Kultur : Faszinierende Schatten

Crystal Pite ließ dunkle Materie tanzen

Astrid Priebs-Tröger

Die 20. Tanztage brannten in diesem Jahr ein Feuerwerk nach dem anderen ab. Und wenn man alle bewerten müsste, würde Crystal Pite mit „Dark Matters“ eine Spitzenposition, wenn nicht gar den ersten Rang einnehmen. Die kanadische Choreografin, die seit kurzem in Frankfurt am Main arbeitet, ließ am Freitag- und Samstagabend nicht nur eine kleine Gliederpuppe, sondern auch schwarze Schattengestalten und grandiose Tänzer auftreten.

Sie alle waren inspiriert von einem Text: Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater. „Der Text ist größer als wir“, sagten Pite und ihre Tänzer auch im anschließenden Gespräch, das nach dem zweistündigen Abend genauso faszinierte wie die zwei ganz unterschiedlichen Teile von „Dark Matters“. Anfangs glaubt man sich fast in die beschauliche Werkstatt von Meister Geppetto versetzt. Auch hier wird am Küchentisch an einer Gliederpuppe gebaut. Die großartig gelingt und ihren Erfinder anfangs mit Stolz erfüllt, aber alsbald auch zur Weißglut treibt.

Nach nur einer halben Stunde, in der das Geschehen durch die suggestive Musik von Owen Belton dramatisch vorangetrieben wird und das Ganze fast so einen Sog wie ein Film entwickelt, endet das, was so zauberhaft begann, in einem Inferno: Die Puppe tötet ihren Meister und über beiden bricht das Haus respektive auch noch das halbe Theater zusammen. Die schwarzen Gestalten, die gerade die Puppe noch so eindrucksvoll bewegten und durch sie selbst bewegt wurden, zeigen im überdimensionierten Schattenspiel, was von der ganzen Sache zu halten ist. Aus Schicksal wird im Handumdrehen Schwindel. Dann kehren sie ungerührt die Überbleibsel des Desasters zusammen.

Zwanzig Minuten später, auf vollkommen leerer Bühne, beginnt der zweite Teil. Letzte Rauchschwaden verziehen sich und eine am Boden liegende Schattengestalt erprobt behutsam den eigenen Körper. Von den Bewegungsabläufen der Gliederpuppe beeinflusst, kreiert sich menschlicher Tanz, zeigen vier Männer und eine Frau nach und nach, an wessen Fäden sie/wir eigentlich hängen, wie jeder vom anderen manipuliert werden kann und es auch selbst mit anderen tut.

Crystal Pite zitiert in „Dark Matters“ mehrfach Auszüge aus Voltaires 1756 veröffentlichtem Gedicht über die Erdbebenkatastrophe von Lissabon, angesichts derer der Franzose seinen Glauben verloren haben soll. Pite stellt überdies Bezüge zwischen der kosmologischen dunklen Materie, der Namensgeberin ihrer Choreografie, und dem menschlichen Dasein her, erkundet immer wieder die Grenzen zwischen dem, was wir wissen und dem was wir nicht erkennen können.

Die volkommen schwarz verhüllte Schattengestalt ist immer da und doch nicht greifbar. Das hat eindrucksvolle poetische Momente und verstörend unerklärbare Bilder zur Folge, die, wie das überraschende Finale, das das Innere der Schattengestalt enthüllt, lange nachwirken. Die Darsteller tanzen vor allem im zweiten Teil unendlich fließend und geschmeidig, setzen ihre Körper so wendig ein, dass das Auge den Richtungswechseln kaum folgen kann. Kidd Pivot, der Name der Compagnie, ist überaus passend: Kidd steht für Außenseiter und Risikofreude, Pivot für Präzision und entscheidende Richtungsänderung. Langanhaltender Beifall für ein hintergründiges Gesamtkunstwerk, das mit Dichte, tänzerischer Schönheit und philosophischem Anspruch überzeugte. Astrid Priebs-Tröger

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