• Filmfestival "Sehsüchte": Die Lust am Handwerk

Filmfestival "Sehsüchte" : Die Lust am Handwerk

Trash-Streifen von Studenten? Mitnichten. Um den Filmnachwuchs braucht man sich trotz allgegenwärtig-digitaler Bilderflut keine Sorgen zu machen.

Im Schnelldurchlauf. In fünf Minuten durchstreift der Brite Stephen McNally in dem Animationsfilm „Meanwhile“ ein ganzes Leben.
Im Schnelldurchlauf. In fünf Minuten durchstreift der Brite Stephen McNally in dem Animationsfilm „Meanwhile“ ein ganzes Leben.Foto: Sehsüchte

Vor 44 Jahren wurden die Digitaluhr und der Textmarker erfunden – und das Studentenfilmfestival der Potsdamer Filmhochschule. In 44 Jahren hat sich die Welt stark verändert: Digitaluhren sind out, heute trägt man Smartwatch und Textstellen werden mit der Maus markiert. Bewegte Bilder sind mittlerweile im mobilen Internet überall zugänglich und von jedem schnell und unkompliziert zu erstellen. Ist das Zeitalter der Filmemacher also vorbei? Offensichtlich nicht. Denn während bei der Eröffnung des diesjährigen Studentenfilmfestivals „Sehsüchte“ im Foyer der Filmuni Babelsberg bereits vegetarische Häppchen bei Dinner-Jazz geknabbert wurden, drängten sich unzählige junge Filmemacher in einem stickigen kleinen Kino der Hochschule – um die Eröffnungsfilme zu sehen.

Die Lust am Handwerk des Filmemachens scheint also ungebrochen. Der Wert professioneller Filmausbildung sei heutzutage gerade angesichts der Flut von digitalen Amateurbildern höher denn je, sagte die Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg, Susanne Stürmer. „Heute ist eine großartige Zeit, um Filme zu machen“, rief sie dem Nachwuchs zu, der bis Sonntag noch um die 16 Preise des Festivals wetteifert. Stürmer erinnerte zur Eröffnung daran, dass die Zeit an der Hochschule ein Luxus sei, in dem man sich ausprobieren, das Handwerk lernen und austesten könne. „Die kreativen Freiräume dazu bieten wir“, sagte sie. Gleichzeitig werde aber auch vermittelt, wie man sich am Markt behaupten kann.

Das kann der Studentenfilm seit vielen Jahren schon. Die Zeiten wilder, grob zusammengeschnittener Trash-Streifen aus Studentenhand scheinen vorbei zu sein, vieles, was in Babelsberg heute zu sehen ist, kommt professionell daher, hat thematisch Hand und Fuß und bewegt die Gemüter wie großes Kino. Was es bislang zu sehen gab? Zum Beispiel den polnischen Film „Larp“ von Kordian Kadziela (noch mal Freitag 21.30 Uhr, Kino 1, Filmuni), der sich über die Genres hinwegsetzt, irgendwo zwischen Fantasy-Film, Coming-of-Age-Thema und Tragikomödie. Was dem jungen Sergiusz in der irrealen Welt der Rollenspiele locker gelingt – jemanden, der eine Frau belästigt in seine Grenzen zu weisen –, geht in der echten Welt im Dönerladen reichlich schief. Aber am Ende weiß man nicht, ob seine Blessuren doch nur Kunstblut sind, wie er seiner Mutter sagt.

Familie ist im Studentenfilm traditionell ein starkes Thema. Junge Menschen arbeiten erst einmal ihre Kindheit und Jugend auf und reflektieren damit die Familie als Ganzes. So auch in dem hübschen Animationsfilm „Meanwhile“, in dem der Brite Stephen McNally in fünf Minuten ein ganzes Leben durchstreift, er bebildert die Gedanken, Erinnerungen, Enttäuschungen und das Bedauern, das man irgendwann mit sich herumträgt. Das geht gut im Animationsfilm, die Trickbilder schaffen eine große Distanz zu den Figuren, so ist man schnell bei sich selbst (Samstag, 20 Uhr, Kino 2, Filmuni). Wie man als junger Mensch dann auf den eigenen Beinen zum Stehen kommen kann, war in dem Anti-Schwarzwald-Film „Bube Stur“ zu sehen, einer Koproduktion der Potsdamer Filmuni mit der Berliner dffb, die bereits auf der Berlinale lief.

Politisch wird es am Samstag in den Filmen „Cairo 52“ des Schweizers Dominique Birrer, der an die Verhaftung von Homosexuellen 2001 in Kairo erinnert (Samstag, 16 Uhr, Kino 1, Filmuni) und in dem deutschen Film „Insel 36“ von Asli Özarslan, der die Besetzung des Berliner Oranienplatzes von 2012 bis 2014 thematisiert (Samstag, 16 Uhr, Kino 1, Filmuni).

Gesehen haben sollte man unbedingt auch den deutschen Dokumentarfilm „Nadeshda“ von Anna Frances Ewert und Falk Müller, der sich um die Kinder in Bulgariens größtem Roma-Ghetto dreht. Angekündigt wird der Film als warmherzig und lebendig, mit wunderschönen Bildern aus einer trostlosen Welt (Samstag, 18.30 Uhr, Rotor-Kino). Und nicht zu vergessen der Film „Totes Land“ von Benjamin Pfohl (Sonntag, 12.30 Uhr , Kino1, Filmuni): Er zeigt die Not von Menschen, die wegen des Braunkohletagebaus im Rheinland ihre Heimat verlassen müssen – auch in Brandenburg schon seit Jahren ein heißes Thema.

Sorgen, dass dem Filmnachwuchs die Luft ausgehen könnte, sind also völlig unberechtigt. Zumal sich die nächste Generation schon warmläuft: Für die Kinder- und Jugendfilm-Blöcke haben erstmals eben Kinder und Jugendliche in den Jurys gesessen – und das „Sehsüchte“-Team mit ihren ausgiebigen Diskussionen zu den Filmen überrascht.

Das Programm im Internet:

2015.sehsuechte.de