• Freie Theaterszene in Potsdam: Atemberaubend schmerzhaft

Freie Theaterszene in Potsdam : Atemberaubend schmerzhaft

Flunker Produktionen und das Theater des Lachens begeistern am ersten Wochenende Freier Theater im Potsdamer T-Werk.

Astrid Priebs-Tröger
Milljöh. „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von Flunker Produktionen.
Milljöh. „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von Flunker Produktionen.Foto: H. Diedrich

Potsdam - Vollständige Inszenierungen statt Häppchenkultur – so war es nach der 13. Langen Nacht der Freien Theater im vergangenen Jahr beschlossen worden. Aus Cottbus, Wahlsdorf, Frankfurt (Oder) und Glindow reisten die Theatergruppen diesmal an, um sich zum ersten Langen Wochenende der Freien Theater, der erstmals mehrtägigen Leistungsshow der Brandenburger freien Szene, am Wochenende im T-Werk zu präsentierten.

Und es gab mehr als nur Potsdamer Gruppen zu entdecken. Eingehalten wurde das Versprechen, verstärkt Inszenierungen für die ganze Familie ins Programm zu nehmen. So wurden die amüsante Katz-und-Maus-Geschichte „Zumpelchen“ vom Piccolo-Theater Cottbus und die Tanztheaterinszenierung „Das kleine Licht bin ich“ vom T-Werk gezeigt. Und trotz Badewetters waren die vier Vorstellungen bestens besucht.

Das theatralische Highlight war hingegen die sozialkritische, groteske und tieftraurige Inszenierung „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von Flunker Produktionen aus Wahlsdorf im Niederen Fläming: Mit einer Unmenge an Puppen, Masken, Requisiten und zahlreiche Dialogtexten auf Pappschildern in Szene gesetzt, stummes Puppen- und Objekttheater – und das zweieinhalb Stunden lang!

Archetypische Puppen

Die blitzschnelle Bilder-, Dialog-, Musik- und Geräuscheflut produzieren Claudia Engel, Matthias Ludwig und der Pianist Michael Hiemke schweißtreibend und live in sieben Szenen. In Berliner Slang wird hier erzählt, was bittere Armut und Perspektivlosigkeit mit und aus Menschen macht. Eindringlich schon die sieben Hauptfiguren: archetypische Puppen. Da ist die vollbusige Prostituierte, der durchtriebene Bursche, deren gemeinsames blasses Kind, die vom Leben gebeutelte großherzige Mutter Krause, deren schwindsüchtiges Töchterlein, ihr orientierungsloser, versoffener Bruder und der Proletarier Max, der das Leben mit breiter Brust und Zuversicht nimmt.

Engel und Ludwig bewegen die Figuren an knubbeligen Holzgriffen und sobald deren Auftritt vorbei ist, werden sie per Magnet entweder auf das mobile Metallgestell, das als Handlungsraum dient, sozusagen als „Beobachter“ angeheftet – oder landen wieder auf dem Puppenständer neben der Bühne. Auf unzähligen Pappschilder stehen die Dialoge wie Untertitel. Schon wie rasant und doch koordiniert Engel und Ludwig diese im Geschehen noch neben den Puppen bewegen, verdiente Bewunderung. Und noch mehr ihre ungeheure Liebe zum Detail und die Kunst, trotz des enormen Tempos Szenen mit berührender Kraft zu gestalten. Wie die, als das blasse Kind auf der improvisierten Schaukel sitzt und man als Zuschauer schon ahnt, dass sich der Strick alsbald um seinen kleinen Hals legen wird.

Solch atemberaubend schmerzhafte Bilder finden sich vor allem im zweiten Teil des Abends, in dem kleine Figuren, die von einem Fahnenträger angeführt werden, auf ein altertümliches elektrisches, endlos umlaufendes Laufband gesetzt werden. Der Pianist intoniert dazu die „Internationale“. Wie lakonisch da eine Menschheitsutopie ad absurdum geführt wird – unglaublich schmerzlich und komisch zugleich. Vom Potsdamer Publikum gab es für die zupackende, mutige, pointierten Inszenierung minutenlang Beifall. Eine wirkliche Entdeckung.

Positive Bilanz

Danach spielte die junge Potsdamer Band Footprint-Projekt ihre einprägsame Mixtur aus Ska, Funk, Breakbeats und Jazz und über 200 Fans tanzten bis tief in die Nacht. Am Samstagabend standen gleich zwei Inszenierungen auf dem Programm. „In the blink of an eye“ von Ton und Kirschen war nun in Potsdam das erste Mal unter freiem Himmel zu sehen. Bevor die Glindower Truppe ihre kontrastreiche Jubiläumsinszenierung im nächtlichen Schirrhof zeigte, war im T-Werk noch das Frankfurter Theater des Lachens zu Gast. Bereits fünf Jahre alt ist ihre originelle Version des „Don Quijote“-Stoffes, zu der die Streicher des Con Mot(t)o-Quartetts live die „Don Quichotte Suite“ des Barockkomponisten Georg Philip Telemann spielten. „Don Quijote – Ein Traumspiel nach Telemann“ erzählt dabei keine zusammenhängende Geschichte, sondern von Telemann vertonte Episoden aus dem Roman des spanischen Schriftstellers Cervantes. Die Idee, die Musik szenisch umzusetzen, hatten die Musiker, die Mitglieder des Brandenburgisches Staatsorchesters sind.

Irene Winter, Björn Langhans und Arkadius Porada animierten die herrliche Don-Quijote-Puppe. Sie bestand aus zwei eigenständigen Teilen: aus dem kurzen Oberkörper des hageren Alten und den unendlich langen Beinen mit Stiefeln, die auch einem anderen gehören könnten. Dieser Alte mit dem wirren weißen Haar und den kindlich staunenden Augen – so zeigte es das Theater des Lachens – lebt in seiner eigenen Traumwelt, die ihn Nacht für Nacht lebendig hält. Klasse, wie mit einfachsten Requisiten und wehenden transparenten Vorhängen eine bezaubernde, zum Teil an Dalí-Gemälde erinnernde Ästhetik entsteht. Schön auch, dass diese zum Teil dreisprachig – Spanisch, Deutsch und Polnisch – daherkommt. Auch die Frankfurter erhielten Bravorufe und langen Applaus.

T-Werk-Leiter Jens-Uwe Sprengel zog eine sehr positive Bilanz des ersten Langen Wochenendes und ist gespannt auf künftige Inszenierungen aus dem Land Brandenburg. Die sollen dann jeweils im Wechsel – einmal als Lange Nacht, einmal als kleines Wochenendfestival – präsentiert werden.