• Für die „Erziehung der Gefühle“

Kultur : Für die „Erziehung der Gefühle“

Zum Tode von Ilse Rodenberg, ehemalige Intendantin des Hans Otto Theaters

Claus Dobberke

Eine der großen alten Damen des deutschen Theaters ist am Donnerstag in Berlin gestorben. Ilse Rodenberg hätte so gern im November ihren Hundertsten gefeiert. Nun ist er gefallen, der letzte Vorhang, nach einem arbeits- und konfliktreichen Leben fürs Theater.

Die Liebe zum Theater entwickelte sich in Hamburg, wo sie neben ihrer Arbeitszeit mit einfachsten Dienstleistungen, vom Putzen bis zur Reinigung von Toiletten, ihre privaten Schauspielstunden finanzierte, wo sie Gustaf Gründgens begegnete und Hans Otto und mit Axel von Ambesser zeitweilig auf Tournee ging, um gemeinsam mit einer Gruppe linker Schauspieler des Hamburger Thalia-Theaters Agitation gegen den aufziehenden Faschismus zu treiben. Folgerichtig landete die junge Kommunistin nach der Machtergreifung der Nazis1933 in Gefängnis und KZ. Nach der Entlassung hatte sie Berufsverbot und hielt sich mit Schreibarbeiten über Wasser. 1948 kam sie in die Ostzone und wurde, vermutlich ihrer politischen Überzeugung und ihrer künstlerischen Ausbildung wegen, zur Intendantin berufen.

Zuerst in Ludwigslust, danach in Neustrelitz. 1950 übernahm sie in Potsdam das damalige Brandenburgische Landestheater als Dreispartenhaus und baute es mit zusätzlichen Tournee-Ensembles zur Flächenbespielung für damals theaterhungrige ländliche Gebiete aus. Die Theaterleute wollten „Kunst aufs Land“ bringen, wie eine damalige Parole hieß. 1952 bewirkte Ilse Rodenberg, dass das Potsdamer Theater den Namen des von den Nazis ermordeten kommunistischen Schauspielers Hans Otto bekam.

1954 engagierte sie Carlos Kleiber, den Sohn des berühmten Dirigenten Erich Kleiber, der gerade aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrt war, für das Orchester. Im Haus Zimmerstraße probten auch Brecht und Eisler ihren Urfaust.

Nach ihrem Weggang aus Potsdam, sie hatte den Kulturpolitiker Hans Rodenberg geheiratet, hat sie dann 17 Jahre lang mit großem Erfolg das Theater der Freundschaft in Berlin, heute Carrousel-Theater, aufgebaut und geleitet. Ilse Rodenberg sagt von sich selbst, dass sie immer „Theater in Ordnung“ bringen musste. Wenn sie dann in Ordnung gebracht waren, hat sie die „nur-noch-Verwaltungsarbeit“ nicht mehr interessiert. So war es dann auch mit dem Theater der Freundschaft. Sie verließ den Intendantenposten, um in die internationale Arbeit einzusteigen. Sie hat maßgeblichen Anteil am Aufbau von Theatern für Kinder und Jugendliche in ganz Europa. Bis heute hat sie einen legendären Ruf in der ASSITEJ, einer internationalen Vereinigung von Kinder- und Jugendtheatern. Sie war jahrelang Mitglied des Exekutivkomitees, war Vizepräsidentin und wurde in Madrid zur Präsidentin gewählt, eine Funktion, die sie über drei Legislaturen innehatte. Die internationale Anerkennung, die sie sich damit verdiente, machte sie zur Ehrenpräsidentin auf Lebenszeit.

Ilse Rodenberg war nicht unumstritten. Sie sagte von sich selbst, „dass man ein Theater nicht demokratisch leiten kann“. Das hat ihr in Potsdam und auch anderswo nicht nur Freunde eingebracht. Es bleibt die Lebensleistung, sich stets besonders für die „Erziehung der Gefühle“ von Kindern und Jugendlichen eingesetzt zu haben. Claus Dobberke

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