• Friedenskirche Sanssouci: Glaube und Zweifel in der Potsdamer Winteroper

Friedenskirche Sanssouci : Glaube und Zweifel in der Potsdamer Winteroper

Die Potsdamer Winteroper wartet 2019 mit zwei Werken auf: mit „Lazarus“ von Franz Schubert und „Lonely Child“ von Claude Vivier.

Die Doppelrolle in „Lonely Child“ von dem Komponisten Claude Vivier aus dem Jahr 1980 wird von Johanna Winkel gestaltet. 
Die Doppelrolle in „Lonely Child“ von dem Komponisten Claude Vivier aus dem Jahr 1980 wird von Johanna Winkel gestaltet. Foto: promo/Stefan Gloede

Potsdam - Stehe auf von deinem Totenbett, Lazarus, und singe. Franz Schubert lässt dies jedoch nicht zu, denn er hat das 1820 entstandene „religiöse Drama in drei Handlungen“ „Lazarus“ oder „Die Feier der Auferstehung“ als Fragment hinterlassen. Mitten im zweiten Akt, bevor das Wunder der Wiedererweckung des Lazarus geschehen soll, bricht Schubert mit der Komposition ab. Die Feier findet nicht statt. Das letzte vertonte Wort lautet beziehungsreich „und“.

Dass es Anlass gibt zu Spekulationen, liegt auf der Hand. Diese werden noch genährt durch den Umstand, dass Schubert bereits zuvor in Mess-Kompositionen mied, was inhaltlich auf dieses „und“ folgen müsste: „Et expecto resurrectionem mortuorum“ (Und ich erwarte die Auferstehung der Toten). Vielleicht also waren Schubert während der Arbeit am Lazarus ganz grundsätzliche Zweifel an diesem so zentralen Punkt christlichen Glaubens gekommen? Das wird sich nicht mehr klären lassen. Und es widerspricht der sanften Gewissheit, die dieses so seltsam faszinierende Werk durchzieht.

Am 22. November wird Schubert in der Nikolaikirche gespielt

Auf Spekulationen wollen sich Dirigent Trevor Pinnock und Regisseur Frederic Wake-Walkers nicht einlassen. Während eines Pressegesprächs, an dem auch Kammerakademie-Geschäftsführer Alexander Hollensteiner und Dramaturgin Carola Gerbert vom kooperierenden Hans Otto Theater teilnahmen, haben sie dazu Position bezogen. Ihre musikalische und szenische Realisierung des Schubert-Fragments wird ab dem 22. November in der Friedenskirche Sanssouci im Rahmen der seit 2005 veranstalteten Potsdamer Winteroper zu Gehör gebracht. Ursprünglich wollte man in diesem Jahr wieder im sanierten und restaurierten Schlosstheater im Neuen Palais den Leuchtturm des Potsdamer Musiklebens zum Glänzen bringen. Der Sanierungsbedarf in Friedrichs II. ehemaliger Theaterstätte hat sich jedoch erhöht. Nun wird die Friedenskirche zum siebenten Mal Aufführungsort der Winteroper. Von Anfang an war klar, dass sich die Opernprojekte im sakralen Raum geistlichen Themen widmen sollen „Davon gibt es eine große Auswahl, die vor allem im Alten Testament angesiedelt ist. In ihm findet man dramatisch-aufgewühlte und bewegende Geschichten, markant-farbige Figuren“, sagte Dramaturgin Carola Gerbert. Komponisten aller Epochen hätten sich ihnen zugewandt. Doch in diesem Jahr habe das Neue Testament das Sagen: „Im Johannes-Evangelium findet man die Geschichte von Lazarus, wo sie der Passion Christi vorausgeht.“ Franz Schubert bekam das Libretto des Hallenser Pfarrers und Pädagogen August Hermann Niemeyer aus dem Jahr 1778 in die Hand und begann mit der Komposition.

Viviers weitergedacht

Der Librettist erzählt von dem totkranken Lazarus und seinen Schwestern Martha und Maria. Die Drei sind glühende Verehrer von Jesus. Die Schwestern hoffen, dass der Messias ihren Bruder wieder ins irdische Leben zurückholt. Im elften Kapitel des Johannes-Evangeliums ist das Wunder der Wiederweckung des Lazarus nachzulesen.

Pinnock und Wake-Walkers nutzen den Umstand, dass die überlieferte Partitur mitten in der Grablegung des Verstorbenen abrupt abbricht, die Wundergeschichte von der Auferweckung des Lazarus also ausgespart bleibt. Mit der Solokantate für Sopran und Orchester „Lonely Child“ (Das einsame Kind) des kanadischen Komponisten Claude Vivier, der 1983 mit 34 Jahren in seiner Pariser Wohnung ermordet wurde, wird das Lazarus-Fragment – in der Inszenierung nur durch einen Gongschlag von Viviers Stück getrennt –, weitergedacht.

Die Frage nach dem Danach

Verstörend und zugleich hoffnungsvoll könnte somit der Theaterabend werden, der um die Themen Tod und Erlösung, um die große Frage nach dem Danach, um Glaube und Zweifel kreist. „Es kann jedoch keine konkreten Antworten auf Fragen geben, die sich aus beiden Stücken ergeben, die uns beschäftige“, sagt Regisseur Wake-Walker. Als besonderen Ort der Inspiration bezeichnet er die Friedenskirche. Es sei am Publikum, eine Antwort zu finden, so Wake-Walker. Spannend wird es allemal sein, verschiedene Werke und Klangwelten von zwei Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts zu erleben, denen der Tod bereits in jungen Jahren auf den Fersen lag.

Für das Winteropernprojekt haben die Verantwortlichen wieder ein internationales Solistenensemble verpflichten können, das gemeinsam mit der Kammerakademie und dem Vocalkreis Potsdam unter der Leitung von Johannes Lang auf alle Fälle für ein lebendiges Musizieren gemeinsam mit Maestro Pinnock sorgen wird.

Potsdamer Winteroper mit „Lazarus“ und „Lonely Child“ in der Friedenskirche Sanssouci am 22., 23., 26., 27., 29. und 30. November, jeweils 19 Uhr.