Kultur : Flügge geworden

In den vergangenen fünf Jahren ist das Ensemble des Hans Otto Theaters ihre zweite Familie geworden. Jetzt verlässt Elzemarieke de Vos das Haus, um frei zu arbeiten

Ariane Lemme
Mädchen oder Machtfrau. Elzemarieke de Vos hält sich selbst eher für schüchtern, ihre Kollegen trauen ihr jedoch einiges zu.
Mädchen oder Machtfrau. Elzemarieke de Vos hält sich selbst eher für schüchtern, ihre Kollegen trauen ihr jedoch einiges zu.Foto: H.L. Boehme/HOT

Die Parkautomaten machen ihr Angst: In Friedrichshain, sagt Elzemarieke de Vos, haben sie jetzt welche aufgestellt – da kann es nicht mehr lange dauern, bis diese Vorboten der Verdrängung auch in ihrem Kreuzberger Viertel auftauchen – ihrem Zuhause. Hier will sie erst mal nicht weg. Sonst aber ändert sich gerade viel im Leben der Schauspielerin, deren berufliche Heimat in den vergangenen fünf Jahren die Bühne des Hans Otto Theaters war.

Mit dieser Spielzeit aber hat Elzemarieke de Vos das Hans Otto Theater als festes Ensemblemitglied verlassen. In einigen Inszenierungen aus den vergangenen Spielzeiten wird sie noch zu sehen sein, als Dunjascha etwa in John von Düffels Adaption von Anton Tschechows „Kirschgarten“, die am Freitag wieder aufgenommen wird. Eigentlich aber wird sie ab sofort frei arbeiten, nach neuen Engagements Ausschau halten – an Theatern, aber auch beim Film.

Wie sie so davon erzählt, beim Tee hier in ihrem gemütlichen Kiez am Görlitzer Park, hört man dieselbe freudige Spannung, gemischt mit Wehmut und Traurigkeit heraus, die Heranwachsende in sich tragen, die von Zuhause ausziehen. Dabei war das Hans Otto Theater gar nicht ihre erste schauspielerische Heimat: Drei Jahre war sie vorher Mitglied im Ensemble der Schaubühne. „Schon als ich dort gekündigt habe, wollte ich eigentlich frei arbeiten – aber dann kam das Angebot aus Potsdam und natürlich wollte ich das dann auch unbedingt machen“, sagt sie. Und aus dem anfangs geplanten einem Jahr wurden fünf, die Kollegen wuchsen ihr ans Herz und wurden ihr so zur zweiten Familie.

„Wenn ich es jetzt nicht mache, dann komme ich gar nicht mehr weg“, sagt Elzemarieke de Vos. Im Sommer ist sie 31 Jahre alt geworden, noch hat sie keine Kinder, „noch kommt man mit weniger Geld klar“. Später überlegt man es sich vielleicht dreimal, ob man nicht doch lieber im sicheren Schoß eines Hauses bleibt. „Wahrscheinlich lande ich sowieso irgendwann wieder bei einem Theater“, sagt sie und lacht. Jetzt aber will sie herausfinden, ob sie das kann: Auf dem freien Markt bestehen, auf Angebote warten, ruhig bleiben, wenn mal eine Zeit lang nichts kommt.

Natürlich ist da auch ein wenig die Angst, etwas zu verpassen. Immer wieder, sagt sie, habe sie Angebote ausschlagen müssen, weil neben dem sportlichen Produktionsplan am Hans Otto Theater keine Zeit blieb für andere Engagements. Als sie eine Nebenrolle in der letzten Staffel der Sat1-Anwaltsserie „Danni Lowinski“ ablehnen musste, war das der Auslöser für ihre Entscheidung.

Was sie vor der Kamera kann, durfte zuletzt den Zuschauern des Kölner Tatorts „Der Fall Reinhardt“ aufgefallen sein. Als Frau des Hauptverdächtigen spielte sie darin nur eine Nebenrolle – aber wie! Elzemarieke de Vos hat ein junges Gesicht, eines, das wegen ihrer großen Augen sogar kindlich wirken kann. Doch dann hebt sie eine Augenbraue – und man blickt in einen Abgrund, in das Wissen um all den Schmerz der Welt. Dann wirkt sie plötzlich weder alt noch jung, sondern wie jemand, der über solchen Kategorien schwebt. Und dann ist da noch ihr Witz, der ohne jeden Zynismus, ohne diesen postmodernen Ironie-Panzer ist, hinter dem sich die echten, die privaten Gefühle so schön verwischen lassen. Man kann es auch sagen wie ihre Kollegin Melanie Straub: „Ich kenne keine Frau, die so sexy und lustig auf der Bühne ist und gleichzeitig so traurig und tiefgründig.

