl Foersters „Es wird durchgeblüht“ hat der Gestalter die Pflanzpläne entwickelt. Jede Jahreszeit kommt so zu ihrer Geltung. Kann der Garten mit einer schönen, jedoch nicht ausufernden Farbfülle aufwarten, so wird man eine zwanglose Gestaltung vergeblich suchen.

Alles ist wohldurchdacht. Zurzeit sind die verschiedenen Gräser in unentwegter eleganter Bewegung. Auch die monochrome Farbgebung fällt auf. Doch sie hat nichts Statisches, sondern ist von nuancierter Schönheit. So sorgen die verschiedenen Grüntöne der Funkien gemeinsam mit dem Bodendecker Waldsteinia am „Hauptweg“ für Abwechslung. Hierbei kommt der Impuls, den Peter Herling vom Bornstedter Landschaftsgestalter Hermann Göritz empfing, zur Geltung.

Göritz gehörte wie Funcke zum Freundeskreis Karl Foersters. Der Hausgarten wird von keramischen frostsicheren Gartenplastiken – Figuren, Stelen, Vasen und Vogeltränken – wirkungsvoll belebt. Solche Arbeiten werden von Sammlern hoch geschätzt und geben so manchem Garten eine zusätzliche künstlerische Raffinesse, von dem ein besonderer Zauber ausgeht.

Auch bei der Entwicklung und Gestaltung ihrer Tischgärten arbeitet die Künstlerin mit Peter Herling zusammen. Gemeinsam haben sie dafür Preise bei der Buga 2016 in Brandenburg an der Havel und in diesem Jahr auf der Internationalen Gartenausstellung IGA in Berlin gewonnen. Die Künstlerin hat mehrere Techniken entwickelt, um der gebrannten Erde eine interessante Oberflächenstruktur zu geben. Sie arbeitet gern mit schamottehaltigem Ton, den sie selten glasiert, um die Schrundigkeit nicht zu verstecken. Mit feinem Porzellan und verschiedenfarbigen Materialien schafft sie starke Kontraste, von glatt bis stark strukturiert.

Die in Form und Farbe verschiedenen Tischgärten lassen bei Peter Herling die gestalterische Fantasie im schönsten Sinne des Wortes erblühen. Die vielfältige Welt der Pflanzen innerhalb der Jahreszeiten kann auch hierbei zur Geltung kommen. Eine dem Marmor des Gotteshauses angepasste Schöpfung in Farbe und Form stand 2011 anlässlich der Hohenzollern-Hochzeit auf dem Altar der Friedenskirche, bepflanzt mit sommerlichen Blumen. Heute steht dieser Tischgarten inmitten der anderen Arbeiten der Künstlerin, zu denen gemalte Bilder aus Acryl oder Mischtechnik gehören. Auch dafür enthält sie Anregungen aus der fantasievollen Fülle der Natur.

Die Ruhe, die Dorothea Nerlichs Bilder ausstrahlen, lädt wie die Tischgärten zum Nachdenken, zur Mediation ein. Doch manchmal wird die Stille des Hausgartens draußen plötzlich mit Kinderlachen erfüllt. Dann tollt Dorothea Nerlichs Enkelin Friederike gerade fröhlich auf dem kleinen bunten Spielplatz, der hier für sie eingerichtet wurde.

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