Kultur : Fluchen, Feiern, Grölen

Schlagerrevue „Männer“ auf dem Theaterschiff

Astrid Priebs-Tröger

Fußballfieber allenthalben. Auch auf dem Oberdeck des Theaterschiffs in der Alten Fahrt ist ein vogelscheuchenartiges Gebilde mit Fußballkopf zu sehen. Es hat überdimensional lange rote Arme und Beine und in der linken Hand ein Schild. Auf dem „Männer“ steht. Am Samstagabend hatte Franz Wittenbrinks gleichnamige Schlagerrevue, die seit Jahren an den Theatern landauf und landab gespielt wird, in einer Inszenierung der Stadt-Spiel-Truppe Premiere.

Pünktlich zur WM hat der Autor sein Erfolgsstück von 1997 überarbeitet und lässt es seit neuestem in einer Stadionkurve spielen. Auch im Bauch des Theaterschiffs ist die Bühne durch einen Zaun vom Zuschauerraum getrennt. Doch schnell wird klar, dass hier das Ganze im Knast spielt. Genauer gesagt, im Aufenthaltsraum eines Männergefängnisses mit Riesenglotze und fünf Typen – von hart bis zart – davor, die auserwählt sind, ein Fußballspiel zu sehen. Und dann geht genau das los, was Frauen seit Tagen im Stadion, vor Großbildleinwänden oder vor dem heimischen Fernseher zu sehen bekommen: Fluchen, Feiern, Grölen. Archaisch, triebhaft, männlich?

Frau kann sich angewidert abwenden, weise drüber lächeln oder sich einfach anstecken lassen. Aber meistens kann sie spüren: Sie ist draußen. So auch hier. Denn die Männer sind hinter Gittern und „Sie“, Julia Struwe als durchaus machtbewusste Schließerin, hat die Schlüssel. Und weil der Fernseher ganz schnell seinen Geist aufgibt und eine Reparatur unmöglich ist, beginnen die Kerle – wir sind schließlich in einer musikalischen Revue – zu singen, zu spielen und zu tanzen. Und ihr ganzer persönlicher Schlamassel kommt nach und nach hoch: An allem sind die Frauen schuld. Immer. Denn das Ewigweibliche in jeder erdenklichen Form zieht: Entweder hinauf oder hinab.

Das wird in 75 kurzweiligen Minuten in der Regie von Constanze Jungnickel mit Songs von Grönemeyer, Kunze bis hin zu den Puhdys und van Veen erzählt. Aber auch die gelungene Persiflage der Kleinen Nachtmusik (Musikalische Leitung und Klavierbegleitung: Christian Kozik), des Beckenbauer-Liedes „Gute Freunde“ und des „Pata Pata“ von Miriam Makeba zeugten vom Einfallsreichtum und Spielwitz des Ensembles.

Die Inhaftierten – Albrecht Bechmann, Sebastian Günther Birr, Mathias Iffert, Norman Jahnke und Tobias Paul – hatten jeder ihren großen Auftritt und als Boygroup waren sie „unschlagbar“, ob als heulende Schlosshunde oder bei ihren grölenden Stadiongesängen. Sie könnten sich aber in den nächsten Spielen noch ein bisschen frei spielen. Und was sind sie nun wirklich, diese „Männer“? Supermachos oder bedauernswerte Wesen? Wohl von jedem ein bisschen und doch ganz anders. Vor allem, wenn frau sich den Einzelnen genauer anguckt. Die überwiegend weiblichen Premierenbesucherinnen waren amüsiert und spendeten herzlichen Applaus. Als Zugabe mit abschließendem Glockengeläut wurden Francois Villons „Galgenbrüder“ zelebriert. Echte Männer eben. Astrid Priebs-Tröger

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