Bei Elzemarieke de Vos klingt es ein bisschen bescheidener. „Ich wundere mich selbst oft, dass ich so unterschiedlich besetzt werde, zum Beispiel habe ich am HOT ja in ,Romeo und Julia’ die Mutter Capulet gespielt – wie absurd!“ Ihre Tochter, gespielt von Juliane Götz, ist im wahren Leben nur wenige Jahre jünger als sie und ihr erster Gedanke war: „Hilfe, geht das jetzt schon los?“ Doch Regisseur Bruno Cathomas fand einen Weg und machte sie zu einer Frau, die viel zu früh ein Kind bekommen hat und damit gar nicht klarkommt. „Im Nachhinein war das eine der coolsten Rollen, die ich gespielt habe.“ Überhaupt, sagt sie, habe sie sich in Potsdam austoben können, Komisches und Ernstes spielen können. Nur keine griechischen Tragödien. Leider, sagt sie. „Ich würde so gern mal so ne Antike spielen, so ne Penthesilea – eine, die auch mal den Männern den Kopf abhackt.“ Für solche Rollen, findet sie, gebe es im Ensemble des HOT aber schon genügend starke Frauen.

Ein bisschen Stärke schadet ja auch in der Geschäftswelt nicht. „An manchen Tagen hat man diese Stärke, an anderen nicht“, sagt sie. Dieser Druck, das Gefühl, immer alles richtig machen zu wollen, „der bewirkt doch oft nur, dass man doppelt und dreifach zurückgeschlagen wird.“ Sprich: wer ehrlich ist, wird ausgenutzt. Dabei kann sie auch die miese Geschäftsfrau geben, wie sie in „Die Opferung von Gorge Mastromas“ gezeigt hat. „Da war ich selbst überrascht, wie leicht mir das gefallen ist.“ Im Nachhinein habe ihr das geholfen, in Verhandlungen etwas härter zu sein: „Das kann ich mitnehmen auf den Weg ins freischaffende Leben.“  

Eigentlich falle es ihr schwer, die Dinge mal nicht so an sich ranzulassen. „Mich geht alles was an, ich kann nicht an einem Menschen vorbeifahren, der weint.“ Aber wie so oft ist das eine Stärke und Schwäche zugleich. Was sie selbst vielleicht manchmal quält, macht sie auch aufmerksam, aufnahmefähig. „Mich interessieren Menschen einfach, wie sie aussehen, wie sie gucken, was sie denken.“ Und weil sie ständig beobachtet, fallen ihr dann eben auch die entscheidenden Details auf, die Dinge, die den Unterschied machen.

Wer einen Betrunkenen glaubhaft spielt, hat das Handwerk tatsächlich drauf, heißt es. Und gleich zu Beginn des „Kirschgarten“ torkelt Elzemarieke de Vos als hinreißend angeschickerte Kirschkönigin auf Bühne. „Das hab ich mir alles in der Berliner U-Bahn abgeguckt, das ist ein Fest, sich diese Partyleute anzusehen.“

Ein anderer Weg, in ihre Rollen zu finden, sind Bilder, Fotos, ganze Bücher voll hat sie schon gesammelt. Keine Berühmtheiten, sondern eher Frauen, die einen speziellen Stil verkörpern, einen Typ. Die eine spezielle Geste oder einen Gesichtsausdruck haben, der sie inspiriert. Hat sie eines gefunden, das ihr das richtige Gefühl für ihre aktuelle Rolle vermittelt, klebt sie es auf ihr Textheft. Für „Wellen“ nach Eduard von Keyserling, waren das zwei Polaroidaufnahmen vom Ostseestrand aus den 70er-Jahren von einem nackten Mädchen in der Brandung.

Dann aber, nach all der Vorbereitung, zieht Elzemarieke de Vos nie einfach ihr Ding durch. „Die ist auf der Bühne einfach unglaublich präsent, probiert Dinge aus, ganz uneitel“, sagt Holger Bülow. In der Kameliendame stand er zum ersten Mal mit ihr auf der Bühne. „Das funktioniert so gut, weil Elze ein schräger Vogel ist“, sagt Bülow – und das ist definitiv als Lob gemeint. Aber wie das mit Vögeln eben so ist – irgendwann werden sie flügge und flattern aus dem Nest.

Elzemarieke de Vos ist am Freitag, dem 3. Oktober, wieder im „Kirschgarten – Die Rückkehr“ am Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse zu sehen. Beginn ist um 19.30 Uhr.