• Fotos über Sowjetarmee in Potsdam: Abzüge vom Abzug

Fotos über Sowjetarmee in Potsdam : Abzüge vom Abzug

Der Fotograf Joachim Liebe hat das Verschwinden der Sowjetarmee aus Potsdam jahrelang begleitet. Und versuchte, die letzten Spuren der Armee festzuhalten. Jetzt sind die Bilder zu sehen.

Ariane Lemme
Abgesang auf den roten Stern. Wo einst die roten Kasernen standen – in Krampnitz nämlich –, werden heute neue Häuser für neue Potsdamer gebaut.
Abgesang auf den roten Stern. Wo einst die roten Kasernen standen – in Krampnitz nämlich –, werden heute neue Häuser für neue...Foto: Joachim Liebe

Potsdam - Sie wirken ein wenig befremdlich, diese Bilder russischer Soldaten – manche ikonografisch in Heldenpose, andere müde, ratlos. Sie wirken befremdlich, wie sie da so im Kunstraum des Waschhauses hängen, weil gerade jetzt ein Krieg in der Ostukraine tobt. Hier aber, auf den Fotos von Joachim Liebe, sind sie keine Aggressoren, keine Eroberer, sondern Abziehende. In der DDR, waren sie – und das ist Liebe wichtig – Befreier, die Armee eines Landes, das, so sagt er, „im Zweiten Weltkrieg die meisten Kriegsopfer zu beklagen hatte“. Von 1990 an hat Liebe den Abzug der Sowjetarmee aus Potsdam und ganz Brandenburg mit seiner Kamera begleitet. Das Thema hat ihn nicht mehr losgelassen, seit er beim ersten Tag der Offenen Tür einen ersten Blick hinter die bis dahin stets verschlossenen Mauern der Kaserne in Krampnitz werfen konnte. Von da an wollte er mehr erfahren über die Soldaten, die er zu DDR-Zeiten nur selten zu Gesicht bekommen hatte, weil sie abgeschirmt wurden. „Nur die Offiziersfrauen, die sah man manchmal beim Einkaufen“, sagt er, als er am Mittwoch durch die Ausstellung mit dem Titel „Vergessen“ führt.

Schaulustige aus West-Berlin

Dann, beim Tag der Offenen Tür, waren sie fast eine Art exotische Attraktion. Liebe nennt es nicht so, seine Fotos aber verraten es. Die Füße auf einem Querbalken abgestützt, die Gesichter im Matsch, macht da eine Riege von Soldaten Liegestütz, im Hintergrund sieht man ein Grüppchen Schaulustiger – „die meisten kamen damals aus Westberlin“ –, die fast belustigt bei dieser Leistungsschau zusehen. „Viele brachten auch Geschenke mit, Kaffee etwa“, sagt Liebe, ein anderes Foto belegt es. Mit dem Spaten in der einen und einer großen Einkaufstüte in der anderen Hand hat er einen jungen Soldaten porträtiert. Sein Blick ist skeptisch – und vor allem unendlich verloren.

Über diese leichte Desorientierung kann auch die Uniform nicht hinwegtäuschen, nicht einmal beim Leiter der Wühnsdorfer Gardetruppe, den Liebe fast zärtlich „meine Ikone“ nennt. Leicht von unten aufgenommen ist das Bild, der Mann blickt streng, ein bisschen heroisch – aber sein Gesicht ist zart und jungenhaft. Ein anderer sitzt auf einem schiefen Stuhl, die Mütze auf einem Tisch neben sich abgelegt, das Gesicht tief zwischen die Knie gesunken – und man ist sich nicht sicher, ob er weint, oder einfach sehr betrunken ist.

Auf einem Foto ist nahezu alles schon vorbei: Nur ein Haufen Schutt und alte Möbel brennen lichterloh vor einer kahlen Hauswand, der Soldat auf diesem Bild hat der Geschichte schon den Rücken gekehrt, mit zwei winzigen Koffern in der Hand verschwindet er im rechten hinteren Bildteil.

Jüngere Bilder schmutzig-bunt

Das ist das letzte Foto, bevor es in den zweiten Teil der Ausstellung geht. Denn Jahre nach dem Abzug hat sich Joachim Liebe noch einmal auf die Suche gemacht, diesmal nach dem, was an Spuren noch übrig war. Anders als die Aufnahmen aus den frühen 90er-Jahren – allesamt im immer so gewichtig wirkenden Schwarz-Weiß – sind diese jüngeren Bilder bunt. Nicht nur farbfilm-bunt, sondern aus tiefster Seele von einer bunten, schmutzigen Fröhlichkeit. Das bricht natürlich das melancholische Moment, das solche Aufnahmen von Brachen, vom Zurückgelassenen, Zuwuchernden immer haben.

Aber die rosa Kacheln in einem völlig verfallenen Duschraum, darüber Wandmalereien von Tauchern und Delfinen, lassen einen fast vergessen, dass hier etwas unwiederbringlich verloren ist. Eine eigene Welt, die sich so viele Jahre abgeschottet hatte und die sich erst öffnete, als ihr Verschwinden schon besiegelt war. In Krampnitz entstehen heute neue Wohnungen, an den letzten roten Stern, eingefangen zwischen zwei Betonmauern, wuchern unten schon kniehoch Farne und Unkraut heran.

Intime Annäherung an verstorbene Militärs

„Der rote Stern stirbt leise“ hieß auch ein erstes Buch, das der 1955 in Potsdam geborene Liebe 1995 herausgab, in diesem Jahr folgte „Vergessene Sieger. Jahre danach“. Zwischen diesen beiden Projekten lag noch ein drittes: Liebes Spurensuche auf dem sowjetischen Friedhof in Potsdam. Weil dort nicht nur Lebensdaten und militärische Ränge vermerkt, sondern auch Porträts der Verstorbenen angebracht sind, ist diese Reihe noch einmal eine sehr intime Annäherung. Obwohl in Glas oder Emaille gebannt, haben Regen, Kälte und Pflanzenablagerungen diese Fotos nach ihrem Willen gestaltet, manche wirken inzwischen wie gemalt.

Liebes Fotos sind aber nur das Eine: Die Ausstellung, die übrigens ein Kooperationsprojekt ist zwischen Kunstraum und dem Förderverein des Potsdam Museums, wird ergänzt durch Dokumentarfilme wie „Rodina heißt Heimat“ oder „Rückkehr der verbotenen Stadt“, der 1995 während der Übergabe des „Militärstädtchens Nr. 7“ entstand, aber auch Spielfilme wie Detlev Bucks „Wir können auch anders“. Die Reihe läuft bis Ende April im Filmmuseum.

Die Ausstellung „Vergessen“ mit Fotos von Joachim Liebe eröffnet am Samstag, dem 11. April, im Kunstraum des Waschhauses, Schiffbauergasse, und ist dort bis zum 17. Mai zu sehen.

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